gefallen, in der ich von der Vorsehung so reich vorvielen Anderen bevorzugt bin, und in dem neuen thätigenLeben, das ich beginnen werde, finde ich ebenfalls Zer-streuung und Abwechslung!"
Der Zug hatte die Stadt erreicht. Ein langgezo-gener Pfiff — dann hielt er und Marie Feldheim warangekommen. Auf dem Perron der Einfahrtshalle war-teten viele Menschen; ihr scharfer Blick sah bekannteGesichter. Da erschien eiligen Schrittes ein hochgewach-sener Mann, und als der Schaffner die Thür öffneteund der Justizrath Richter ihr mit herzlichen Wortendie Hand Zum Aussteigen bot, reichte ihr auch Dr. Gün-ther die seinige und sagte lebhaft:
„Seien Sie herzlich willkommen in der Heimath,Fräulein Feldheim, und nehmen Sie auch die bestenGrüße der Meinigenl"
Marie erwiderte freundlich und mit sicherer Stimmeauf den Gruß der beiden Männer, und als der Dienerherantrat — ihre Dienerin hatte sie von Wiesbaden zurückgeschickt — übergab sie diesem, ihn ebenfalls be-rüßend, die Besorgung ihres Reisegepäcks und schrittann dem ihrer wartenden Wagen zu, indem sie zugleichDr. Günther nach seiner Familie und besonders nacheinem kleinen, vierwöchentlichen Sohn fragte.
„Es geht ihm prächtig", erwiderte er mit freude-strahlenden Augen, „und meine Frau hat vollauf mitihm zu thun, da sie ihn keinen fremden Händen über-lassen will. Wie es Ihnen gegangen, haben wir stetsvon dem Herrn Justizrath erfahren, und bestätigt IhrAeußeres seine günstigen Nachrichten!"
„Ich befinde mich allerdings sehr wohl", entgegneteMarie, „und schreibe dieß besonders der Luft von Alt-england zu!"
Sie hatten den Wagen erreicht, Dr. Günther halfihr einsteigen und die Herren empfahlen sich, nachdemErsterer noch Grüße für die Seinen entgegengenommen.Dann erschien Johann mit dem Gepäck, und in raschemTrabe verließen sie den Bahnhof.
In ihrem Vatsrhause angelangt, ward Marie vonder Haushälterin und Dienerin in herzlicher Weise be-grüßt, und voll Rührung sah sie wie alles zu ihremEmpfang geschmückt war. Auf einem der Tische desWohnzimmers fand sie zwei selten schöne Blumenkörbe,und überrascht auf die hineingesteckten Karten blickendsah sie, daß der eine von Frau Günther, ihrer Tochterund Schwiegertochter war, der zweite aber, mit denprächtigsten Rosen augefüllt, von Herrn und FrauReichardt geschickt worden.
Tiefgerührt betrachtete sie diese Zeichen von Zu-neigung, welche sie nicht erwartete, und griff dann zuden übrigen Karten und Briefen, durch die auch andereBekannte sie in der Heimath begrüßt. —
(Fortsetzung folgt.)
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Gotdkörrrer.
Der Beweggrund allein bestimmt das Verdienstliche in denandlnngen der Menschen, und die Uneigcnnntzigkeit drückt dasiegel der Vollkommenheit darauf.
Gönnt nur der jungen Brust ihr WogenVon Leid in Lust, von Lust in Pein:
Thränen der Lieb' und froher Hoffnung Schein,
Das gibt deS Lebens schönsten Regenbogen.
Emanuel Geikel.
Belletri.
Von vr. Joseph Herb eck.
(Nachdruck verboten.)
An einem Sommerabend des Jahres 1875, ungefährum 8 Uhr, als es eben dunkel wurde, hätte man aufdem Wege, der von Dolcino nach Chiavenna führt, einenjungen Mann müde dahin schreiten sehen können. Ichsage, man hätte ihn sehen können, aber es sah ihn Niemand,und ich habe die ganze Erzählung nur aus seinem Munde.Daß ihm Niemand begegnete, hing von dem schlechtenWetter ab. Es regnete, und der Wind blies unangenehmvom Splügen her. Hätte ein Stephaner jener Zeit,will sagen, ein Zögling des Gymnasiums St. Stephanzu Augsburg , den Jüngling mit lockigem Haar undMalcrshwal um die Schultern erblickt, so würde er im Augen-blick gewußt haben, daß der Wanderer kein Anderer sein könne,als der unter dem Spitznamen Cieco bei allen neunKlassen des Gymnasiums wohlbekannte Studiosus, dernun sein Absolutorium in der Tasche und eine rotheMütze auf dem Kopfe trug. Da jedoch kein Stephanerzur Stelle war, so hätte Niemand über den ReisendenAuskunft geben können, wobei auch Niemand etwasverlor.
Es gibt angenehmere Wege, als eine italienischeStraße bei herrschendem Wind. Wenn es dabei nochregnet, so wird selbst ein schwärmerischer Abiturient sichnicht poetisch gehoben fühlen. Der Wind trieb in deinThalweg ein malitiöscs Kreiselspiel, und der Regen schienseine Freude daran zu haben, die rothe Mütze zu einemmißfarbigen Waschlappen zu gestalten. Regen und Windpausirtcn zuweilen, um dann wieder kräftiger als zuvorauf den Touristen hereinzufallen. Je übler dessen Launewurde, desto entzückter schienen die entfesselten Elementezu sein.
Oft mußte der Wanderer wie festgebohrt dastehen,um nicht in den seitlichen Graben hinuntergeweht zuwerden. In dem Graben tummelte sich im raschen Laufevom Splügen herabkommend und im hurtigen Crescendozur Fluth sich anstauend ein Bergwasser.
„Beim Jupiter Plnvius", fluchte in heidnischerWeise Cieco, „die Sache wird unangenehm, doch ich seheschon die ersten Häuser von Chiavenna."
„O mein armer, vom guten Rektor Rauch so argverhöhnter Banditenshwal!" sagte Cieco und wand dieZipfel dieses triefenden Kleidungsstückes aus. „Es istgut, daß ich nicht in die Nacht hinein kam. Aber in derersten Osteria wird eingekehrt!"
Der Gedanke an die Osteria vermehrte die Schnellig-keit seiner Schritte. Schließlich hielt er bei einem Albergoan der linken Seite der Straße inne.
Mit flüchtigem Blicke maß Cieco das Gasthaus.Es war ein kastellartiges Gebäude, aus dessen Fensterntraulich Licht hervorschimmerte. Ohne Zögern begab ersich hinein. Nach wenigen Minuten saß Cieco an einemröthlich glänzenden Herdfeuer im Gastzimmer. Einehübsche Welsche hatte ihn mit einem freundlichen buovg,sorg, begrüßt und das Tischchen gedeckt. Er ließ dergroßen Schüssel Reis alle Anerkennung widerfahren. DerHerr Wirth trug über der halb zurückgeschlagenen Schürzeein buntes Jäckchen von Nanquin. Er wußte flugs einGespräch anzubinden, das er im Auf- und Abgehenschicklich fortsetzte. Seine Späße machte er mit der größtenTrockenheit, und Wohlwollen für den Studenten leuchteteaus seinen Augen. Bon Antiquitäten und Petrefakten