Ausgabe 
(30.6.1896) 54
Seite
408
 
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sich an einem unvergeßlichen Nachmittag ereignet hatten,dagegen gar nichts Neues von dem holden Wesen zuberichten wußten; die er immer dort suchen ließ, wo erihre Gegenwart nicht einmal wünschte. Max hattedarum versucht, auch durch körperliche Boten etwas vonder Beherrscherin seiner Gedanken zu erfahren, hatte abernichts oder doch nichts Zuverlässiges gelernt. DiesesWenige war sogar schlimmer als nichts, denn es gabihm Räthsel auf, und Räthsel hatte er schon übergenugzu lösen. Das größte Räthsel war er sich selber.

Er, der so viel von edlem Stand und altgeachtetenNamen hielt, daß er selber für stolz gehalten wurde, sodaß man nie gewagt hätte, ihm eine reiche Erbin vor-zuschlagen, wenn deren Familie nicht hochangesehen undüber jeglichem Tadel stand, auch solchem, der die Er-werbsquelle betrifft, den man heute leicht vergißt, sobaldMillionen oder große Bruchtheile derselben Mitgift wer-den. Ihn, den stolzen Dr. Heermann, vermochten einPaar dunkle Augen, die allerdings überaus tief undstrahlend waren, bei einem Bänkelsänger als Bewerberum seine Tochter aufzutreten? Und als Bewerberhatte er mit Goldmund im Enthusiasmus des erstenAbends sich ausgesprochen. Er konnte es nicht leugnen,ja er wollte es gar nicht, bereute es bis zur Stundenoch nicht, trotz der Bedenken, die ihm von seiner Ver-nunft vorgehalten wurden. Das Herz hatte Antwortauf alle Einreden der bisher so hochgehaltenen Vernunft;es half dieser gar nichts, wenn sie mit der Stimme despersönlichen Stolzes, des Familienstolzes und des Pro-fefforenstolzes sich verstärkte. Das Herz übertönte dasganze Quartett seiner Gegner und kleidete seine Redenauch in ganz vernünftig klingende Formen. Goldmundwar gar kein Bänkelsänger, sondern ein Künstler, derGutes leisten konnte als Lehrer und Musikkenner, sobaldihm nur Jemand den Weg aus dem Elend herauswies.Seine Tochter war nicht nur gut, sondern vortrefflicherzogen, unberührt von Gesellschaft der Leute geringenSchlags; sie war nirgends wo öffentlich aufgetreten, außerdas eine Mal neben dem Vater. Heermann hatte jaAlles miterlebt und das Verhalten des Mädchens be-wundert. Ein Mädchen vom Werth wie des SängersTochter, deren Namen Max nicht einmal kannte,weil Goldmund mehrere angewandt hatte, brauchte wederTitel noch Wappenschild. Ihr Adel war recht von GottesGnaden und verschaffte sich deshalb Achtung von derganzen edel denkenden Welt. Nur eine Sache reuteHeermann bitterlich. Er hätte Sorge tragen müssen,daß nicht nur die Tochter Goldmunds, sondern er selbernicht mehr auf dem Drachenfels sang, bevor nicht dieEntscheidung gefallen war, ob er des Mädchens Herz ge-winnen werde oder nicht. Sobald sie ja gesagt zu seinerWerbung, konnte er sofort ihr ein sicheres, wenn auchbescheidenes, auf Arbeit gegründetes Heim bieten. Erwar überzeugt (und das Wohlgefallen, das Frau Führer,die edle, angesehene und erfahrene Dame, an dem Mäd-chen genommen hatte, bestätigte seine Ueberzeugung), daßdie Frau seiner Wahl allgemeine Achtung erlangen undverdienen werde. Es lag ihm aber doch sehr daran, daßihr Vater nicht in seiner Heimath als Bänkelsänger be-kannt und vielleicht belacht würde. Bei jener Unter-redung mit dem alten Sänger hatte er seine Absicht, umder Tochter Hand zu bitten, so schnell offenbaren müssen,um für sie das Versprechen zu erlangen, an dem ihmam meisten gelegen war, das durch die sonderbaren Reden

