Ausgabe 
(17.7.1896) 59
Seite
446
 
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Veränderung, wie ein Umgangswechsel für sie nothwendig jsei, dorthin überführt werden müsse.

Diese Erklärung war für die Familie wie auchfür Marie Feldheim ein harter Schlag; da aber in derSache sofort gehandelt werden mußte, übernahm diesees, Hedwig in Begleitung der Diakonissin, die ihre ein-zige Gesellschaft gewesen, nach der Anstalt zu geleiten.Hedwig, welche sich vollkommen bewußt war krank zusein, stimmte, als Marie ihr vorschlug, ihre Wohnungzu verlassen und in einer freundlich gelegenen AnstaltKräftigung ihrer Gesundheit zu suchen, damit überein,wenngleich sie mit der ihr eigen gewordenen traurigenErgebung hinzusetzte:

Es wird mir doch nichts nützen, Marie, und ichwerde, was ich auch am liebsten will, meinem Manneund Kinde gewiß bald folgen!"

Am nächsten Morgen fuhr Marie mit ihr, die ruhigund gleichgiltig ihr sonst so glückliches Heim verließ,dorthin. Dr. Günther, seine Mutter und Neichardt's,welche auf Anordnung der Aerzte sie nicht wieder er-blickt, sahen vom Fenster auS der Abfahrt zu und er-schraken über die binnen wenigen Wochen mit ihr vor-gegangene Veränderung. Der Oberarzt und zweiWärterinnen empfingen sie am Eingang eines Seiten-flüges der Anstalt, der, mit grünen Fensterjalousien ver-sehen, rings mit Nasen und Blumenbeeten umgeben,denen sich schattige Wege anschlössen, einem freundlichenGartenhause glich. Auf Dr. Günther's besonderenWunsch bekam seine kranke Gattin zwei behaglich aus-gestattete Zimmer, in denen sie ihre Handarbeiten, leichteUnterhaltungsschriften und auch ihren Flügel fand, dennseit ihrer Erkrankung hatte sie eine besondere Vorliebefür die Musik an den Tag gelegt.

Der Oberarzt forderte Marie zum Bleiben auf,und diese half ihre Zimmer ordnen und unternahmdann mit ihr einen schon lange entbehrten Spaziergang.Sie durchschritten mehrere Wege und Alleen, welche mehroder weniger im frischen Frühlingsgrün prangten, überdas Hedwig lebhafte Freude empfand, und gelangtendurch eine der letzteren fast an das Ufer des Flusses,der auch die Stadt berührte. Auf einer der am Wegestehenden Bänke sitzend, sah sie mit einigem Vergnügendem Vorüberfahren mehrerer größerer und kleinererSchiffe zu.

Gegen Abend überließ Marie Hedwig der Obhutund Sorge fremder Hände, was diese indeß nicht zuempfinden schien, und nahm mit schwerem Herzen vonihr Abschied, nachdem sie ihr und auch dem Oberarztversprochen, baldigst wieder zu kommen. Sie begab sichnach Dr. Günther's Wohnung, wo sie voll Spannungerwartet ward und von den Vorgän-en des Tages Be-richt erstattete. Frau Günther und Neichardt's hörtenihr unter Thränen zu, mit bleichen Gesicht aber, indessen Zügen sich der tiefste Schmerz aussprach Dr.Günther, und wenn sie auch ihre Hoffnung auf HedwigSGenesung aussprachen, glaubten sie in der Tiefe ihresHerzens kaum an eine solche.

