Ausgabe 
(17.7.1896) 59
Seite
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während er zu seiner Mutter, die starren Auges undkvrachloS dasaß, sagte:

.Es wird ein Unglück geschehen sein, und ich mußsogleich nach der Anstalt. Laß vorläufig hier im HauseNiemand davon erfahren, Neichardt'S aber kommen undbleibe selbst in der Wohnung!"

Seine Mutter versprach alles und fügte schnellhinzu:

Und Fräulein Feldheim?"

Sie wird natürlich Nachricht bekommen haben"

Wenn Hedwig zu ihr gegangen wäre"

Eine Antwort erhielt sie nicht, denn in schnellemTrabe fuhr ein Wagen vor, dem Marie Feldheim ent-stieg und inS HauS eilte. Dr. Günther ging ihr ent-gegen, ein gegenseitiger trauriger Blick verständigte siehinlänglich, und ihm in sein Zimmer folgend, begrüßtesie mit einem theilnehmenden Händedruck seine heftigerregte Mutter, indem sie zugleich beruhigend sagte:

Die Sache klärt sich vielleicht günstiger auf alswir denken, Frau Günther, wir dürfen wenigstens dieseHoffnung noch nicht aufgeben!" und sich dann wiederuman deren Sohn wendend fügte sie hinzu:Im Begriffhinauszufahren, Herr Doktor, bitte ich Sie den Wagengleichfalls zu benutzen-"

In der nächsten Minute fuhren sie, das Herz vollschwerer und wie sie sich sagen konnten gerechtfertigterSorgen, auf dem Weg nach der Irrenanstalt dahin.Sie sprachen kaum, ihre zunehmende Angst und Auf-regung ließ sie keine Worte finden. In verhältnißmähigkurzer Zeit, dennoch bei bereits sinkender Sonne, er-reichten sie die Anstalt, wo der Oberarzt selbst sie mittraurigem, teilnehmendem Gesicht empfing. Er führtesie in sein Zimmer, und in der heftigsten Bewegungsagte Dr. Günther:

Was was haben Sie uns mitzutheilen, HerrDoktor? Ihren Gestchtszügen nach zu urtheilen, habenwir gewiß das Schlimmste von Ihnen zu erfahren"

Leider und zu meinem größten Schmerz", er-widerte ebenfalls bewegt der Oberarzt, und erzählte wasgeschehen und wie Alles sich zugetragen. Seine Zu-hörer unterbrachen ihn nicht, hatten auch keine Antwortals er seinen Bericht beendet, doch forderte Dr. Günthermit tiefer heiserer Stimme die Leiche seiner Gattin zusehen, indeß Marie ihrer unglücklichen Freundin heißeThränen nachweinte.

Der Oberarzt führte sie in die von der Dahinge-schiedenen bewohnten Zimmer, wo diese in ein weißesGewand gehüllt auf ihrem Bette ruhte. Das reiche,noch nasse blonde Haar war von der Stirn gescheiteltund zu beiden Seiten des Kopfes auf das Kissen ge-breitet. Die Augen waren geschloffen, und auf demmarmorbleichsn Gesicht trat unverkennbar ein tieftraurigerZug hervor.

Lange stand im tiefsten Schmerz Dr. Güntherneben der Leiche seines geliebten Weibes, dessen Liebeauch er in so reichem Maße besessen, und das in demWahn gestorben, mit ihm und ihrem Kinde wieder ver-eint zu werden. Dann küßte er die schöne, im Todenoch so jugendliche Stirn, wandte sich darauf Marienzu, und ihr die Hand reichend sagte er kaum ver-nehmbar :

Nehmen Sie hier meinen innigsten Dank, FräuleinFeldheim, für alles was Sie meiner armen Hedwig ge-than und ich Ihnen werde nie vergelten können!"

Unfähig zu antworten drückte Marie seine Hand,dann verrichteten Beide ein stilles Gebet sie ver-hüllte das Antlitz der Todten, und langsam verließensie das Zimmer. Ernsten, traurigen Gesichtes erwartetesie der Oberarzt, bei dem Dr. Günther befürwortete,die Leiche seiner Frau unter üblicher Ueberwachung inihrem Zimmer verbleiben zu lassen, am nächsten Tagewerde er die für die Beerdigung erforderlichen Anord-nungen machen. Dann schieden sie von dem Irrenarzt,bestiegen den ihrer harrenden Wagen und begaben sichzu Frau Günther und Neichardt'S, die in der größtenAngst und Besorgniß ihrer warteten. Zwar nicht aufgünstige Nachrichten vorbereitet, erfüllte dennoch die Be-stätigung aller ihrer Befürchtungen sie mit der größtenTrauer, und lange blieb der kleine Kreis beisammen,die Frauen um wieder und wieder das schreckliche Fa-milienereigniß zu besprechen, das ohne die Achtlosigkeitder Wärterin vielleicht nicht geschehen wäre, die Männerum alle Anordnungen für die Beerdigung zu verabreden,das Letzte was sie für die ihnen als Gattin und Pflege-tochter gleich thener gewesene Hedwig zu thun vermochten.

(Fortsetzung folgt.)

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Das Negenttnulder auf der Säule Marc Aurel's in Norn.

Ein berühmtes Denkmal aus der römischen Kaiser-zeit ist die noch ziemlich gut erhaltene Säule des Marco-mannensiegerS Marc Aurel . Wahrscheinlich erst nachseinem Tode am 17. März 180 errichtet, bildet sie nochheute einen altehrwürdigen Schmuck der Piazza Colonna ,wo einst die Prachtbauten der Antonine sich erhobenhaben und die heute zu einem Verkchrsmittelpunkt desrömischen Volkes geworden ist. Die Säule ist offenbareine Nachahmung der Trajanssäule auf dem nach ihmbenannten Forum. Das antike Postament ist bis aufeinige Siegesgöttinnen mit Kränzen seines Marmor-schmuckes beraubt und wurde erst im Lause des sech-zehnten Jahrhunderts in den jetzigen Zustand gebracht.Nur mehr der obere Theil desselben ist sichtbar, deruntere wurde unter dem Schütte der Jahrhunderte ver-graben. Die Säule selbst besteht aus 28 Stück, dieZwei für die Base und das Capitäl mitgerechnet. ImInneren führt eine Wendeltreppe zur Höhe hinan, vonder aus man eine schöne Nundsicht über Rom genießt.Der Zugang zur Treppe ist neu, denn der alte liegt tiefunter der Erde. Von außen laufen um die Säule in20 Spiralen, bestehend aus etwa 28 Stück weißen Mar-mors, Reliefs herum, die nach vr. Petersen einst mitFarben bemalt waren. Heute ist die Bemalung gänz-lich verschwunden, und die Darstellungen können vonunten nur mit Mühe noch irgendwie unterschieden werden.

Eine der interessantesten derselben ist ohne Zweifeldie Darstellung des Negenwunders. Wiederholt wurdedieselbe von den Gelehrten früherer Zeiten zum Beweisefür die Thatsächlichkeit des Wunders angezogen, alleindie Abbildungen, welche man bisher gab, sind durchausunrichtig. In jetziger Zeit hat das deutsche archäologischeInstitut ein genaues Studium des Denkmals begonnen.Durch eine Arbeit des Directors Petersen wurden wissen-schaftliche Controversen über das Wunder veranlaßt, andenen sich hervorragende Archäologen wie Harnack, Mommsenu. A. betheiligten. Professor Grisar, der seit Neujahr