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„Bin ich jetzt nicht schon glücklich genug, Albrecht?"unterbrach Marie, ihn durch Thränen ansehend. „MitDeiner Liebe giebst Du mir so viel — die Kinder, dienun mein Eigen sind, Deine liebe, theure Mutter —doch sagtest Du nicht, sie sei krank?" und schnell richtetesie sich an seiner Brust auf.
„Meine Mittheilung wird sie gesund machen, Theure",erwiderte Dr. Günther mit freudiger Bewegung. „Undda sie mir versprochen, mich erwarten zu wollen, mußsie dieselbe auch so bald wie möglich erfahren!"
Frau Günther hatte schon lange auf ihren Sohngewartet, der, endlich heimkehrend, schnell das Wohnzimmerbetrat, in welchem sie noch auf dem Sopha ruhte. Ihnanblickend, gewahrte sie eine große Veränderung in seinenGestchtszügen, und nach gegenseitiger Begrüßung sagte ermit sichtlicher Bewegung:
„Mutter, ich bringe Dir eine gute Nachricht —"
„Was könnte das sein, mein Sohn?" fragte FrauGünther, sich höher aufrichtend.
„Ich habe mich verlobt —"
„Verlobt — Du? — Und mit wem?"
„Mit Marie Feldheim, Mutter —"
„Mit Marie Feldheim?" wiederholte langsam FrauGünther, und von einem lichten Glanz umgeben standvor ihrem geistigen Auge das schöne Zukunftsbild alsnoch schönere Wirklichkeit. „Albrecht, dadurch ist meininnigster Wunsch erfüllt, und Gottes bester Segen mitDir und Deiner Braut!"
Sie reichte ihm ihre Hand, auf die er mit seinemDank seine Lippen drückte, und sie fuhr fort:
„Wann werde ich sie sehen, um sie als meineTochter zu begrüßen?"
„Morgen Nachmittag, wenn Du Dich wohl genugfühlst. Ich werde bei Marie und den Kindern essen,die von mir erfahren müssen, daß ich ihnen eine Mutterwiedergebe, und darnach kommen wir hierher. Gleichmorgen früh will ich zu Reichardt's gehen, sie von meinerVerlobung in Kenntniß setzen und sie bitten hierher zukommen. Falls Du mit diesen Anordnungen, die Mariegetroffen, nicht einverstanden bist — — —"
„Laß Alles, wie sie es bestimmt, Albrecht", riefeifrig Frau Günther, deren Krankheit plötzlich gehobenzu sein schien, „ich füge mich ihrem Schalten und Waltengern, hat sie doch stets das Richtige und Beste getroffenund gethan! — Doch nun erzähle mir, wie Alles ge-kommen. Denn die Aufregung würde uns doch nichtschlafen lassen!" — —
Am folgenden Nachmittag ruhte Frau Günther, nurvon einem Kissen unterstützt und in eine weiche Sammetdecke— Mariens letztes Weihnachtsgeschenk — gehüllt, aufdem Sopha. Ihr zur Seite saß Herr Reichardt, wäh-rend Bertha geschäftig hin und her ging. Auf allenGesichtern lag Freude und Erwartung, und bedeutungs-voll, nur ihnen verständlich, sahen sich zuweilen Mutterund Tochter an. Dann kam ein Wagen — er hielt.—Bertha und ihr Gatte gingen durch das Vorzimmer ausden Flur um das Brautpaar zu begrüßen, durch das-selbe aber eilten, kaum sie sehend, Hugo und Marga insWohnzimmer, hielten in ihren Händen einen verdecktenKorb und riefen ohne jeglichen Gruß:
„Großmama — Großmama, Tante Marie wirdschon bald Papa seine Frau und unsere Mama, Papahat es uns diesen Mittag gesagt!"
Frau Günther sah sie lächelnd an, und dieß ge-wahrend, sagte ihre kleine Enkelin:
„Es ist gewiß wahr, Großmama-"
„Ja, und wir bleiben Alle in Tante Marien'sHause, Papa auch und Du, Großmama, mit Christineund dem neuen Johann, denn der alte will sich mitKathrine verheirathen", fügte fast außer Athem Hugohinzu.
Frau Günther lauschte mit glücklichem Lächeln undblickte zugleich erwartungsvoll nach der Thür, die wieder-um geöffnet ward und durch die ihr Sohn und seineBraut, gefolgt von Reichardt's, erschienen. Erstere tratenan ihre Seite, und mit bewegter Stimme begann Dr.Günther:
„Mutter, hier bringe ich Dir Deine Tochter —."Frau Günther, welche sich vom Sopha erhoben, reichteihnen ihre Hände entgegen und zog Beide an ihre Brust.Dann sprach sie ebenfalls tiefbewegt:
„Marie, ich brauche Dich nicht erst als Tochterwillkommen zu heißen, denn Du mußt es gefühlt haben,daß ich Dir stets die ganze Liebe einer Mutter entgegen-gebracht!"
„Ja, Mutter", entgegnete mit thränenfeuchten AugenMarie, „und ich bin Dir in meinem Herzen dankbardafür gewesen. Als Deine Tochter kann ich sie Dirvergelten und werde es gewiß nach Kräften thun!"
Die Kinder hatten sich jetzt ihres Korbes erinnert,und ihn mit Aufbietung ihrer gemeinsamen Kräfte aufFrau Günther hinhaltend, sagten sie:
„Das haben wir diesen Morgen mit Tante Marieeingepackt und Dir mitgebracht, Großmama. Du mußtAlles bald essen, damit Du schnell wieder gesund wirstund wir Dich im Wagen abholen können!"
Frau Günther küßte lächelnd ihre Enkel und ver-sprach, ihren Wunsch zu erfüllen, diese aber hatten recht-zeitig die bewegte Stimmung unterbrochen, an derenStelle eine ruhig heitere trat, und nochmals auf demSopha ruhend, blickte sie immer wieder auf ihren Sohnund Marie, in deren Augen und Zügen der Ausdruckstillen, großen Glückes lag.
Ende.
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Die Parfumeriesabrikation in Grosse. *)
Von Dr. Gustav Zacher-Hamburg .
Die Kunst der Parfumbereitung ist uralt, und wiebei alten Fabrikationsmethoden überhaupt, z. B. auch derdes Glases, vererben sich die Kenntnisse und Kunstgriffedes Handwerks fast unverändert von einem Geschlechtzum anderen. Selbst die großartigen Fortschritte derChemie in unserem Zeitalter haben die Darstellungmancher Erzeugnisse, die fast tagtäglich dem menschlichenGebrauche dienen müssen, gar nicht oder nur unwesent-lich beeinflußt. Allerdings hat die chemische Syntheseuns in den Stand gesetzt, aus dem Gebiete der Parfum-bereitung manche Wohlgerüchc, deren Gewinnung undConservirung auf längere Zeit bei der Verwendung dervon der Natur gelieferten Rohmaterialien äußerst zeit-
*) Wir entnehmen den oben stehenden interessanten Artikelder Zeitschrist „Prometheus", jener von Dr. Otto N. Witk inCharlottenburg herausgegebenen illustrirten Wochenschrift, welchesich mit bestem Erfolge bestrebt, weitere Kreise über alle Fort-schritte auf dem Gebiete der Industrie, des Gewerbes und derWissenschaft aus dem Laufenden zu erhalten.