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an den sich der durch die politischen Versammlungenbekannte Hyde-Park mit 360 Morgen anschließt, der unswestwärts ohne Unterbrechung nach Kensington Garden,874 Morgen groß, führt. Nach Nordosten zu schließtsich an den Hyde-Park der kleinere Grcen-Park, derwiederum die Verbindung mit dem großen Negents-Parkvon 472 Morgen bildet. Von diesem letzteren jedochsind Theile für den zoologischen und den botanischenGarten abgetrennt. Im äußeren London finden wir einefast ununterbrochene Reihe großer, offener, schön bewaldeterPlätze, die Commons, zu welchen allen das Publikumungehinderten Zutritt hat.
Aus den publicirten ossiciellen Listen ersehen wir,daß täglich ungefähr 400 Kinder geboren werden, jedochnur 200 Todesfälle vorkommen. 120 Ehen werdenjeden Tag geschlossen.
In einem Staate wie England , welches an derSpitze des Welthandels steht, und besonders in London ,welches das politische und Handels-Centrum dieses Landesbildet, finden wir natürlich alle Nationen der Welt reprä-sentirt, bei Einwohnern anderer europäischer Staaten oftdurch Tausende. Es wird angenommen, daß in London mehr Juden als in ganz Palästina wohnen. Im Allge-meinen jedoch ist die fremde Bevölkerung Englands mitseinen 25,000,000 Einwohnern keine so große, als daßsie die ewige Klage der Engländer über unmäßig ver-mehrte Einwanderung rechtfertigen könnte. Unsere deutscheKolonie ist natürlich die zahlreichste. Sie betrug nach/dem Census von 1891 circa 50,000, von denen etwaidie Hälfte auf London kommt. Darunter sind 2000Bäcker und 1700 Schneider.
Wenn ich hier von der deutschen Kolonie in London spreche, so ist es wohl passend, daß ich einige wenigeWorte über deren innere Verhältnisse beifüge. Für reli-giöse und Erziehungszwecke besitzt sie 6 rein deutscheprotestantische Kirchen (die katholischen Kirchen habensämmtlich einen oder mehrere deutsche Geistliche), mit denenalle deutsche Volksschulen verbunden sind, die dafür sorgen,daß das hier geborene oder jung hcrübergekommene Kinddeutscher Abstammung mit dem Vaterlande in Verbindungbleibt. Das schönste Beispiel deutschen Gemeinsinns unddeutscher Wohlthätigkeit jedoch ist das durchaus aus deutschen Mitteln begründete deutsche Hospital, welches, obgleichfast nur (durch Vermächtnisse hat sich ein kleiner Fondsangesammelt) auf freiwillige Beiträge und Subskriptionenangewiesen, doch bereits über 200 Betten gebietet. IhreMajestäten unser sowie der österreichische Kaiser und fastalle deutsche Fürsten betheiligrn sich an dem gutenWerke durch jährliche reiche Subskriptionen. Obgleich aus-schließlich für unsere Landsleute bestimmt, nimmt im Fallevon Unglück rc. das Hospital einen jeden Hilfsbedürftigenauf, ohne nach dessen Nationalität zu fragen. Immermehr hatte sich das Bedürfniß herausgestellt, einen Mittel-punkt für deutsches Leben in London zu besitzen; fürlange Zeit scheiterte alles an dem Kostenpunkte, bis manetwa vor 30 Jahren diese Schwierigkeiten unter Beihilfeeiniger patriotischer Landslcute besiegen und zur Erbau-ung der großen, herrlich eingerichteten deutschen Turn-halle schreiten konnte.
Das für Ankauf des Platzes, Bau und EinrichtungNöthige Kapital betrug circa 9000 Pfund Sterling. UnterIden vielen, jetzt bestehenden englischen Hallen gilt die'unselige als eine Musteranstalt.
