lenkte er das Gespräch auf die morgige Weiterreise desjungen Mannes.
Cieco trank gern — seine Professoren sagten „sehrgern" — nnd er verleibte sich ein Glas Montebellonach dem andern ein. Er gab dem Wirthe auch lautdie Ehre, daß dessen Keller gut bestellt sei. Guter italie-nischer Wein ist eine herrliche Gottesgabe. Cieco empfanddas in tiefstem Gemüthe, als er, während draußen derWind heulte, in dem behaglichen Zimmer saß. Indemer dies empfand, ließ er wieder einen 010220 litrobringen. Je mehr er trank, desto wohliger kam ihm seineSituation vor.
„Da kann man sogar", sagte Cieco zu sich selbst,„das gute Braunbier beim Wiesele in der Windgasse ver-gessen. Gesegnet sei Jtalia! Wenn der billige Monte-bcllo schon so schmeckt, wie muß erst ein Falerner oderein vino äi Velletri munden!"
Cieco wurde allmälich sentimental und bestellte denvierten und fünften MS220 litro.
- Cieco hatte allzeit große Liebe znm Wein bewiesen.Las er die Menüs von Hoftafeln, so schnalzte er beijeder neuen Sorte Ncbcngold oder Tranbenblut mit derZunge. Er hätte sich nichts Schöneres denken können,als von der Regierung zur Prüfung sämmtlicher Wein-niederlagen des Königreichs beordert zu werden. SolcherleiGedanken gingen ihm durch den Kopf, als er bei seinemMontebello saß. Nachdem er bei den letzten Gläsernerwogen hatte, daß er von der Natur zu einem solchenGeschäfte förmlich prädestinirt sei, kam er zu dem Schlüsse,daß seine Talente schmählich verkannt würden und er ambesten thäte, zu Bett zu gehen.
Die schmucke Welsche leuchtete ihm über eine Treppeohne Geländer nach seinem Zimmer. Durch einen gewun-denen Gang kam er in sein Schlafgcmach, Graziellawünschte ihm kölioisZimL notto und ließ ihn allein.
Das ungeheure Bett halte einen gelben Ucberzug,die paar Stühle waren mit Stroh übcrflochten, dasWaschbecken von Zinn in die Wand eingelassen und dieThüre ohne Schloß. Was Cieco am meisten ausfiel,war ein großes Oelbild, das allem Anschein nach einenfrüheren Besitzer des Albergos darstellte. Das behäbige,jedenfalls einem vorzüglichen Weinkenner angehörige Ge-sicht des gemalten Herrn gefiel Cieco ungemein. Ciecohob den Leuchter in die Höhe und schaute den Conter-feiten, der auch ein Nobile sein konnte, lange Zeit un-verwandt an.
„Der mag manchen guten Tropfen geschluckt haben",dachte Cieco , als er endlich anfing, sich langsam auszu-kleiden, wobei er in einem fort nach dem Bilde blickte,das seinem Bett gegenüber hing. „Ein interessantes Bild",sprach Cieco bei sich selbst, der dmch den Montebello znmKunstkenner geworden war, „ein interessantes Bild!" Erfaßte die Tafel an, hob sie herunter und befestigte siewieder an ihrem Nagel. Dann stieg er in das Bett,hüllte sich in die gelbe Decke und schlief ein.
Nach einer halben Stunde erwachte er plötzlich auseincm wirren Traume von Wirthen mit Nanqninjäckchenund Montebelloflaschen, und der erste Gegenstand, den erbeim Licht des Mondes, der beim Nachlaß des Sturmesüber die Wolken gesiegt hatte, noch halb betäubt unter-schied, war das seltsame Bild.
„Ich will es nicht mehr ansehen", dachte Cieco undkniff die Augen zusammen, aber er konnte nicht einschlafen,dein Hirn war in eincm Aufruhr, den er sich nicht zu
erklären wußte, und Wirthe und Flaschen vollführten UMihn eine Tarantella und machten über seine LagerstätteSaltosmortales.
„Am Ende ist's besser, einen einzigen wirklichen ge-malten Wirth zu sehen, als einen Hausen eingebildete",sagte Cieco, hob den Kopf aus den Kissen empor underkannte deutlich beim Mondlicht das Gemälde.
Cieco schaute hin nach ihm, und während er e§ that,geschah etwas Wunderliches. Der Mann des Bildes stiegherunter, Unterleib und Füße wuchsen an seine Büstehinan. Er hatte seine Hände in den Taschen seines langen,kaftanartigen Rockes stecken. Er trug Pantoffeln undschlich im Zimmer auf und ab. Cieco richtete sich im Bettempor und rieb sich die Augen, um die Täuschung zuverscheuchen. Vergebens! Der Mann blieb im Zimmerund schritt auf Cieco zu.
Cieco war von Natur beherzt und hatte zudem fünfhalbe Liter Montebello getrunken. War ihm auch anfangsetwas bänglich, so sing er doch bald an unwillig zu wer-den, daß der Mann so unverschämt neben seinem Bettstand. Er beschloß endlich, sich dies nicht gefallen zu lassenund rief in seinem vom Pater Zenetti erworbenen Italienisch:„Beim Zeus, was soll das bedeuten?"
„Das Hans, lieber Cieco, war mein", sagte derMann. Er war noch näher herangetreten.
„Wie kommt es, daß Ihr meinen Pseudonamen wißt?"fragte Cieco , der ein wenig bestürzt wurde.
„Sachte, Cicco, sachte", erwiderte der Mann, „nichtunmanierlich. Ich war ein Nobile, bevor ich zum Wirthherabsank." Während dies der Mann sprach, sah er sostolz aus, daß Cieco in sich zusammenknickte.
„Ich wollte Euch nicht beleidigen", sagte Cicco, weitdcmüthiger, als sonst seine Art war.
„Leno, donissimo", fuhr der Mann fort, „Cieco —"
„Siguore —"
„Ich kenne Dich und Deine Veranlagung, Cieco .Du hast keine Reichthümer, Cieco!"
„Allerdings nicht", entgegnete Cicco. „Woher wißtIhr das?"
„Hat nichts zu sagen", sprach der Mann. „Duliebst allzusehr den vino, Cieco ."
Cieco wollte versichern, daß er nur Vier trinke.Allein er dachte des vorausgängigen Abends, errötheteund schwieg.
„Cieco ", hub der Mann wieder an, „der Monte-bello war gut, was sagst Du, Cicco?"
Bei diesen Worten schnalzte der Mann mit der Zungeund sah so unverschämt weinlüstern aus, daß Cicco einGrauen überfuhr.
„Ich war der einstige Inhaber des Kellers", fuhrder Mann fort.
„Weiß alle Lagcrräumlichkeiten, Cicco", sagte derMann.
„Ist es möglich!?" rief Cicco aus.
„Es ist gewiß, Cieco", sprach der Mann weiter.„Ich kenne den Keller besser als sein jetziger Besitzer. Erbraucht nicht alles zu wissen." Der Mann sah dabei sosrcchpfissig aus, daß Cicco später versicherte, er hätte ihnfür einen großen Spitzbuben gehalten. „Ich war meinerZeit ein großer Kenner der Neben", sagte der alteWein-kicser, „habe die seltensten Tropfen geleckt. Was sagstDn, he?"
Er war im Begriffe, frey über seine Spitzchen und