AnWattungsAalt
„Augsburgrr postzritung".
« kv.
Dinstag, den 21. Juli
1896.
^ür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler ).
Arauenherz und Irauenwatten.
Lebensbild von Mary Dobson.
(Fortsetzung.)
Hedwtg Günther war neben ihren Eltern und ihremSohn zur ewigen Ruhe gebettet, und viele Leidtragendehatten sie von ihrer einstigen Wohnung aus, wohin ihreLeiche am Abend nach ihrem Tode gebracht worden,dorthin begleitet. Trotz aller Umsicht und Fürsorge warihr trauriges Lebensende bekannt geworden, und Jederbeklagte umsomehr daS so frühe Dahinscheiden der vornicht langer so Zeit glücklichen, schönen, jungen Frau.
Der durch ihren Tod am schwersten Getroffene, ob-gleich die ganze Familie schwer dadurch litt, war ihrGatte, der es sich nicht vergeben konnte sie der Anstaltanvertraut zu haben, bevor er noH andere Irrenärztezu Rathe gezogen. Auf alle Gegenvorstellungen seinerMutter hatte er keine Antwort, wie er diese überhauptNiemandem gestattete und täglich ernster und ver-schlossener ward. Frau Günther war seinetwegen ingroßer Sorge, und als sie diese eines Tages wiederumihrer Tochter gegenüber geäußert, fügte sie traurig er-regt hinzu:
„Hatte ich nicht Recht, Bertha, als vor Jahren ichmich über Albrecht's Verlobung mit Hedwig Nothenfelsnicht freuen konnte? — Alle meine traurigen Vor-ahnungen sind in schrecklichster Weise in Erfüllung ge-gangen, und es war ein unglücklicher Tag, an dem ersie zum ersten Mal gesehen!"
„Sprich nicht also, Mutter", erwiderte ihre Tochter,„Albrecht ist mit Hedwig sehr glücklich gewesen —"
„Um sie desto schwerer zu entbehren", fuhr weinendFrau Günther fort. „Er wird ihr schreckliches Endenie überwinden, folgt ihr vielleicht schon bald und denktin seinem Gram nicht an die armen Kinder, für die ergar kein Auge hat!"
„Er muß zum Ueberwinden Zeit haben, Mutter",antwortete Erstere beruhigend. „Es sind erst Wochenseit jenem Abend vergangen, wo sich daS Schrecklichezugetragen, und auch wir Alle, Arthur und Elfriede miteingeschlossen, sind kaum im Stande uns über HedwigsVerlust zu trösten! — Was aber die Kinder anbetrifft,so sind sie, schon seit hier im Frühling die schrecklicheKrankheit ausgebrochen, dem Vater mehr oder wenigerentfremdet, und eS konnte auch kaum anders sein. Laßsie ihm wie sonst in diesem Zimmer finden, und Du
wirst Dich bald überzeugen, daß sie ihm noch so liebfind, wie sie es immer gewesen!"
„Du magst Recht haben, Bertha", antwortete nacheinigem Nachdenken Frau Günther, „und ich will siemit allem ihrem Spielgeräth holen. Die armen Klei-nen! — Sie sprachen so oft von ihrer Mutter — waswerden sie noch einmal sagen, wenn sie erfahren, aufwelche Weise sie geendet?"
„Warum aber und wie sollten sie das je erfahren,Mutter?" versetzte ihre Tochter. „Warum überhauptvon der Zukunft sprechen, wenn noch die Gegenwart sotraurig und sorgenvoll vor uns liegt? — Für denAugenblick nimmt Albrecht unser ganzes Denken in An-spruch, und müssen wir nach Kräften das Unsrige thun,ihm sein schweres Geschick tragen zu helfen!"
Als am Nachmittag Dr. Günther von einem län-geren Besuch bei seinen Patienten heimkehrte, fand erseine Mutter, mit einer Handarbeit beschäftigt, an einemder weitgeöffneten Fenster des Wohnzimmers sitzen, wäh-rend inmitten desselben die Kinder, reichlich drei undfünf Jahre zählend, sich mit Spielsachen aller Art unter-hielten und neben Marga ein schöner, sorglich von ihrverhüllter Puppenwagen stand. Einen Augenblick denRaum übersehend, überflog der Ausdruck unbeschreiblicherTrauer sein bleiches Gesicht, dann begrüßte er seine ihn auf-merksam beobachtende Mutter und trat darauf zu denKindern, welche einen Moment ihn schüchtern anblickten,dann aber seine Hände ergreifend ihn begrüßten. Ersah sie mit einem schmerzlichen Blick an, neigte sich zuihnen und küßte sie zärtlich. Dadurch wüthiger ge-worden, erfaßten sie wiederum seine Hände und führtenihn an ihren Spieltisch, wo Hugo ihm seine neuestenSoldaten zeigte, welche Tante Marie ihm geschenkt,Marga ihm einen Kasten voll Küchengeräth entgegenhielt und mit leuchtenden Augen hinzusetzte:
„Nun mußt Du auch Baby sehen, Papa", undohne seine Zustimmung abzuwarten, machte sich die be-wegliche kleine schwarzgekleidete Gestalt eifrig daran demWagen eine reizende Wachspuppe zu entnehmen, mitwelcher sie zu ihrem Vater trat und zugleich lebhaftsagte:
„Hier ist Baby, Papa! — Tante Marie hat siemir aus England mitgebracht, Mama sie aber mit demWagen verwahrt bis ich größer sein sollte, und nunhat Großmama mir alles gegeben!"
„Baby hat auch einen schönen Mantel und Hut",