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ergänzte Hugo, der offenbar für die prächtige Wachs-puppe das größte Interesse empfand, „und auch nochviele Kleider, und alles liegt in einem kleinen Schrank,den Tante Marie Marga geschenkt." Plötzlich aber inseinem Eifer innehaltend, fügte er dann schnell hinzu:
„Ich spiele aber nicht mit Baby, Papa, und auch,nicht mit dem Puppenwagen, das thun nur Mädchen IIch lasse meine Soldaten marschiren und fahre mitmeinem Wagen Holz in die Küche", und seinen Vatermit leuchtenden Augen ansehend, gewahrte er dessen tief-trauriges Gesicht, bemerkte auch, daß seine Großmutterdie Augen trocknete, und fügte plötzlich ernst gewordenhinzu: „Du mußt nicht mehr so traurig sein, Papa! —Unsere liebe Mama ist im Himmel beim lieben Gott,der auch Albrecht hingenommen, mit dem ich nun nichtmehr spielen kann, und der liebe Gott ist doch gewißso gut — —
„Ja, Hugo, das ist er", erwiderte, seine Bewegungbekämpfend, Dr. Günther, dem das Geplauder seinerKinder vollständig neu war, wie es ihn zugleich schmerz-lich berührte. Dennoch setzte er es eine Weile fort, biswiederum von seinem Beruf in Anspruch genommen,er sie und seine Mutter verließ und sich zu mehrerenseiner wartenden Patienten in sein Zimmer begab.
Bet eingetretener Abenddämmerung schlug ein ein-samer Wanderer den Weg nach einem der Kirchhöfe derStadt ein, welcher etwa eine Viertelstunde von derselbenentfernt lag. Es begegneten ihm nur wenige Menschen,und als er sein Ziel erreicht, gingen theilnehmendgrüßend der Todtengräber und sein Sohn an ihm vor-über, welche nach beendigtem Tagewerk sich nach ihrerWohnung begeben wollten, er abersuchie eine mit Cypressenund Taxusbäumen geschmückte Grabstätte auf, die einin der Mitte stehender höherer Sandstein als der Fa-milie Rothenfels gehörend bezeichnete. Verschiedenedunkle Marmortafeln trugen die Namen Derer, die hierzur ewigen Ruhe gebettet waren; auf den beiden letztenlas man die frischgoldene Inschrift: „Unserm Albrecht"und „Meiner Hedwig", und vor diesen seinem Kindeund seinem Weibe gewidmeten Gedenksteinen blieb Dr.Günther stehen. Lange überließ er sich seinen Er-innerungen, ließ glückliche und traurige Bilder an seinemgeistigen Auge vorüberziehen und sagte endlich leise:
„Warum, Hedwig, ach, warum mußte Dich dietraurigste Krankheit heimsuchen und mir ein Glückrauben, wie ich es nie wiederfinden werde? — Ichkann Dir nicht vergelten was in dem unglückseligenWahn Du um mich gelitten, auf unsere Kinder aberwill ich auch den Theil meiner Liebe übertragen,- dersonst Dir gehörte und den Du nicht entbehrst^ ihnen Vaterund Mutter sein und sie so glücklich zu machen suchen,wie nur Du, die treueste Mutter, es gethan!"
Eine Weile noch stand Dr. Günther an der immer-grünen Grabstätte, dann ging er langsam zur Stadtund in seine Wohnung zurück, wo voll Sorge ihn seineMutter erwartete, die nur zu gut wußte, wohin er seineSchritte gelenkt. —
XV.
Mehrere Tage später ging in vorgerückter Nach-mittagsstunde Marie Feldheim in ihrem Wohnzimmerauf und ab, dessen nach dem Garten hinausgehendeFenster zugleich Thüren waren und weit geöffnet standen.Ihr Gesicht war bleich, was die Trauer, welche sie umHedwig Günther trug, noch mehr hervortreten ließ, tief-
ernst dessen Züge, und ebenso ernst blickten die aus-drucksvollen blauen Augen. Sie sann nach, hatte schonlange nachgesonnen und sagte endlich halblaut:
„Ich muß Abwechslung haben, am liebsten Arbeit,die alle meine Gedanken beschäftigt! — Jahrelang hatHedwig mich in Anspruch genommen — jetzt bedarf siemeiner nicht mehr, und ihre Kinder sind in sichererObhut, sodaß ich für sie jetzt kaum mehr thun kann, alssie bei ihrem Vater zu besuchen oder zu mir einzuladen.Das aber würde mir nur kurze Zerstreuung gewähren,und die genügt mir nicht. Warum aber nicht reisen —nach Italien gehen, was ich so lange hinausgeschoben?— Jedoch allein? — Denn wer soll für den Augen-blick mich begleiten? — Aber ich könnte nach England gehen, Florence, die glückliche junge Frau, besuchen, undwenn sie nicht nach Baden gehen, den Herbst bei ihrenGroßeltern verleben. Wie sehr würden Alle sich freuen,mich zu sehen!"
Ihr Sinnen und Selbstgespräch ward hier unter-brochen. Die Glocke der Hausthüre erscholl, diese wardgeöffnet, sie vernahm eine wohlbekannte Stimme, undnach gewohntem Klopfen trat Dr. Günther ein. DieZüge seines bleichen Gesichts waren traurig-ernst, undsie begrüßend sagte er, sie mit den forschenden Augendes Arztes ansehend:
„Fräulein Feldheim, ich komme, mich nach IhremErgehen zu erkundigen. Wir Alle waren Ihretwegenin großer Besorgniß, da weder meine Mutter noch meineSchwester die Freude Ihres Besuchs gehabt!"
„Dennoch bin ich, wie Sie sehen, nicht krank, HerrDoktor", entgegnete ruhig Marie, „und ich werde indiesen Tagen Neichardt's wie Frau Günther und dieKinder besuchen, die Alle, wie ich hoffe, sich wohl be-finden!"
„Das thun sie in der That", erwiderte Dr. Günther,den ihm von Marie gebotenen Platz einnehmend. ,
„Und Sie, Herr Doktor?" fuhr diese, ihre Augenvoll offener Theilnahme auf ihn richtend, fort.
„Ich, Fräulein Feldheim? — Auch ich könnteIhnen sagen nicht krank zu sein, dennoch aber — den-noch leide ich furchtbar und fürchte fast — —" undhier nahmen seine Züge einen düsteren Ausdruck, seineStimme einen tieferen Klang an — „ich fürchte fast,das mich betroffene Unglück nicht zu überwinden!"
„Es sind seitdem erst Wochen verflossen", versuchteMarie ihn zu beruhigen.,
„Umsomehr ist mir noch Alles gegenwärtig, undauch Hedwig's Bfld in seiner ganzen einstigen Lieblich-keit!" erwiderte in unveränderter Weise Dr, Günther.
„Gewiß würde eine Ortsveränderung rathsam fürSie sein, Herr Doktor", fuhr nicht ohne BesorgnißMarie fort. „Können Sie nicht eine Erholungsreisebeantragen?"
„Ich habe gleich in den ersten Tagen gedacht, fort,weit fort von hier gehen zu müssen", sprach mit dum-pfer Stimme Dr. Günther und strich mit der Handdurch sein volles dunkles Haar, „das ist aber leichtergesagt als gethan, und vor allen Dingen binden michmeine beiden Kinder!"
„Sollten sich dennoch nicht alle Schwierigkeiten be-seitigen lassen, Herr Doktor?" fragte mit zunehmenderUnruhe Marie und fügte nach momentaner Pause hinzu:„Wenn Sie besonders der Kinder wegen Bedenken haben,möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen — —"