Ausgabe 
(21.7.1896) 60
Seite
455
 
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Er sah sie sichtlich überrascht und fragend an, sieaber fuhr fort:Den, sie mir während der Dauer ihrerAbwesenheit zu übergeben -"

Ihnen, Fräulein Feldheim?" fragte Dr. Günther,als habe er ihre Worte nicht verstanden.

Ja, Herr Doktor, und Sie kennen mich zur Ge-nüge um überzeugt zu sein. daß ich sie gewissenhaftüberwachen werde", erwiderte Marie, gewaltsam ihre zu-nehmende Erregung beherrschend.

Es trat eine längere Pause ein, dann antworteteDr. Günther mit wiedergewonnener Fassung:

Fräulein Feldheim, ich weiß, daß Ihr Vorschlagder Liebe zu meiner verstorbenen Hedwig und IhremInteresse für deren Kinder entstammt, und ich bin Ihnensehr, sehr dankbar dafür. Sollte die Notwendigkeit einerReise an mich herantreten, so wäre die Sorge für dielebhaften Kinder für meine Mutter zu anstrengend, undbei meiner Schwester würden sie vielleicht deren Mannstören. In dem Falle also, Fräulein Feldheim, möchteich Ihnen, die Sie stets die treueste Freundin, der guteEngel unserer Familie gewesen, mein Theuerstes über-geben, fürchte aber, daß auch Ihnen die Kinder für dieDauer zu viele Mühe und Störung bereiten werden!"

Hätte ich selbst ein solche Befürchtung, HerrDoktor, so würde ich Ihnen mein Anerbieten nichtgemacht haben", entgegnete mit unveränderter RuheMarie.

Auf diese Versicherung hin werde ich Ihnen meineKinder bringen, Fräulein Feldheim, die ich bet Ihnenin der sichersten Hut weiß", sprach bewegt Dr. Günther.

Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Herr Doktor",versetzte in derselben Weise Marie. Als sie sich daraufnoch eine Weile über die traurigen Ereignisse unter-halten, welche die Ruhe und das Glück seiner Familie

untergraben, nahm Dr.Günther Abschied, undnachdem er gegangen,sagte halblaut Marie:

Da wäre nun un-erwartet die so begehrteernste Arbeit, die michganz in Anspruch neh-men wird! Sie sinddie Kinder meinerarmen, unglücklichenHedwig sie sind aberauch seine Kinder, dermich die treueste Freun-din, den guten Engelseiner Familie nenntund nie, nein, nie dietiefverborgene mächtigeTriebfeder aller meinerHandlungen ahnenwird, wie dieß auch keinanderer Mensch thut!"

Ein prächtiger Som-mermorgen war es zuEndeAugust, undMarieFeldheim's Haus undGarten umstrahlte derhellste Sonnenschein.Sie selbst stand leuch-tendenAuges und blickteauf die Kinder, welcheunter Aufsicht der Wär-terin auf dem breitenKiesweg ihre Wagenzogen. JndemMarga'slag Baby sorglich vorder Sonne geschützt,Hugo fuhr Holz, dasJohann, mit dem erschon früher Freund-schaft geschlossen, ihmgegeben, und lebhaft plauderten sie dabei mit Dora undsprachen besonders ihre große Freude darüber aus, rechtlange in Tante Mariens schönem Hause und Garten seinzu können.

Ja, die Kinder waren am Tage zuvor eingezogenund in einigen Räumlichkeiten zur ebenen Erde, nebenMariens Zimmern, untergebracht, während sie dieFremden- und Gastzimmer nach dem oberen Stock ver-legt. Sie waren eingezogen, trotz leisem Widerspruchvon Seiten Reichardt's wie auch Frau Günther's, welchefür Marie die durch sie erwachsende Sorge und Mühegefürchtet. Denn Dr Günther wollte am folgenden

Gurr Lurch Afrika.

Nach dem Gemälde von M. Stockes.

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