Die ungeheure Ausdehnung der Stadt bedingt auch
dementsprechend« Verkehrsmittel, und obgleich solche demPublikum in jeder Art und Weise und im weitesten Um-fange zu Gebote stehen, immer noch sind dieselben nichtgenügend, und man ruft und verlangt nach Erweiterungund Verbesserung derselben. Im Umkreise von 12 Meilenvom Mittelpunkte der Stadt, der Gcneral-Postosficin,gibt es 780 Meilen Eisenbahn mit 702 Stationen.Eisenbahnen unter, auf und über der Erde und die unter-irdische Bahn, die den lokalen Verkehr besorgt, befördernjeden Tag eine Million Passagiere, während nicht wenigerals 2,500,000 Personen per Omnibus (deren Anzahl5000 beträgt), bei 7500 zweirädrigen und 14,000 vier-rädrigen Droschken und Pferdebahnen mit über 6800Wagen, welche fast alle die Hauptstraßen der Stadt durch-laufen, reisen. Die Themse, welche London von Westennach Osten in zwei Hälften theilt, ist durch 11 Eisen-bahnbrücken überspannt, und Hunderte von Dampfbootcnbringen für weniges Geld einen jeden schnell genug nachirgend einem am Wasser gelegenen Theile der Stadt.
Es bleibt uns jetzt nur noch übrig, zu sehen, wiees möglich ist, den Nimmersatten Niesen zu füttern. Dieganze Welt hat dazu beizusteuern, denn das kleine, über-völkerte England kann nicht einmal genug für den Be-darf von London producircn. Laut einer Erklärung vonLord Plahfair im Oberhause sind nur etwa 30 Proc.des für England nöthigen Brodgetreides heimisches Pro-dukt, während man für 70 Proc. auf das Ausland,vorzugsweise aus Südrußland, Kalifornien und Indien,angewiesen ist.
Bekanntlich ist der Engländer ein großer Fleisch-esser, und auch darin müssen andere Länder in die Lücketreten. Argentinien, Norddeutschland, Dänemark, Spanien und Holland senden Hundcrttauscnde von lebenden Ochsen,während eigens dazu gebaute Dampsboote Millionen vonCentnern gefrorenes Ochfenfleisch von Amerika und Schaf-fleisch von Neuseeland aus die englischen Märkte bringen.Im Jahre 1891 kamen in den Londoner Ccutralfleisch-markt allein davon 307,500 Tons (1 Ton — 1100 Kilo);die tägliche Zufuhr daselbst betrug 1005 Tons und er-reichte an einem Tage sogar 2936 Tons. Für Weih-nachten 1889 versah Chicago allein den Londoner Marktmit 27,000 Ochsenvierteln. 127,000 Tons Fische kamenin demselben Jahre auf den Londoner Hauptfifchmarkt.
Auch der Import von Hühnereiern ist ein groß-artiger. Es klingt fast fabelhaft, von 1,200,000,000Stück pro Jahr zu hören, von denen Rußland 75,000,000,Deutschland und Frankreich zusammen 714,400,000 undBelgien, Italien, die Türkei und Acgypten den Nestlieferten. Zusammen repräscntiren diese 1200 MillionenStück einen Geldwerth von 3,000,000 Pfund Sterling.
Als Kurivsuin füge ich hier den Londoner Küchen-zettel für eine Woche bei. Er enthält 3,500,000 LaibBrod, zn 4 Pfund jeder, 7000 Tons Ochsen- undSchafsteisch, 4000 Tons Fische, 100,000 Stück Geflügelaller Art, 2 Millionen Eier, 3 Millionen Pfund Butter,6000 Tons Früchte und Gemüse und 2 MillionenQuart Milch.
An Kohlen verbrennt London jährlich nicht wenigerals 16 Millionen Tons.
Die Sicherheit der Stadt und ihrer Einwohner istden Händen von 12,000 uniformirten und 400 ge-heimen Polizisten anvertraut, ungerechnet 800 solche,welche den riesenhaften Verkehr in den Straßen zu ordnenhaben. Durch die Straßen der City allein passiren jeden