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für die LIviltL oattoliou die „Archeologia " betitelteGruppe liefert, saßt nun im ersten Hefte des Jahr-ganges 1895 die Ergebnisse dieser Forschungen kurz zu-sammen, widerlegt mit triftigen Gründen die Behaup-tungen Mommsens u. A. und gelangt zu dem Schlüsse,daß wir in dem Relief der Marc Aurel-Säule mit Rechteine Bestätigung des berühmten Negenwunders zu er-blicken haben. Zur Verdeutlichung seiner Ausführungenfügt er seiner Darstellung zum ersten Male eine ganzgenaue Reproduktion des Reliefs hinzu.
Dieselbe zeigt uns zwei Heere; das zahlreicherömische links vom Beschauer scheint durch einen wunder-baren Zufall wie verzaubert, während das barbarischerechts nur mehr durch einige Leichen und Trümmer ver-treten, also offenbar zu Grunde gegangen ist. In derMitte zwischen Beiden oben am Horizonte schwebt einGenius, dessen Arme, Bart und Haare sich in dichtherabstürzenden Regen auflösen. Diese Personifikationdes RegenS ist ohne Zweifel absichtlich gewählt, umetwas Besonderes anzudeuten. Das ist kein gewöhn-licher Regen, welchen der Künstler darstellen wollte,denn sonst hätte er schwerlich den Regen in die Personeines Genius gekleidet, da ihm zur Darstellung des-selben, wie der linke Hintergrund zeigt, wo Soldatenmit ihren Schilden den Regen auffangen, andere vieleinfachere Mittel zu Geböte standen. Uebcrdies ist dieErscheinung dieses Genius offenbar mit wunderbarenFolgen in Verbindung gebracht. Während die römischenSoldaten in Reih' und Glied dastehen, und theilweisemit Bewunderung zur Erscheinung emporblicken und zweidavon sogar mnthig den Kampf fortsetzen, sind dieBarbaren in wilder Verwirrung übereinander gestürzt,als wären sie mit einem Schlage und plötzlich vernichtetworden.
Die volle Bedeutung des Bildes' läßt sich abernur aus den Berichten der gleichzeitigen Schriftstellerbegreifen. Grisar zergliedert eingehend die Berichte der-selben. Der erste ist Avollinar, Bischof von Hierapolis ,dessen Bericht uns Eusebius erhalten hat; er schriebseine Erzählung ein oder zwei Jahre nach dem Er-eignisse.
Der zweite Zeuge Tertullian schrieb etwa zwanzigJahre nach dem Kriege und spricht von dem Ereignissein seiner Apologie wie von ciner allbekannten und gutbezeugten Thatsache . Der Heide Dion endlich beruftsich in seiner Erzählung auf einen Brief Marc Anrelsselbst.
Alle drei Berichterstatter stimmen in folgendenPunkten übcrcin. Während des Quadenkricgcs liefendie römischen Truppen Gefahr, zu verdursten, allein nach-dem man Gebete veranstaltet hatte, fiel ein so ausgiebigerRegen, daß sich das ganze Heer daran erguickcn konnteund das Ercigniß allgemein als ein Wunder des Him-mels angesehen wurde. Als besondere Umstände hiebcierwähnen Npoüiuar und Dion übereinstimmend: 1. daßeben beim Eintritte des Ereignisses ein Kampf mit denBarbaren bevorstand; 2. daß der Regen die Römer er-quickte und ihnen den Sieg verschaffte, eben zu der Zeit,als über die Barbaren das Nngewittcr mit Donner undBlitz' sich entlud und sie in Verwirrung brachte. Nurüber die Ursache der Erscheinung urtheilen die Schrift-steller verschieden. Nach Apollinar und Tertullian warenes die christlichen Soldaten, welche durch ihr Gebet denRegen erlangt hatten, während Dion vernommen zu
haben vorgibt, daß ein ägyptischer Zauberer mit NamenAruuphis, welcher sich im Gefolge Marc Aurels befand,den Donnerregen vom Himmel herabgezaubert habe.Dieses letztere ist aber schon aus dem Grunde nicht an-nehmbar, weil Marc Aurel als Philosophenkaiser Zau-berer überhaupt in seinem Gefolge nicht zu dulden Pflegte.Uebrigens ist die feindliche Gesinnung Dions gegen dasChristenthum aus seinen Schriften genugsam bekanntund eine absichtliche Entstellung der Thatsachen zu Gunstendes Heidenthums nicht ausgeschlossen. Es bestätigt auchDion das Außerordentliche der Erscheinung, indem erden Sieg ausdrücklich Gott zuschreibt. Nach der Er-zählung dieser Gewährsmänner setzte sich das Wunder-bare der Thatsache aus zwei Elementen zusammen, näm-lich erstens wird das römische Herr durch den Regenvom Durste befreit und so vom Untergänge gerettet, undzweitens erringt es durch die Dazwischenkunft eines Un-gewitters einen glänzenden Sieg über die Barbaren.Der Künstler hat nun von diesen zwei Momenten dasLetztere zur Grundlage seiner Darstellung genommen,wahrscheinlich weil es sich besser bildlich versinnlichenläßt, während die Erquickung durch den Regen sichweniger dafür eignen mochte. Jedoch scheint auch diesesMoment nicht gänzlich ausgeschlossen, wie die oben be-schriebene Stellung der Römer, bei denen der Regen offen-bar ganz entgegengesetzte Wirkungen hat als bei denBarbaren, klar genug es auszusprechen scheint. Außer-dem kann noch hinzugefügt werden, daß die Römer,welche noch im Kampfe begriffen sind, so unmittelbarunter dem rechten Flügel des Regengottes stehen, daßman mit Recht darin eine Hindentung aus den be-sonderen Schutz desselben erblicken kann. Somit kanndas Relief als eine Bestätigung der Ueberlieferung be-trachtet werden, wenigstens soweit es sich um den Haupt-inhalt derselben handelt. Von betenden Soldaten,Blitzen u. dcrgl., wie sie Themistius u. a. zu sehenglaubten, ist allerdings darauf nichts zu finden. Eben sowenig kann man in der Personifikation des Regens eineAnspielung auf irgend eine heidnische Gottheit erblicken,sondern einzig die bildliche Flxirung irgend einer außer-ordentlichen Thatsache. Baronius nennt darum dieSäule ein herrliches Monument des christlichen Glau-bens. Die Säule allein genügt allerdings nicht für dieFeststellung des Wunders, aber das Relief auf derSäule dient als Bestätigung für die Tradition und ver-leiht derselben Nachdruck und Kraft. Wenn nunMonimsen dagegen einwendet, man müsse bei jederwunderbaren Erzählung, welche von einem christlichenApologeten berichtet wird, nicht allein das Factum alssolches in sich als unannehmbar bezeichnen, sondernauch jeden kleinen Umstand desselben vom Standpunkteder Geschichte aus verwerfen, so spricht er damit denfolgenschweren Satz aus: Niemals ist ein christlicherApologet in seiner eigenen Sache ein verläßlicher Zeuge.Sobald aber ein solcher Satz einmal zur Grundlageder Forschung und Kritik gemacht wird, beginnt derSkepticismus in der Geschichte; denn wenn man kon-sequent sein will, so müßte man den Satz noch mehrauf die Heiden als aus die Christen anwenden. Diesenwaren in ihren Apologien schon durch die Art derSchriften, welche ja dazu bestimmt waren, die Heidenund Feinde des Christenthums von der Wahrheit desChristenthums zu überzeugen, gewisse Schranken gesetzt,um. sich vor ihren eigenen Angreifern durch erfundene