Nach diesem traurigen Tage waren Wochen ver-gangen. Durch die ihr zu Theil werdende Pflege undBehandlung ward Hedwig körperlich kräftiger, und hoffteder Arzt, daß dadurch auch ihre Nerven sich kräftigenund belebend auf ihre geistigen Fähigkeiten wirken wür-den. Zuweilen schien es ihm als ob die Erinnerungin ihr wach werden wolle, und veranlaßte er sie daher

j einmal von ihrer Familie zu sprechen. Zu seiner Freudeging sie darauf ein, erzählte ihm von ihren Eltern,ihrer Pflegemutter und dem kleinen Max Neichardt. diegleich ihrem Manne und ihrem Sohne gestorben seien,nnd fügte traurig hinzu:

Die meisten Menschen, mit denen ich in Berührungkomme, sterben, Herr Doktor, und daher wäre es gewißbesser, ich stürbe, damit nicht Marie Feldheim, meineeinzige Freundin, dasselbe Schicksal hat!"

Nach dieser Unterredung sagte dem langjährigenIrrenarzt die Erfahrung, daß er ähnliche Gesprächemeiden müsse, er und empfahl ihren Wärterinnen strengean, sie nie außer Acht oder allein zu lassen und niemalsnach der Richtung des Flusses mit ihr zu gehen.

Wieder waren Wochen dahingeschwunden, Ende Juliherangekommen, und weder Dr. Günther noch seineMutter, weder Neichardt's noch Marie Feldheim dachtenan irgend einen Sommergenuß. Ihre Gedanken warennur nach der Irrenanstalt gerichtet, wo ohne ein Zeichenvon Besserung Hedwig sich noch immer befand undMarie sie, so oft es der Arzt gestattete, besuchte. Siefreute sich dessen stets, sah sie aber auch ohne Betrübnißscheiden, und beklagte auch ihr gegenüber oft, daß sieschon so vielen Menschen den Tod gebracht, und fügteden Wunsch, baldigst zu sterben, hinzu, um wieder mitihrem Manne und Kind vereinigt zu sein. Marie ver-suchte, ihr dergleichen schwermüthige Gedanken auszu-reden, stellte ihr in Aussicht, bald genesen zu sein, undfügte liebevoll und ermuthigend hinzu:

Und dann bleibst Du bei mir, Hedwig! Wirrichten uns in dem Gartenzimmer ein"

Nein, nein, Marie, das werde ich nie thun", er-widerte sie dann ängstlich.Du würdest sonst auchsterben, und ich ich hätte Niemand mehr auf derWelt!"

Mit schwerem Herzen zwar machte Marie ihr dannin heiterer Weise Vorstellungen, doch waren diese ver-geblich, Hedwig ward nur noch trauriger. Die einzigeZerstreuung gewährte ihr die Musik, und zu dieser nahmMarie ihre Zuflucht.

Spät am Nachmittag eines schönen SommertageS,den Hedwig mit ihrer Wärterin im Freien zugebracht,nahm sie ermüdet von einem weiteren Weg mit dieserauf einer Gartenbank Platz. Sie war verstimmt, dennsie hatte Marie erwartet, die zwar erst am Tage zuvorbei ihr gewesen, und war ihrer Begleiterin gegenüberder Ansicht, daß sie krank geworden und sie sie daherlange nicht wiedersehen werde. Jene versuchte, ihrGegenvorstellungen zu machen, und sie schien auch daraufeinzugehen, als plötzlich die Wärterin ihren Namen angst-voll rufen hörte. Ohne auch nur einen Moment nach-zudenken, verließ sie Hedwig, eilte der Richtung, woherder Ruf gekommen, zu, und sah auch bald, daß eineandere, mit einer kranken Dame beschäftigte Wärterinbereits Beistand bekommen. Jetzt plötzlich sich der be-gangenen Sorglosigkeit bewußt werdend, lief sie so schnellsie vermochte nach der Bank zurück, doch war ihre Pflege-befohlene und ihr eigener großer Gartenhut verschwunden,und hatte diese den ihrigen zurückgelassen. Von Schreckenund Angst erfaßt, blickte sie angestrengt lauschend um-her, doch war Niemand zu sehen und ebenso wenigirgend ein Laut zu hören. Sie stürzte nun der Rich-tung des Flusses zu, vor dem sie in Bezug auf ihreKranke so dringend gewarnt worden war, und rief zu-