Ausgabe 
(17.7.1896) 59
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Erzählungen nicht lächerlich zu machen oder durchAusstellung leicht zu widerlegender Behauptungen mehrzu schaden als zu nützen, während den H^dcn, die jafür Gesinnungsgenossen schrieben, eine solche Vorsichtnicht auferlegt war und anderweitig feststeht, daß siegegenüber den Christen und znr Unterdrückung derselbenals herrschende Partei nicht selten zu offenbaren Lügenund Lerläumdungen ihre Zuflucht nahmen. Wer sichausführlicher unterrichten will, den verweisen wir ausdie Aussührungen Grisar's an der oben genanntenStelle. Dort findet er auch eine sorgfältige Analyseder Quellen und die wichtigsten Ansichten neuester Ge-lehrten, welche über dieses Relief geschrieben haben.Hier genügt es, auf diese interessante Frage aufmerksamgemacht zu haben.

--«St---

Ein menschlicher VieuensW.

- (Nachdruck derb»!«».)

Babylon, Ninivch und das tausendthorige Thebensind gefallen. Mit Staunen stehen wir vor ihren Ruinen,die uns ein Bild davon geben, welche Ausdehnung undPracht diese Plätze einst besaßen. Es ist der ewigeKreislauf von allem, was von Menschenhand herrührt;eS findet stets in seinem Bestehen einmal ein Hemmniß,das es nicht überwinden kann, seien es Verheerungendurch Feiudeshand, seien es Erdbeben und Wassersluthcnoder der natürliche Lauf der Dinge, ein Etwas, wasman Altersschwäche nennen könnte. Der Aussprnch Cato'sdes Aclterentüotsrnm ovusso, Oartüaxinsni esssäelsuclanr" ist das Mene Tckcl, welches an den Mauernaller Riesenstädte als Mahnung an ihr endliches unver-meidliches Schicksal angeschrieben sein sollte.

Der englische Historiker Macaulay gibt uns in einemseiner Werke ein Bild, wie es aussehen wird, wenn dereinstein Neuseeländer die Ruinen des jetzt so ungeheuren Lon-don durchforschen wird. Kommen wird die Zeit, wenneS auch dann nicht gerade ein Australier sein dürfte; aberwann und wie, wer kann es sagen, ehe dieser menschlicheBienenstock, den wir London nennen, in Ruinen liegenwird, denn immer noch nimmt es an Ausdehnung undPracht von Tag zu Tag zu.

Der BegriffLondon " ist ein relativer, den» erumfaßt nicht allein das kleine eigentliche London , einenPlatz von kaum mehr als einer englischen Quadratmcile(4'/, englische Meilen 1 deutschen), sondern auchHunderte von Städten und Dörfern, die es, nachdemdie Mauern gefallen waren, die es früher eng umschlossen,an sich gerissen hat. Zum Riesen angewachsen, streckt esnoch heute seine Arme nach allen Weltgegenden aus undverschlingt Stadt auf Stadt, Dorf auf Dorf, die fortan,wenngleich mit Verlust ihrer Individualität, ein Atomin dem Begriff London bilden.

Ich muß hier vor allem anführen, daß bis heutedie City, das eigentliche London , ihre Selbstverwaltungbewahrt hat. Ein Gleiches bestand bis vor wenigenJahren in allen den hinzugewachsenen Theilen, als durchParlamentSbeschluß ganz London zu einer eigenen Provinz,die County of London, gemacht und deren Verwaltung(mit Ausnahme der City, die ihre eigene Verwaltungbeibehielt) unter eine Centralbchvrde,ills Iconäontüonntz-- Oonucil", gestellt wurde. In Gemeinde-Ange-legenheiten, Armenverwaltung u. s. w., ist, mit einigenBeschränkungen, die Selbstverwaltung in den Händen

der einzelnen Stadtthcile verblieben. Eine Folge davor»ist die, daß die Armeusteuer, da jede Gemeinde für ihreArmen selbst zu sorgen hat, in den ärmeren Theilenübermäßig hoch, in den reicheren dagegen sehr niedrig ist.