und Verwechslungen des Alten bedroht schien. Sehrfatal war ihm alsdann die Pflicht in die Quere gekom-men, die ihn nach Bonn abrief. Er hatte nicht darandenken können, das Mädchen noch einmal zu sehen, hatteam Quartier Goldmunds, zu dem er auf die Gefahr hin,den Zug zu versäumen, noch geeilt war, den Bescheiderhalten, er sei zu seiner Tochter schon früh aufs Landgegangen. So war es gekommen, daß Max keine Botenmehr hatte, als seine Gedanken, die so ganz anders ge-worden waren, seit ein holdes Mädchen sich in sein Herzhineingeblickt, gelacht und gesungen hatte.

Um aber doch seine Gedanken bisweilen auch fürAnderes als Liebessorgen verfügbar zu haben, hatte Heer-mann von Mainz aus dem alten Goldmund geschrieben,ihm gesagt, daß er auch nach reiflicher Erwägung fest-halte an dem Vorhaben, welches er rasch geäußert hatte.Er berufe sich auch auf das gestern Gesagte und bittezunächst, ihm Nachricht von sich und seiner Tochter undderen Verweilen zu geben. Mehr schriftlich zu sagenwagte er nicht. Bei dem zerstreuten Goldmund konnteein Brief wunderliche Schicksale haben.

Goldmund war aber nicht minder behutsam alsMax. Seine Antwort, in großen, ungelenken Buchstabengeschrieben, enthielt wenig mehr als allgemeine Artigkeits-floskeln; keine andere Mittheilung über seine Tochter,als daß es ihr gut gehe, sie nach ihrem Geschmack ver-sorgt sei, ihr verletztes Händchen Pflegen könne, umsoruhiger, als er, Goldmund, nicht bet Stimme sei undvorderhand ihrer Dienste nicht bedürfe.

Diese Zeilen enthielten Beruhigendes, aber eS wardoch verzweifelt wenig in Heermanns Lage, dem dieArbeit über den Kopf wuchs, und der vor dem Congreßauch nicht für einen Tag abkommen konnte. Einzweiter Brief an Goldmund hatte keinen besseren Erfolg. Auch in dieser Antwort, die einige Tage ausgebliebenwar, gab der Alte weder Auskunft über die Adresse seinerTochter, noch über ihr Ergehen und ihre Gesinnung.Es hieß nur, Dr. Heermann möge der Dankbarkeit undVerehrung von Vater und Tochter gewiß sein. Letztererkönne er keine Grüße ausrichten, da sie eine kleine Reiseangetreten habe.

Max bebte vor Ungeduld als er diesen Brief las.Eine Reise? Warum sagte Goldmund nicht, wohin?Mit wem? Zu wem? Was hätte Max darum gegeben,wenn er frei gewesen wäre, um Goldmund persönlich zubefragen und zugleich ihm Lektionen über Genauigkeitim Briefstil beizubringen. Er mußte aber in Mainz aushalten und über Hals und Kopf weiter arbeiten, unddas ward um so schwerer, als ihm durch einen Lands-mann, einen Geistlichen aus Bonn, dem er am Mainzer Dowplatz begegnete, eine Vermehrung der Unruhe ge-bracht wurde.

Der gesprächige Herr hatte ihn zu erfreuen gedachtund ihm eilig erzählt, es gehe seiner Tante, dem ver-ehrten Fräulein Stark, gut; er habe sie recht munterund gut aussehend angetroffen, als er aus Nonnenwerth von einem Besuch bet dem Hausgeistltchen daselbst zurück-kommend, aus der Fähre gestiegen sei. Sie habe imVerein mit verschiedenen Damen und Herren eine Can-didatin oder Pensionärin begleitet, eine Musikerstochter,soviel er gehört habe, deren Stimme voraussichtlich beimKirchenchor recht erwünscht sei.

Der Unglücksrabe wußte weiter nichts, nicht einmalob die Candidatin schön sei, goldnes Haar und dunkle,