Ausgabe 
(21.7.1896) 60
Seite
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Tage ein Reise antreten, die leicht ihn auf ein Jahrvon seiner Familie und Vaterstadt entfernt halten konnte.Der Aufenthalt in dieser war nach und nach ihm fastunerträglich geworden, er hatte daher seine Staatsan-stellung einstweilen aufgegeben und wollte nach Amerika reisen, denn er war der Ueberzeugung, daß nur inneuer, unbekannter Umgebung die schrecklichen Erinner-ungen, welche er nicht zu beherrschen vermochte, weichenwürden. Alle erforderlichen Vorbereitungen zur längerenAbwesenheit waren schnell getroffen worden, und am ge-dachten Augustmorgen erschien er in Mariens Hause, umvon ihr und den Kindern Abschied zu nehmen. Siewurden ins Gartenhaus gerufen, mit bewegter Stimmesprach er in zärtlicher Weise mit ihnen, küßte sie wieder-holt, und als sie weinten und ihn baten bald wieder zukommen, versprach er ihnen dieß und nahm dann Ab-schied von der langjährigen Wärterin. Darauf sichMarien zuwendend, sagte er, ihr die Hand reichend:

Leben Sie wohl, Fräulein Feldheim, und mögenwir uns, wenigstens was mich anbetrifft, zu einer besserenZeit wiedersehen!"

Das wollen wir hoffen, Herr Doktor", erwiderteMarie mit klarer Stimme, indeß ruhig ihre Hand inder seinen lag, während ihr Herz den Trennungsschmerzso schwer empfand.Nehmen Sie meine besten Wünschefür Ihre Reise und geben Sie uns recht bald Nach-richt"

Ich werde Ihnen, wie meiner Mutter von Ham-burg aus schreiben, dann aber erst wieder von New-Jork, wohin ich mir mit dem zunächst abgehenden Schiffeunter der angegebenen Adresse einen Brief erbitte. Undnun nochmals Lebewohl, Fräulein Feldheim. Möge derHimmel Sie und die Kinder schützen!" und diese noch-mals küssend, verließ er schnell das Zimmer und dasHaus. Sie blickten ihm einige Sekunden nach, brachendann in Thränen aus, und sich an Marie wendend,welche gewaltsam ihre Bewegung beherrschte, rief kaumverständlich Hugo:

Papa soll nicht weggehen, Tante Marie! Mamaist auch Weggefahren und nicht wiedergekommen, und liegtnun auf dem Kirchhof bei Albrecht!"

Marie versuchte, da auch die kleine Marga lautweinend nach ihrem Vater rief, die Kinder zu beruhigen,indem sie sie zugleich aufforderte, wieder an ihr Spielzu gehen. Dieß wiesen sie, von ihrem kindlichen Schmerzzum Eigensinn übergehend, entschieden zurück, worauf, sievoll inniger Theilnahme betrachtend, Marie ihnen vor-schlug, sich mit Dora und Carl einen Garten anzulegen.Sie sahen sich bei diesem Vorschlag einige Augenblickean, und schon in etwas von seinem Kummer abgelenkt,erwiderte Hugo:

Wir haben aber keine Schaufeln und Hacken,Tante Marie, denn Carl seine sind für uns viel zugroß"

Johann kann zur Stadt gehen und alles Garten-geräth, welches Ihr braucht, kaufen", versetzte Marie,froh ihren Gedanken eine andere Richtung gegeben zuhaben. Dieß war ihr auch vollständig gelungen, dennwenn auch mit thränenfeuchten Wangen und Augen,drängten dennoch die Kinder sie, Johann sogleich gehenzu lassen und ihnen ihren Garten zu zeigen, und muntersprangen sie dann ihr und Dora voran.

Als am folgenden Tage Frau Günther und Berthakamen, um sich nach ihrem Ergehen zu erkundigen, fan-

den sie die Kinder in fröhlichster Stimmung in ihremGarten beschäftigt, während Geräth aller Art um sie herlag und sie kaum Zeit fanden, ihre Großmutter undTante zu begrüßen. Als diese ihnen noch Grüßevon ihrem Vater sagten, nahmen sie dieselben ruhig ent-gegen, begannen aber desto lebhafter von den Blumenund Pflanzen zu erzählen, mit denen sie schon theilweiseihre Beete angefüllt hatten. Da sie fortwährend dabeiMariens Namen in Anwendung brachten, konnten FrauGünther und Bertha zur Genüge daraus entnehmen,wie sehr sie sich schon an diese als ihre mütterliche Be-schützerin gewöhnt. Ihnen gedankenvoll zusehend undzuhörend, trat vor das geistige Auge der Ersteren, wiemehrfach schon in diesen Tagen, in schwachen Umrissen,doch ihr erkennbar, ein schönes Zukunftsbild. Aberschnell, sobald es festere Gestalt zu gewinnen begann,an die traurige Wirklichkeit denkend, verschwand es dannlangsam wieder, doch blieb still in ihrem Herzen ver-borgen eine leise, schöne Hoffnung zurück.

(Fortsetzung folgt.)

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Das Schiff der Zukunft.

Die Frage, die Schnelligkeit der Dampfschiffe sosehr zu beschleunigen, daß sie der Geschwindigkeit einesEisenbahn-Eilzuges gleichkomme, diese Frage, deren Lös-ung den Schiffstechnikern beinahe so phantastisch erschienwie die Erfindung des^erpstuuva wostils", diese fürden Handel und für den Verkehr so wichtige Frage istvon dem französischen Ingenieur Bazin gelöst worden.Bazin hat nämlich das rollende Schiff erfunden, das ineiner Stunde 100 Kilometer zurückzulegen vermag. HundertKilometer damit ist die Geschwindigkeit der schnellstenEtlzüge erreicht.

Was ist aber das rollende Schiff? Worauf beruhtdiese Erfindung des französischen Ingenieurs?

Stellen Sie sich vor, daß Sie einen Karren schiebensollen, dessen Räder aus irgend einem Grunde stecken ge-blieben sind, und die sich daher nicht drehen. Vielleichtwerden Sie diesen Karren trotz der steckengebliebenenRäder vorwärts bringen, besonders wenn er leicht, IhrArm aber kräftig ist; jedenfalls wird es aber sehr schwergehen; denn in diesem Falle ist das Hinderniß der Reib-ung ungemetn groß. Wenn dagegen die Räder sich freidrehen können, dann werden Sie zum Vorwärtsschiebendieses Karrens viel weniger Kraft brauchen, und IhreAnstrengung würde auf ein Minimum herabgemindertwerden, wenn zu gleicher Zeit irgend ein treibenderMechanismus die Achse und die Drehung der Räder be-schleunigen würde.

Dies ist eine Thatsache, deren Nichtigkeit die Er-fahrung lehrt, die aber nicht nur für Beförderungsmittelauf dem Lande zutrifft.

Nehmen Sie z. B. ein Rad, das hohl ist, dessenSeiten aber solid und gewölbt sind. Wenn Sie es aufdas Wasser stellen, wird es vertical schwimmen. StoßenSie es nun vorwärts. Diese linsenförmige Scheibe, derenProfil zwei übereinander gelegten Schiffskielen gleicht,wird auf der Oberfläche des Wassers gleiten und soeinige Meter sich weiter bewegen. Aber sie wird nurmühsam vorwärts kommen und bald still stehen.

Wenn Sie aber die Scheibe zu gleicher Zeit, da Sie