Ausgabe 
(17.7.1896) 59
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gleich mehrere in der Nähe sich befindend Wärterinnenherbei, wie sie dem ihr begegnenden Gärtner auftrug,dein Oberarzt anzuzeigen, daß Frau Dr. Günther ver-schwunden sei. Dieser ward durch die Meldung in dengrößten Schrecken wie Zorn gegen die Wärterin versetzt,und bald waren alle in der Anstalt zu entbehrendeMenschen unterwegs, die Entflohene zu suchen. EinTheil derselben eilte zu beiden Seiten des Flußufersentlang, während die Uebrigen in den Spaziergängennach ihr forschten.

So schwer eS ihm auch ward, hielt dennoch derOberarzt es für seine Pflicht, Dr. Günther und MarieFeldheim von dem Verschwinden seiner Patientin sogleichzu benachrichtigen, da auch die Möglichkeit vorhanden,daß sie den Entschluß gefaßt, sich zu Marie zu begeben,deren Erkrankung sie angenommen, und er führte dießauf der Stelle durch zwei besondere Boten aus.

Unterdeß war flüchtigen Schrittes eine Frauen-gestalt im leichten, grauen Mantel, und mit dem großenHut der Wärterin versehen, mehrere Wege durcheilt undgelangte auf einem derselben an das offenstehende Thorder Anstalt. Dieß durchschritt sie langsam, ging ebenso langsam eine kleine Strecke die Landstraße hinab undnach der gegenüberliegenden Seite, dann aber schnellerund schneller bis sie ein Stück Weideland erreichte,hinter welchem sie den Fluß ruhig fließen sah, an dessenUfer sich theilweise niedriges Gebüsch hinzog. Sichmehrere Male umsehend, erblickte sie jedoch Niemand aufder weiten, stillen Grasfläche und ging nun langsamdem Flußrand zu. Hier stand sie eine Weile still,preßte beide Hände gegen die Brust und sprach halb-laute Worte, bei denen Thränen ihre Wangen hinab-glitten. Sich nochmals nach allen Richtungen um-blickend, sah sie in geringer Entfernung einen sich inden Fluß erstreckenden Steg, der zur heißen Sommerszeitzum Wafferschöpfen diente, und auf diesen schritt sie zu,indem sie dabei von den umherliegenden Steinen sam-melte, mit denen sie ihre Taschen füllte. Nun betratsie den Steg, ging diesen einige Schritte entlang einFall und die eben noch so leicht und ruhig sichkräuselnden Wellen schlugen, so plötzlich getheilt, heftigzusammen, und unter ihnen hatte ein Menschenherz diegesuchte Nutze gefunden.

Mehrere der ausgeschickten Leute kehrten nach ver-geblichem Suchen zu dem Oberarzt zurück, einer derWärterinnen aber kam der Gedanke, die Kranke könnedie Anstalt verlassen haben, und sie ging daher auf dieLandstraße hinaus, auf der sie glücklicherweise noch einendaselbst beschäftigten, ihnen Allen bekannten Arbeiter traf.Sie fragte ihn, ob er irgend Jemand daZ Thor habeverlassen sehen, worauf er ihr antwortete, daß vor längerals einer Viertelstunde eine Wärterin hinaus und überdas Weideland gegangen sei. Die Fragerin hatte genugerfahren und forderte im Namen des Oberarztes denArbeiter auf, die von ihm bezeichnete Wärterin sogleichzu suchen, während sie ihm die Anzeige machen wolle,daß sie gesehen worden fei.

Von Schrecken ergriffen, vernahm der Oberarztdiese Nachricht, und Wärter und Wärterinnen wurdenfortgeschickt die Entflohene zu suchen. Lange war dießvergeblich; da ward in der Nähe des Steges ein weißesTaschentuch mit den eingestickten BuchstabenH. G."gefunden. Nun blieb kein Zweifel mehr, wohin sie sichgewandt, und es wurden schleunigst Stangen und Haken

zum Suchen herbeigeschafft. Längere Zeit waren auchhier alle Bemühungen vergeblich, endlich aber zog man,und zwar nahe dem Steg und von den Wurzeln einesGebüsches festgehakt, die Leiche hervor. Es war einGlück, daß diese deren Kleider erfaßt, sonst wäre sie, damit Steinen beschwert, jedenfalls tiefer gesunken, undum so schwieriger aufzufinden gewesen. Tieferschüttertumstanden Alle die Leiche der schönen, jungen Frau,und es ward eine mit einer Matratze und Deckenversehene Bahre geholt, um sie nach der Anstalt zubringen.

XIV.

Wie oft hatte Marie Feldheim HedwigS Kindermit deren Wärterin eingeladen, um ihnen in ihremgroßen Garten mit dem reichlich vorhandenen Spielzeugeinen fröhlichen Tag zu bereiten. Gegen halb siebenUhr hatte sie die Kleinen zurückgeschickt, und zwar u«ihnen Freude bereiten zu können, in einem Wagen, indem auch die von ihnen gepflückten Blumen und FrüchtePlatz gefunden, welche sie ihrem Vater und ihrer Groß-mutter mitnehmen wollten. Den Wagen erwartend, indem sie sich zu Reichardt'S begeben wollte, hörte Marieschnell die Hausthür öffnen, und aus dem Zimmerblickend sah sie einen ihr unbekannten Mann, welcherihr einen Brief überreichte und um Antwort bat. DasSchreiben in Empfang nehmend fragte sie ihn, von wemer komme, worauf er ihr erwiderte:

Vorn Herrn Oberarzt der Irrenanstalt!"

Von einem jähen Schrecken ergriffen, trat sie inSGartenzimmer zurück, öffnete hastig den Brief und laSdie wenigen verhängnißvollen Zeilen. Von der furcht-barsten Aufregung ergriffen, fragte sie den Boten, ober bei Dr. Günther gewesen, oder sich noch zu ihm be-geben wolle, worauf er ihr erwiderte, daß ein Andererdorthin gegangen sei.

Nun schrieb sie hastig einige Zeilen, steckte sie inein Couvert, das sie adresfirte, und übergab es demManne, welcher sich schnell damit entfernte. Dannkleidete sie sich zum Ausgehen an, und da auch derWagen zurückgekommen, sagte sie Johann, daß sie viel-leicht erst spät wiederkehren werde, stieg schnell ein undgab zu seiner Ueberraschnng dem Kutscher die Weisung,wiederum und so schnell wie möglich nach Dr. GünthersWohnung zu fahren.

Hier hatten kaum mit freudestrahlenden Gesichterndie Kinder ihre Schätze vertheilt und selbst Dr. GünthersZüge sich bei ihrem Anblick erheitert, als hastig dieHausthür geöffnet ward und die nichtsahnende Doraein Schreiben in Empfang nahm, auf das der Ueber«bringn sogleich Antwort erwartete. An dergleichen Be-stellungen gewöhnt, übergab sie es Dr. Günther, welcherebenfalls ahnungslos es öffnete und las, dann tödtlicherblassend seiner Mutter ein Zeichen gab, ihm in seinZimmer zu folgen. Bei seinem Anblick vonSchrecken erfaßt, that sie dieß, und hier sagte er, indemer zugleich an den Schreibtisch trat, mit stockenderStimme:

Mutter Mutter der Brief ist vorn Ober-arzt Hcdwig ist verschwunden und gewiß-"

Ums Himmclswillen, Albrecht!" unterbrach wan-kend Frau Günther und sank auf einen Stuhl, er aberschrieb Listig die wenigen Zeilen, versiegelte sie undübergab sie dem Boten, welcher sich damit entfernte,