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wunderbare Augen habe. — Er sah sogar recht ver-wundert und fast ein bischen malitiös aus, weil ihmsolche Kenntniß zugemulhet wurde, und das von einemmit gelehrten Arbeiten beschäftigten Mann, den doch dieCandidatinnen von Nonuenwerth nichts angingen.
Dieß letzte Räthsel war es, was noch dem Faß denBoden ausschlug. Bei Anwendung dieses Vergleichsbleibt zweifelhaft, ob des jungen Professors Geduld jeausgiebig genug war, um ein Faß zur Aufbewahrungzu bedürfen. Jedenfalls war sein Vorrath nun zq Ende.Der Congreß in Frankfurt sollte aber eben jetzt seinen
Anfang nehmen, zu dem Or. Heermann angemeldet war,und zwar — als Sekretär einer Sektion. Mit unlös-baren Räthseln im Kopf kann aber kein Mensch arbeiten,noch dazu wenn er von ungehorsamen Gedanken gequältwird, die nun ihren Flug nicht mehr zum Drachenfels ,aber zu dem Nonnenkloster am Fuße des Berges auf derRheininsel machten. Trotz aller Beharrlichkeit konnten sieaber nicht ergründen, wer die Candidatin sei, die dort-hin in der Fähre gefahren war, wer die begleitendenHerren und Damen, und was in aller Welt Mina, dievtelgeschäftige Tante Mina, bei der Sache zu thunhatte? Welchen Beruf hatte sie, Musikerstöchter zum
Kirchenchor der Nonnen zu geleiten? War sie etwa durchFrau Professor Führer auf Goldmunds Tochter aufmerk-sam gemacht worden? Hatte dieser Wahrheit gesprochen,als er von seiner Tochter Klosterberuf sprach und vonNonnenwerth als dem Ort, wo sie nach ihrem Geschmackuntergebracht sei? — Schönes Unterbringen dieses! Dawäre ihm das Theater noch lieber gewesen. Vom Theaterkonnte er das Mädchen seiner Wahl wegholen, wenn sienur wollte. Aus dem Kloster gab es kein Entrinnen.Die lächerlichsten Vorstellungen, die Goldmund sich vomGefängniß des Klosterlebens gemacht hatte, wurden plötz-lich von dem klugen, ruhig urtheilendenMax adoptirt. Am Ende hatte TanteMina, vielleicht durch feinen Bruderunterrichtet, seine Neigung bemerkt undhalf nun, das Mädchen, das dem Fa-milienstolz nicht entsprach, aus dem Wegzu räumen? Daß dies Wahnsinn war,wußte Max. Die gute Tante Minawürde eher behilflich gewesen sein, ihmzu seiner Herzenswahl zu helfen. Erwollte an sie schreiben, fürchtete aberdoch, sich lächerlich zu machen.
Es blieb keine Wahl; wollte Maxbei dem Congreß etwas leisten, wie essein Ehrgeiz verlangte, so mußte vor-her diese Unruhe aus seinem Gemüth.Nur eine Unterredung mit Goldmundkonnte es bewirken. Deßhalb hatte Maxan den Sänger geschrieben, ihn gebeten,zu einer Unterredung mit ihm zu kom-men, und zwar nach Frankfurt , wodurchihm Zeit für Antwort und Reise blieb.Er hatte dem von Mainz aus abge-sandten Brief eine Fünfzigmarknote bei-gelegt, obgleich er zagte, damit den Altenzu beleidigen. Um so herzlicher hatteseine Bitte gelautet, ihm-den Dienst zuleisten, der rein zum persönlichen Nutzendes Bittstellers erbeten werde. Antwortüber Zeit und Ort der Zusammenkunfthatte Max xosbs rastunts Frankfurt erbeten.
Als der Zug aus Mainz in Frankfurt anlangte, eilte Max sofort auf dieCentralpost. — Ein Brief an ihn lagda, aber er war aus Mehlen , vonWalter. Ohne ihn zu öffnen steckteMax ihn zu sich. Auf ein Telegrammhatte er nicht gerechnet, doch sparte erden Weg nicht,zum Telegraphenamtund sollte belohnt werden.
Eine Depesche lag vor mit seiner ausführlichenAdresse. Vor- und Zuname, Titel, Amt, Mitgliedschaftdes Congreffes rc. — nichts fehlte. Der Inhalt warum so lakonischer.
Heute. Punkt 3 Uhr. Frankfurter Hof. Nr. 24.
Goldmund.
Das Datum war aus Bonn . — Heermann warso erfreut über das Resultat seiner Bestellung, daß ervergaß nachzurechnen, auf welche Weise so bald schonGoldmund in Frankfurt eintreffen wollte, da der passendsteZug erst gegen fünf Uhr Abends von Bonn ankommt, u. weß-halb er den besuchtesten, theuersten Gasthof zum Ort der