Das heutige London , exclusive der City, bedeckt448,334 Margen Landes oder ungefähr 700 englischeQuadratmcilen. Seine Ausdehnung von Norden nachSüden beträgt 15, und von Osten nach Westen 17'/,Meilen. Wäre es möglich, alle Straßen der Stadt ineine fortlaufende Linie zu bringen, so würde dieselbe eineLänge von 7500 Meilen haben, eine Ausdehnung, diejedoch von Jahr zu Jahr fast fabelhaft vergrößert wird,wenn wir die 900 Häuser in Betracht ziehen, die jedenMonat neu erbaut werden. In der Stadt selbst istwenig Raum für die Zunahme an Gebäuden, der Zu-wachs entsteht fast allein in den äußersten Vorstädten,und er bedingt dadurch eine fortwährende Vergrößerungder Stadt.

In diesem ungeheueren Hänscrmcer leben, dicht ge-drängt zusammen, nahe an 6,000,000 Menschen. Wiekann es anders sein, als daß sich in diesem menschlichenBienenstöcke die Extreme überall berühren, der überschweng-lichste Reichthum Schulter an Schulter mit der bitterstenArmuth, der größte Luxus gegenüber dem gräßlichstenElend und Tod durch Verhungern. Leider muß mansagen, daß unglücklicherweise für einen bedeutenden Procent-satz dieser 6 Millionen der Begriffleben" ein unrichtigerist,existiren" wäre der richtigere Ausdruck. Glücklicher-weise jedoch ist Wohlthätigkcitssinn eine der Haupttugen-den des Engländers. Er gibt mit vollen Händen, undseit es sich private Gesellschaften zur Ausgabe gemachthaben, zweckloses Almosengcben möglichst zu verhindernund dafür systematisch dem Elend abzuhelfen, wird vielNoth gelindert, wo ein bloßes Almosen nutzlos gewesenwäre. Trotzdckn jedoch lesen wir in den Zeitungen nurzu oft das Urtheil der Leichenbeschau:Tod durch Ver-hungern".

Die zahlreichen, ungeheueren und auf's beste aus-gestatteten Hospitäler der Stadt werden sämmtlich durchfreiwillige Beitrage unterhalten, nur die für ansteckendeKrankheiten, wie Pocken, Scharlach, Typhus rc., gehörender Regierung.

Man sollte annehmen, daß in einer solchen Riesen-stadt sich auch menschliches Leiden und Krankheit in un-verhältnismäßig hohem Grade zeigen müsse, und doch istdem nicht so. London übertrifft in seinen Gesundheits-zuständen alle großen Städte der Welt. Die allwöchent-lich darüber veröffentlichten amtlichen Listen zeigen nurhöchst selten einen Procentsatz von über 16 Sterbefällenauf das Tausend. Das fortwährend wechselnde, aberstets feuchte Klima von London kann also durchaus nichtungesund sein, wenn man von Brust- und Lungenleiden-den absieht, für die es sicherer Tod ist.

Nicht wenig tragen zu diesen glücklichen Gesundheits-verhältnissen die herrlichen Parks und zahllosen offenen,zum größten Theile mit uralten Bäumen bestandenenPlätze bei, zu welchen das Publikum völlig freien Zutritthat. Man kann diese mit Recht die Lungen Londons nennen. Im Ganzen besitzt das innere London jetzt etwa240 solcher Plätze von größerer oder geringerer Aus-dehnung mit einem Flächeninhalt von circa 21,000 Morgen(3,9 Morgen 1 Hektar). Beginnen wir an der Themse ,im Südwesten der Stadt, so treten wir fast sofort in denschattigen, historischen St. James-Park von 93 Morgen,