M 59,
Ireitag, den 17. Juli
1898.
Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Borbefitzcr Dr. Max Huttler ).
Krarkenherz rmd Irauenwatten.
Lebensbild von Mary Dobson.
(Fortsetzung.)
Am Tage vor der Beerdigung öffnete Hedwig,welche sich in einer völligen Nervenabspannung befandund wiederum mehrere Stunden ruhig dagelegen, dieAugen und war erfreut, Marie an ihrer Seite zu sehen.Sie blickte sie einige Augenblicke forschend und fragendan und sagte:
„Marie, wie geht es Albrecht? — Gestern ist mirgesagt worden, es stehe nicht gut um ihn-"
„Wen meinst Du, Hedwig?" sprach ausweichendMarie, „Deinen Mann oder Dein Kind — —"
„Erzähle mir erst von meinem Mann", undwiederum forschten ihre Augen in den Augen und Zügender Freundin.
„Es geht allerdings noch nicht besser mit ihm",sprach Marie so ruhig sie vermochte, „allein die Aerztesind seinetwegen ohne jegliche Besorgnihl"
„Marie", rief sich hastig aufrichtend Hedwig, „sprichstDu auch die Wahrheit?"
„Gewiß, Hedwig I" versicherte Marie und hielt noch-mals deren forschenden Blick aus.
„Ich will Dir glauben", erwiderte langsam Erstere,„aber nun sage mir auch, wie es mit meinem Kindesteht!"
Marie war auf diese Frage vorbereitet, dennochzauderte sie einen Moment, ehe sie antwortete.
„Leider, Hedwig, befindet Albrecht sich nicht so gutwie sein Vater. „Das Fieber nimmt in bedenklicherWeise bei ihm zu — —"
Hedwig war Mariens Zögern nicht entgangen, undderen Hand fassend, rief sie hastig und nochmals miteinem forschenden Blick:
„Marie, Du sprichst nicht die Wahrheit! — MeinKind ist bereits todt — Albrecht wird auch sterben —ich — ich will mich selbst überzeugen —" und sie machteMiene sich zu erheben. Marie hielt sie mit sanfter Ge-walt zurück, versicherte ihr nochmals, daß ihr Mannlebe und mit Gottes Hülfe genesen werde, ihr Kindaber, wie bereits gesagt, sehr krank sei.
Mit einem lauten Aufschrei sank Hedwig bewußtloszurück, und glücklicherweise trat die Diakonissin, welcheeine Stunde Schlaf genossen, wieder ein. Nach An-wendung belebender Essenzen öffnete sie die Augen,
und Marie erblickend, sagte sie mit sanfter, traurigerStimme:
„Ich weiß, daß Beide todt sind, Marie — —"
„Aber, Hedwig, Dein Mann lebt — Albrecht auchnoch — —", unterbrach diese ruhig, doch ernst.
„Nein, nein, ich glaube es nicht", erwiderte Hed-wig heftiger. „Während ich krank gewesen, sind siegestorben und begraben, und ich werde ihnen baldfolgen — —" und nochmals schloß sie die Augen.
Marie blickte die erfahrene Krankenpflegerin besorgtan, diese aber winkte ihr beruhigend und zog sich zurück,während sie an ihrer Seite blieb. Nach einer Weileerwachte Hedwig wieder und sprach ruhig über den Todihres Mannes und Sohnes, den sie als gewiß annahm.Ihre beiden jüngeren Kinder schienen ihrem Gedächtnißentschwunden zu sein, wie sie auch Frau Günther's undNeichardt's nicht erwähnte. Die Diakonissin gab Marienein Zeichen auf ihre Ideen einzugehen, deßhalb auchwidersprach sie ihr nicht, war aber von der furchtbarstenAngst um sie erfüllt, denn die Befürchtungen der ver-storbenen Frau Neichardt, wie auch diejenigen von FrauGünther schienen in schrecklicher Weise sich bewahrheitenzu sollen. —
XIII.
Dr. Günther war vollständig genesen und hatteauch seine Praxis wieder aufgenommen, seine ältesterSohn ruhte im stillen Grabe neben seinen Großeltern,die jüngeren Kinder aber waren wieder in seine Woh-nung zurückgekehrt, in der seine Mutter schaltete undwaltete, denn Hedwig, das so innig geliebte Weib seinesHerzens, vor einem Jahre noch blühend in frischerJugendkraft, war unfähig ihren Pflichten als Gattinund Mutter, die sie stets so gewissenhaft geübt, nachzu-kommen, sie weilte — es war um die Mitte Mai —in der kaum eine halbe Stunde von der Stadt gelegenenIrrenanstalt. — —
Da nach ihrem verhängnißvollen Gespräch mitMarie Feldheim die sie behandelnden Aerzte es sichnicht verhehlen konnten, daß in Folge aller Aufregungein Nervenleiden — eine augenblickliche Geistesstörung —bei ihr eingetreten war, so wurde der Oberarzt der ge-nannten Irrenanstalt, ein Mann von bedeutendem Nuf,zu Rathe gezogen, und nachdem er Alles erfahren, er-klärte er, die Patientin nur in der Anstalt beobachtenund behandeln zu können, und daß sie, da auch eine Orts-