Ausgabe 
(10.7.1896) 57
Seite
429
 
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^ 57. Irettag, den 10. Juli 1896.

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas <L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler ).

Irauenyerz und Kranenwatten.

Lebensbild von Mary Dobson.

(Fortsetzung.)

Herr Doktor ^ brachte schnell sich erhebendHedwig leise hervor. Er folgte ihrem Beispiel undfuhr zugleich mit tieferer Stimme fort:

Hedwig, sollte ich dennoch vergeblich gehofft, ver-geblich in dem Gedanken, auch Ihnen theuer zu sein,mein höchstes Glück gefunden Habens Sprechen Sie,lassen Sie mich mein Schicksal erfahren, denn diese Un-gewißheit wird mir zur höchsten Qual!"

Was was soll ich Ihnen sagen?" fragte zuihm aufblickend leise und zaghaft Hedwig.

Daß Sie mich lieben, die Meine sein wollen,mein theures Weib, das mir das Dasein verschönt undmir dadurch immer neue Kraft zu meinem oft schwerenBeruf giebt I"

Bei dem Gedanken, dem geliebten Mann so vielsein zu können so viel sein zu wollen, zog ein freu-diger Muth in Hedwig ein, und statt einer Antwortrichtete sie die feuchtschimmernden, doch liebestrahlendenAugen langsam und zuversichtlich zu ihm auf, und ermußte ihnen die begehrte Antwort entnommen haben,denn ihre Hände ergreifend, rief er freudig:

Du liebst mich, Hedwig, willst die Meine werdenfürS Leben, bis der Tod uns trennt?"

Ja, Albrecht, die Deine fürs Leben, bis der Toduns trennt", wiederholte sie tiefbewegt, doch mit sichererStimme, und bekräftigte ihre Worte durch den Druckihrer Hände. Dann fühlte sie sich von seinen starkenArmen umschlungen, ihre Lippen begegneten sich zumVerlobungskuß, und in leisem, zärtlichem Geplauderstand nun, alles um sich her vergessend, das Liebespaarda. Der Schall der Hausglocke rief sie in die Wirklich-keit zurück, und sich aus den Armen ihres Verlobtenlosmachend, sagte Hedwig:

Es müssen der Onkel und die Tante sein, wasaber werden sie sagen"

Sie vernahmen in der That Herrn und FrauReichardt's Stimme, welche alsbald das Zimmer be-traten, wo hocherglühend Hedwig Letztere mit beidenArmen umschlang, während Dr. Günther Beide, welcheahnten was stattgehabt, mit sichtlicher Erregung begrüßteund darauf sagte:

Geben Sie Zustimmung zu unserer Verlobung,

Herr und Frau Reichardt, denn unsere Liebe kann Ihnennicht entgangen seinl"

Diese ertheilten die begehrte Einwilligung und be-glückwünschten dann das Brautpaar, und bald saß derkleine Kreis in freudiger, gehobener Stimmung beisam-men. Mit inniger Theilnahme sahen die Pflegeelternauf die glück- und freudestrahlende Hedwig und vollBefriedigung auf deren Verlobten, dessen Herz, Charakterund große Begabung ihnen eine sichere Bürgschaft fürihre Zukunft war.

Als Dr. Günther auch an diesem Abend im Hauseanlangte, entdeckten, seinen Gruß erwidernd, seine Mattierund Schwester seine unverkennbare freudige Erregung,und Erstere konnte sich nicht enthalten zu sagen:Dirist gewiß etwas Glückliches widerfahren, Albrecht!Sind Deine Patienten"

Ja, Mutter, etwas sehr Glückliches, über das auchIhr, wie ich hoffe, Euch freuen werdet", erwiderte erlebhaft und erzählte ihnen, daß und mit wem er sichverlobt. Seine Schwester wünschte ihm in herzlicherWeise Glück, ebenfalls herzlich, wenngleich ruhiger, thatdieß seine Mutter, wozu sie sich indeß zwingen mutzte,um nicht die freudige Erregung ihres Sohnes zu stören.Dieser erzählte ihnen dann eingehend die Geschichteseiner Liebe, versprach ihnen, wenn möglich, seine Brautam folgenden Tage zuzuführen, und begann auch schonfür Alle ZukunstSpläne zu bauen, bemerkte aber in seinerfreudigen Stimmung nicht, daß seine Mutter kaumdarauf einging.

Als sie sich für den Abend von ihm getrennt, sagteFrau Günther zu ihrer Tochter:

Also die ist es doch geworden, Bertha, und nochgestern Abend sprachen wir über"

Mutter ", unterbrach diese schnell und bittend,laß jetzt alle solche Gedanken schwinden! FreueDich vielmehr über das sichtliche Glück Deine?Sohnes"

Wenn es ein Glück sein wird, Kind", erwidertemit Nachdruck Frau Günther.Bedenke doch nur, anwelcher Krankheit ihre Mutter gestorben ist."

Frau Nothenfels hatte, wie Frau M. uns seinerZeit erzählte, ein Nervenleiden, weßhalb sie sich in eineAnstalt für solche Kranke begeben", versetzte ruhig dieTochter.

Und das Ende derselben wäre höchst wahrschein-lich Irrsinn geworden, vor dem glücklicherweise der Tot »