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sie bewahrt, was ebenfalls uns Frau M. erzählt", sprachnochmals mit Nachdruck Frau Günther.
Diesen Worten folgte eine längere Pause, welcheBertha unterbrach und mit merklicher Betonung sagte:
„Mutter, Albrecht hat, nachdem er Neichardt's solange gekannt, dieses alles gewußt. Wenn nun als Arzter sich ohne Bedenken mit Hedwig Rothenfels verlobt,so kannst auch Du über seine Verlobung ruhig seinund darfst vor allen Dingen ihm gegenüber nie Be-fürchtungen, wie Du sie offenbar hast, äußern!"
„Das werde ich keinesfalls thun", erwiderte zwarwenig überzeugt Frau Günther und fügte nach aber-maliger Pause hinzu: „Er will uns seine Braut viel-leicht schon morgen zuführen-"
„Ich freue mich, sie zu sehen!" rief lebhaft Bertha,hoffend ihrer Mutter Sorgen nach und nach schwindenmachen zu können. „Wir wollen sie, die doch eineelternlose Waise ist, herzlich und liebevoll aufnehmen,nicht wahr, Mutter?"
„Gewiß, Kind", entgegnete Frau Günther, „müssenwir das doch schon Albrecht'S wegen thun! — EinAnderes wäre es allerdings, würde er mir FräuleinKeldheim als Tochter bringen — —"
„Aber, Mutter, kannst Du auch jetzt noch anFräulein Feldheim als eine solche denken? — Wie hastDu es überhaupt gekonnt?" fragte mit leichtem Nach-druck ihre Tochter. '
„Das weiß ich allerdings nicht", versetzte sinnendFrau Günther, „doch habe ich, wenngleich ich sie nie'gesehen, Albrecht'S Beschreibung zufolge eine mir selbstunerklärliche Zuneigung zu ihr gefaßt. Wenn ich zu-weilen an sie denke, ist mir's als ob wir wirklich bekanntseien, und ich kann mich auch der Ahnung nicht erwehren,daß wir noch einmal und auf besondere Weise in nähereBeziehung zu einander treten werden!"
'„Da in der Welt nichts unmöglich ist, kann manauch das nicht wissen", versetzte ihre Tochter mit leisemLächeln, zwar nicht den Gedankengang ihrer Mutter be-greifend, die nie phantastischer Natur gewesen, und erhobsich, um ihre letzten häuslichen Arbeiten zu besorgen,während diese sinnend an ihrem Platz verblieb.
Als Beide sich später zur Nutze begaben, mied nochlange der Schlaf ihre Augen, doch waren es nichtfreudige Gedanken, welche sie beschäftigten, denn auch beiBertha machten sich, wenn auch nur leise, die Befürch-tungen ihrer Mutter geltend.
VIU.
Frühzeitig am folgenden Abend, nachdem er solange unaufhörlich in Anspruch genommen gewesen, er-schien Dr. Günther mit seiner Braut bei seiner Mutterund Schwester, und Dank Berthas verständigen und be-ruhigenden Vorstellungen ward sie auch von Ersterervoll Liebe und Herzlichkeit begrüßt. Hedwig fühlte sichdadurch wohlthuend berührt und war selbst mit demfesten Vorsatz gekommen, alles aufzubieten, um sich dieZuneigung der nächsten Verwandten ihres Verlobten zuerwerben, welche, wie sie wußte, diesem in hohem Gradewerth und theuer waren. Als einmal das erste Gefühldes Fremdseins überwunden, begann auch eine vertrau-liche Stimmung sich geltend zu machen, obgleich FrauGünther es nicht unterlassen konnte, ihre künftigeSchwiegertochter nebenbei forschend zu beobachten. Hed-wig'S blühendes Aeußere aber, namentlich ihre ausdrucks-vollen und doch so ruhig blickenden Augen, wie ihr eben-
falls ruhiges, wenn auch, genau genommen, über ihreJahre hinaus bestimmtes und doch wiederum bescheidenesAuftreten und Benehmen, ließen auf eine vollkommenegeistige und körperliche Gesundheit schließen. Ihre Be-sorgnisse, die sie den ganzen Tag beschäftigt, tratendaher für den Augenblick in den Hintergrund.
