Ausgabe 
(10.7.1896) 57
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indem er im Nacken seiner Mutter und Schwester an-fragte, ob es ihnen gestattet sei, Marien ebenfalls ihreTheilnahme auszusprechen, und diese erklärte, daß sie er-freut sein würde, sie zu sehen. Dann erhob sich dasBrautpaar, um Abschied zu nehmen, und nach wenigenMinuten war die junge Herrin des Hauses allein. Siestand inmitten des Zimmers, in welchem der Leser siekennen gelernt, starrte eine Weile in die helle Ofengluth,die wie damals den Raum erhellte, schlang endlich beideHände in einander und brachte, während ihre Gesichts-züge einen scharfen, harten Ausdruck annahmen, halb-laut die Worte hervor:

Sie ist schöner und jugendlicher als ich, und ichsollte sie hassen, daß sie seine Liebe gewonnen ge-wonnen, als ich"

Sie ging eine Weile im Zimmer auf und ab undstand abermals still. Ihre Züge hatten einen milderenAusdruck angenommen, feucht schimmerten die ausdrucks-vollen, tiefblauen Augen, und mit weicher, leiser Stimmesagte sie:

Nein, nein, ich will sie nicht hassen, wenn ich sieauch noch nicht zu lieben vermag, sie meine Liebe auchnicht begehrt. Die Wege der Vorsehung aber sindwunderbar, und wer weiß, wie ich ihr noch einmal nahetreten werde, die jetzt eine glück- und liebestrahlendeBraut ist!"

Einige Tage später ließen Frau Günther und ihreTochter sich bei Marien melden, die, ihnen freundlichentgegengehend, sie willkommen hieß. Sie standen sich mitforschenden, prüfenden Blicken, besonders von FrauGünther's Seite, gegenüber, während Bertha erfreut war,diejenige kennen zu lernen, für welche ihre Mutter einewachsende Zuneigung empfand. Diese sprach in herz-lichen Worten Marie ihre Theilnahme bei ihrem schwerenVerluste aus, wofür sie dankte und der Verlobung ihresSohnes erwähnte.

Auch dieser förmliche Besuch, der Menschen zu-sammenführt, welche bestimmt waren, sich nach und nachfür kommende schwere Zeiten näher zu treten, ging zuEnde, und mit der ganzen liebenswürdigen Freundlichkeit,die ihr eigen war sobald sie dieselbe äußern wollte undkonnte, entließ Marie Dr. Günther's Mutter undSchwester, welchen sie versprach, sie schon in der nächstenZeit aufsuchen zu wollen. Sie führte dieß aus undlernte bei dieser Gelegenheit auch die gerade anwesendenNetchardt's kennen, welche sie ihrer ganzen Theilnahmeversicherten. Durch die Geschäftsverbindungen war HerrReichardt mit ihrem verstorbenen Vater bekannt gewesen,und so hatten sie manche Berührungspunkte gehabt.

IX.

Monate waren verflossen, der Frühling dahinge-schwunden und auch der Sommer im Begriff dem HerbstPlatz zu machen. Zu Anfang September stand aneinem schönen Morgen Marie Feldheim am Fenstereines hübschen Wohnzimmers in einer Villa an derHauptallee von Baden, wo sie am Tage zuvor angekom-men war. Gegen Ende Juni, als ihre geschäftlichenAngelegenheiten soweit geordnet waren, daß ihre persön-liche Anwesenheit nicht uehr dazu erforderlich war, hattesie ihre Vaterstadt verlassen, auf Dr. Günther's Ratheinige Wochen tm Harz zugebracht, darauf das SeebadHelgoland gebraucht und war dann nach Baden gereist,wo sie vor mehreren Jahren während längerer Zeit mitihrem Vater gewesen. Ihr Haus hatte sie der Obhut

ihrer langjährigen Haushälterin und des zuverlässigenHausdieners übergeben, während die zweite Dienerin siebegleitete.

Noch immer auf die belebte Straße hinausblickend,wo Menschen aus fast allen Gegenden der Erde inbuntem Gemisch zu sehen waren, hörte sie die Thüröffnen und sah einen Kellner eintreten, welcher ihr einenBrief und die Zeitung aus ihrer Vaterstadt brachte.Sie öffnete und las ersteren, der von Justizrath Richterwar, welcher ihr geschäftliche Mittheilungen zu machenhatte, und dann die Zeitung Zur Hand nehmend, suchtesie die Familiennachrichten auf. In diesen fand sie mitder BemerkungStatt besonderer Meldung" unter denHeirathsanzeigen die von Dr. Albrecht Günther undHedwig Rothenfels; es hatte dem Datum nach dieHochzeit schon vor mehreren Tagen stattgehabt. BeimLesen derselben klopfte einmal wieder ihr Herz lauter,und sie blickte eine Weile auf die beiden Namen. Dannaber sagte sie leise und resignirt:

Mögen sie glücklich sein und es immer mehrwerden, so glücklich, wie ich es ihnen wünsche und dazubeitragen will, wenn ich es kann. Das soll und wirddann mein Lebensglück sein, auf ein anderes warte ichnicht mehr!"

Marie blieb während des ganzen Monats in Baden,wo sie außer anderen Bekanntschaften auch die einesälteren englischen Ehepaars machte, das mit einer kränk-lichen Enkelin auf dem Continent verweilte. Mr. undMrs. Stanfield lernten sie kennen und hochschätzen,und die sechzehnjährige Florence Hope hatte bald eineschwärmerische Zuneigung zu ihr gefaßt. Da die Familieden Winter in Wiesbaden zu verleben gedachte, so machtesie Marien den Vorschlag, dasselbe zu thun, und Florenceunterstützte dieß durch lebhaftes Bitten. Sie war mitihrem Vater ebenfalls in Wiesbaden gewesen, hatte je-doch die Genüsse des weltberühmten Bades nicht kennengelernt, wußte aber, daß der Winter ihr dort auf ange-nehme Weise vergehen würde, und ging auf Stanfield'sVorschlag ein, die sämmtlich hocherfreut waren, sie inihrer Nähe behalten zu können, und es wurde beschlossen,zu Ende Oktober nach Wiesbaden zu reisen.

Der Winter verfloß in der That dem kleinen Kreisein angenehmster Weise, und als der April herangekom-men und Stanfield's daran dachten, nach England zu-rückzukehren, baten sie Marie, sie zu begleiten, für denSommer ihr Gast zu sein und zugleich einen Theilihres Vaterlandes kennen zu lernen. Durch diese Ein-ladung ging ihr ein langgehegter Wunsch in Erfüllung,und da im Vaterhause und in der Vaterstadt Niemandihrer wartete, nahm sie dieselbe dankend an, theilte ihremAnwalt wie auch ihrer Haushälterin ihren Entschluß mitund reiste im April mit der hocherfreuten Familie Stan-field nach London .

An einem der ersten Tage des begonnenen Herbstesnäherte sich gegen acht Uhr Abends der Etsenbahnzugder Stadt . . . ., und in einem Coups erster Klasselehnte sinnend Ataris Feldheim und fragte sich endlich,ob nach fast fünfzehnmonatlicher, in steter Abwechslungverlebter Abwesenheit es ihr in der Vaterstadt wiedergefallen würde. Ein wehmüthiger Zug überflog ihr Ge-sicht, das frisch und blühend von wiedergekehrter Kraftund Gesundheit sprach, ihre tiefblauen Augen schimmertenfeucht, aber entschlossen sagte sie:

Es soll und muß mir wiederum in der Heimatb