rückkehrendem Leben verschwunden, und Mit geschlossenenAugen lag er da. So verging wohl eine Viertelstunde,Marie stand unbeweglich an seinem Bette, Dr. Güntherihr zm Seite, während der Wärter sich an das Fußendezurückgezogen. Dann sahen sie, daß ein merkliches Zuckendurch seinen Körper ging, die Hände schlössen sich festauf der weißen Decke, in den Gestchtszügen ging dieVeränderung vor, durch die stets der eintretende Todsich offenbart, der Mund öffnete sich leicht, und mit einemSeufzer war das Leben aus der einst so kräftigen, statt-lichen Hülle entflohen. —
Marie, welche zwar noch Niemand hatte sterbensehen, wußte nur zu gut, daß sie ihren Vater verloren,neigte sich aber gefaßt zu ihm und berührte seine schonerkaltende Stirn mit ihren Lippen. Dann aber machtesich das Gefühl des gänzlichen Alleinstehens geltend,einen Augenblick schienen ihr die Kräfte verlassen zuwollen. Dr. Günther trat sie näher, sie richtete sichjedoch auf und begab sich in das Wohnzimmer, wohiner ihr folgte, indeß der Wärter bei der Leiche zurück-blieb.-
„Herrn Feldheim's Bestattung hatte unter großerBetheiligung von Bekannten und früheren Geschäfts-freunden an der Seite seiner ihm im Tode vorange-gangenen Gattin und Kinder stattgefunden, und Mariestand nun allein in der Welt da. Sie betrauerte ihrenVater tief und entbehrte ihn eben so schwer, da er solange der Hauptgegenstand ihres Thuns und Denkensgewesen. Doch war sie nicht der Charakter, sich einerunthätigen Trauer hinzugeben, hatte auch nicht die Zeitdazu, denn wenngleich die einzige Erbin ihres Vaters,der für einen verhängnißvollen Fall Alles geordnet,wurde sie dennoch nach allen Richtungen hin in Anspruchgenommen. Zwei tüchtige Männer, sein langjährigerAnwalt und der jetzige Besitzer seines Geschäftes, standenihr zur Seite und waren auch die Vollstrecker seinesletzten Willens.
Dr. Günther hatte sie nur einmal wiedergesehen.Es war dieß am Tage nach dem Tode ihres Vatersgewesen, wo er den vorschriftsmäßigen Todtenschein aus-gestellt und sie dessen plötzliches Ende besprochen, daseine Herzlähmung herbeigeführt.
Am dritten Morgen nach der Bestattung, wo sieihren Anwalt erwartete, wurden ihr die Zeitung undmehrere zierliche Briefe gebracht, wie sie deren der Trauerwegen viele erhalten. Sie nach einander öffnend, fandsie in einem derselben zwei Karten, die sie überraschtdem Couvert entnahm, und auf denen sie die Namen„Albrecht Günther, Dr. med., und Hedwig Nothenfels"las. Einen Augenblick starrte sie auf diese Namen, lassie nochmals, und das verrätherische Blut färbte ihreWangen und machte ihr Herz lauter klopfen, dann aberdie feinen Blätter in die Hülle zurücksteckend, stand sieruhig da, auch auS ihrem bleichen Gesicht war fast jedeAufregung verschwunden, und sie legte zur Beantwortungdie Verlobungskarien auf den Schreibtisch. Als nacheiner Weile der Anwalt erschien und mit ihr überDr. Günther's Verlobung sprach, deren Anzeige er inden Zeitungen gelesen, ging sie unbefangen darauf einund erkundigte sich nach der Braut. Der JustizrathRichter konnte ihr die genaueste Auskunft über HedwigNothenfels geben, wußte auch, wo ihr Verlobter siekennen gelernt, und fügte hinzu:
„Die hübsche Braut scheint gesund und kräftig zu
sein und nichts von der Schwäche der Mutter geerbtzu haben."
„Was war es mit der Mutter, Herr Justizrath?"fragte schnell Marie.
„Sie ist vor bald zwei Jahren in einer Heilanstaltfür Nervenleidende am Rhein gestorben, und HerrNeichardt hat die Leiche mit der verwaisten Tochter ge-holt. Da als Arzt Dr. Günther kein Bedenken gehabt,sich mit dieser zu verloben, so muß er das Leiden derMutter wohl nicht hoch angeschlagen haben, obgleich man
leider aus Erfahrung weiß-"
„Was?" fragte Marie, als er stockte.
„Daß dergleichen Nerven- oder GemüthSkrankheitensich leicht vererben, lange im Körper verborgen bleibenund plötzlich hervorbrechen. Mir sind aus meiner Praxisviele dergleichen Fälle bekannt, und könnte ich Ihnenhiesige Familien nennen, deren Verwandte —"
„Wir wollen hoffen, daß Fräulein Nothenfelskeinerlei Anlage zu der traurigen Krankheit ihrer ver-storbenen Mutter hat, die wahrscheinlich auch nur einzufälliges Leiden gewesen", unterbrach ihn Marie, „unddaß sie und Dr. Günther ein recht glückliches Paarwerden." -
„Da stimme ich Ihnen bei", entgegnete der An-walt, „und hoffen sie das gewiß auch selbst-"
„Und nun zu meinen Angelegenheiten, Herr Justiz-rath", schnitt Marie jede weitere Bemerkung ab, „undin diesen haben wir uns wohl zuerst mit dem Erbschafts-amt zu beschäftigen --"
Ja, Fräulein Fcldheim", und er nahm ein PacketActen vom Tische auf, die er zu dem Zwecke mitge-bracht, während Marie aus dem Sicherheitsschrank ihresVaters einen Kasten mit Papieren holte, auf welchejene sich bezogen, und mit ihm an die erste selbstständigeArbeit ging, die als Erbin eines bedeutenden Vermögensihr zugefallen.
Fast eine Woche nach dem Eintreffen der Ver-lobungskarten erschien spät eines Nachmittags Dr. Günthermit seiner Braut bei Marien. Sie hatte diesen Besucherwartet und trat ihnen mit der ruhigen Würde ent-gegen, die sie Ersterem gegenüber stets zur Schau ge-tragen. Nach gegenseitiger Begrüßung und Hedwig'sVorstellung wünschte sie ihnen nochmals Glück zu ihrerVerlobung, wofür Dr. Günther ihr auch im Namenseiner Braut dankte und, während diese die bleiche,tieftrauernde Marie betrachtete, die das Ideal ihrerSchwiegermutter, ohne sie je gesprochen zu haben, hin-zufügte:
„Lassen Sie uns ebenfalls hoffen, Fräulein Feld-heim, daß Sie sich bald von dem gehabten schweren
Verluste erholen werden-"
„Das werde ich, Herr Doktor", entgegnete mitleichter Gemessenheit Marie, „sobald ich einigermaßen
zur Ruhe gekommen sein werde-"
„Sie müssen jedenfalls für Ihre Gesundheit sorgen",unterbrach mit leichtem Nachdruck der Arzt, „denn dielange Pflege Ihres verstorbenen Vaters hat in der ThatIhre Nerven und Kräfte angegriffen!"
„Ich werde reisen und alle jene Gegenden auf-suchen, die mein Vater mit mir besuchen wollte", ant-wortete Marie, die es nicht hindern konnte, daß eSmerklich um ihre Mundwinkel zuckte, was auch Dr.Günther und Hedwig voll Theilnahme sahen.
Es trat eine Pause ein, die Ersterer unterbrach.