Dr. Günther aber konnte nicht lange Zeit im trau-lichen Kreise seiner Familie verweilen, denn seineSchwester sagte ihm, daß gegen Abend Fräulein Feld-heim geschickt habe und ihn bitten lasse, noch zu ihremVater zu kommen. Da er wußte, daß dieß nicht ohnedringenden Grund gewesen, war er im Begriff der Auf-forderung Folge zu leisten, als in scharfem Trabe einWagen vorfuhr, und sogleich auch die Hausthür geöffnetward. Auf den Flur hinausgehend, erblickte er denFeldheim'schen Hausdiener, welcher mit verstörtem Ge-sicht hastig sagte, das Fräulein habe ihn nochmals ge-schickt, um Dr. Günther zu holen oder ihn aufzusuchen,da sein Herr sehr krank geworden.
Dieser erklärte sich bereit, ihn sogleich zu begleiten,und ins Zimmer zurückkehrend theilte er dieß den ihnerwartungsvoll ansehenden Frauen mit, dann seine Brautumarmend sagte er ernst:
' ' „Hedwig, Du lernst schon heute kennen, daß stetsdie Familie eines Arztes seinen Patienten zurückstehenmuß, doch lasse ich Dich bei meiner Mutter, die Dichauch nach Hause geleiten lassen wird, falls ich nichtrechtzeitig hier bin", und Alle flüchtig grüßend verließer das Zimmer, und gleich darauf fuhr der Wagenschneller als er gekommen davon.
Bei seinem bewußtlos daliegenden Patienten ange«langt, sah Dr. Günther schon nach oberflächlicher Unter-suchung, daß er einen Schlaganfall gehabt, nur einAderlaß die Bewegung des stockenden Blutes herzustellenvermochte, und wandte diesen nach kurzer Verständigungmit seiner besorgten, dennoch aber gefaßten Tochter an.Das energische Mittel war von Erfolg, denn Herz undPulse begannen schneller zu schlagen, nach einer Weileöffnete er auch die Augen, doch war sein Blick bewußt-los, und bald schloffen sich die Lider wieder. Dr. Güntherübertrug nun dem Wärter die äußere Anwendung vonbelebenden Essenzen, verschrieb noch einige Mittel underklärte Marien, für den Augenblick überflüssig zu seinund noch einige Kranke besuchen zu wollen. In etwaeiner Stunde werde er wiederkommen, und hoffe er, daßdann der Zustand ihres Vaters sich gebessert habe, undsie grüßend verlieh er das Zimmer und das Haus. —
Später als er gedacht, kehrte Dr. Günther zu seinemPatienten zurück, in dessen Befinden keine Veränderungzum Bessern eingetreten. Er sah dieß mit bedenklichemGesicht, was auch der ihn beobachtenden Marie nichtentging. Es mußten weitere Versuche gemacht werden,ihn diesem ethargischen Zustand zu entreißen, und wen-dete er noch einen Aderlaß und die verschiedensten Reiz-mittel an. Nach längerer Weile erschien dieß auch vonErfolg zu sein, denn der Kranke öffnete die Augen undblickte wie suchend umher. An seiner Seite stehend be-merkte dieß Marie, neigte sich über ihn und legte zu-gleich ihre lebenswarme Hand auf die seine. Er schiendie Berührung zu empfinden, denn er bewegte die seinigeleicht, sah auch in die besorgt und liebevoll auf ihn ge-richteten Augen seines einzigen Kindes — schien sprechenzu wollen, doch bewegten sich nur seine Lippen — imnächsten Moment aber war wiederum jedes Zeichen von