Räuschchcn zu verbreiten, als ein fahler Todtenzug übersein Angesicht glitt. „Du gehörst nimmer unter die Le-benden", dachte sich Cieco , sagte aber nichts.
„Der Wein war mein Tod", begann der Mannwieder. „Er hat, Cieco , neben Licht- auch Schaltenseiten.Es lagerte sich im Körper da und dort was ab, wie inden Fässern, es wurde zuletzt eine schlimme Sache, Cieco ."
„Das will ich gern glauben, Signore", sagte Cieco.
„Lassen wir das gut sein, Cieco ; ich bin abgeschweift",sprach der Mann weiter. „Cieco, ich wünsche Dir einGeheimniß anzuvertrauen."
„Mir, Signore?" rief Cieco aus.
„Keinem Anderen", sagte der Mann.
„Was habt Ihr auf dem Herzen?" sagte Cieco. Er-dachte dabei unwillkürlich, daß das Herz dieses Mannesnicht mehr schlug.
„Der jetzige Inhaber des Albergos wird Dich dieganzen Ferien freihalten", entgegnete der Mann. —
„Das wird er nicht", fuhr Cieco fort, „denn ichbin ihm völlig unbekannt und reise morgen fort."
„Er wird Dich", sagte der Mann bestimmt, „wieein Kleinod werth halten."
'„Meint Ihr?" versetzte Cieco . '„Würdet Ihr dieItaliener heutigen Tages kennen, Ihr würdet andersreden."
„Ich weiß Alles", sagte der Mann.
„Was denn Alles?" fragte Cieco .
^„Ei, daß Antonio Dario dem gelben Metall nichtabhold und daß er guten Wein wohl zu proben und zutaxiren versteht", antwortete der Mann.
Ueber diese so sehr das Irdische streifenden Aeußer-ungen des doch dem Erdenleben bereits Entrückten erzürntesich Cieco gewaltig.
„Ich weiß, was Du denkst", sagte der Manu, „aberwir Alten haben wie ihr Jungen einen vollen Becherund eine schwere Börse einem leeren Glase und einemschwindsüchtigen Bcutelchcn vorgezogen."
„Ihr mögt allerhand getrieben haben", bemerkte Cieco .
„Mag sein", erwiderte der alte Herr mit einemBlinzeln, wie wenn er an geglückte Zolldefraudationendächte. - „Ich bin der Urahn des Antonio Dario", fügteer melancholisch hinzu.
„Habt Ihr einen großen Weinhandel geführt?"fragte Cieco .
„Will es meinen, Cieco, " antwortete der Mann.„Ich kam von Syrakus bis nach Potsdam ".
„Welche Weine habt Ihr verschleißt, Signore?" fragteCieco weiter.
„Saure Sorten, Cieco , und Perlen ihrer Gattung",erwiderte der alte Herr, den Ellbogen vor die Augenbringend. „Ich plagte mich viel, Cieco, aber ich stärktemich auch, und die allerbeste Sorte lag in meinem fürjeden Anderen unzugänglichen Privatkeller. In dessenaus Fels gebildetem natürlichem Vorgcwölbe liegt auchmein Gebein; denn ich bin nur ein Schatten; es trafmich dort der Schlag, und Niemand hat mich je gefunden.Eszwar schauderhaft, Cieco ."
„Schauderhaft!" wiederholte Cieco .
Der Alte schwieg einige Minuten, augenscheinlichgegen eine heftige innere Bewegung ankämpfend, undbegann endlich wieder: „Cieco, ich komme ganz vonmeiner Sache ab. In dem Keller, in dessen Borgewölbich liege, sind sechs Nicsenfässer des erlesensten Belletri.Theile das Geheimniß mit meinem Urenkel, lasse Dir
weidlich von dem kaiserlichen Getränke schmecken, ent-sprechende Atzung dazu reichen, und verlange für Dichkecklich nach manchen Tagen noch einen ordentlichen Klum-pen Reisegeld, geringes Entgelt für solche Entdeckung.Begrabt mein Gebein! Antonio Dario wird Dein Freundbleiben und durch meinen Nücklaß zu ungeahntem Reich-thum kommen; denn die Flasche kann er ohne PrellereiFürsten zu zwanzig Lire anbieten."
„Was sagt Ihr; aber
„Unterbrich mich nicht", fuhr der Mann fort. „Ichhabe Dich zu dem Geschäft ausgesucht, weil ich weiß,daß Du gute Tropfen zu würdigen verstehst. DieserBelletri ist nicht für furchtsame Leltrer und auch nichtfür Trunkenbolde gewachsen, sondern von ihm gilt, wasmir ein Engländer einmal in's Fremdenbuch schrieb:„Guter Wein ist ein gutes geselliges Ding, und jederMensch kann sich wohl einmal davon begeistern lassen."Der sagte, den Ausspruch habe sein großer LandsmannShakespeare gethan."
„Ich bin Euch für gute Meinung und Absicht ver-bunden, Signore," sagte Cieco.
„Darum sollst Du Dein reichlich Theil von demBelletri haben, weil Du nicht miserables Zeug trinkst,wie Thee und Kaffee, was bei den Chinesen wächst, sondernechten, gerechten Wein vertragen kannst", sagte der Mannin bestimmtem Tone.
„Wird mir aber Antonio Dario meine Kunde vonIhrem existirenden Privatkeller glauben?" fragte Cieco mit großer Lebhaftigkeit.
„Du wirst ihm den Eingang des Kellers weisenund dessen Plan einhändigen", antwortete der alte Herr.
„Wo soll ich die Kenntniß des Kellereingangs odergar den Plan hernehmen?" sagte Cieco, vor Eifer undUnruhe halb aus dem Bett springend.
Der Mann hob seinen rechten Arm empor undstreckte ein vergilbtes Pergament in die Höhe.
„Antonio Dario läßt sich's nicht träumen", sagte er,„daß Urkunde und Plan ich stets in seinem Hause iudem Nahmen meines Bildes verborgen hielt."
Während der alte Herr diese Worte fast feierlichsprach, wurde sein Gesicht "und seine ganze Gestalt immerunbestimmter und schemenhafter. Cieco schwindelte esvor den Augen. Der Mann schien allmälig wieder indas Gemälde zurückzukehren. Cieco sank auf sein Kissenzurück und schlief ein.
(Schluß folgt.)
---—
A L L e x L e r.
Von einem ausgestorbenen Kriegsschiffberichtet die in S. Paolo erscheinende Germania: Dasschreckliche Schicksal, das im Nio-Hafen die Besatzung deSitalienischen Kriegsdampfers Lombardia getroffen hat,dürfte in der Geschichte der Seuchen immerhin als einesder traurigsten Beispiele verzeichnet werden. Dieses Schifflag seit Monaten im Hafen von Nio. Sein dortigesVerbleiben trotz der grausam herrschenden Gelbsieber-Epidemie entschuldigt man damit, daß der italienisch-brasilische Entschädigungsstreit bisher so stand, daß eineplötzliche Abreise des Gesandten stets erfolgen konnte.Ob das einen genügenden Entschuldigungsgeund angesichtsdieses ungeheuern Unglücks bilden kaun, ist wohl sehrfraglich. Die Besatzung des Kriegsschiffes bestand auS