Ausgabe 
(28.7.1896) 62
Seite
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Fräulein Feldheim, Sie werden mich sogleich ver-stehen, und ich bitte Sie dringend mir ein kurzes Gehörzu gewähren, denn nur deshalb bin ich noch zu so späterStunde gekommen I"

Herr Doktor, Sie setzen mich immer mehr in Er-staunen und ängstigen mich ebenfalls", erwiderte Mariemit einiger Erregung.Sagen Sie was ich erfahrensoll und muß, es darf, wie Sie wissen, auch dasSchlimmste sein, ohne mich außer Fassung zu bringen."

Nun wohl, Fräulein Feldheim, so will ich sprechen,und ich ersuche Sie, mich ruhig anzuhören", antworteteDr. Günther nach momentaner Pause.Ein Mann,der seit Jahren Sie als die edelste, aufopferndste IhresGeschlechtes kennen gelernt, dessen Dankbarkeit Ihnengegenüber nie enden kann, dieser Mann, der sich wiedernach einem häuslichen Glück sehnt, welches er seinem ganzenUmfange nach gekannt und ein furchtbares Geschick ihmentrissen, fragt an, ob Sie ihm dieß Glück gewährenkönnen und wollen, ihm ein theures, geliebtes Weib, dieGenossin seines Lebens sein und damit die Mutterseiner Kinder werden, deren Liebe Sie schon im vollstemMaße besitzen?"

In Mariens Herz wallte es heiß auf; ihr war dieLiebe dessen geworden, dem so lange still verborgen dieihrige schon gehört, dennoch aber unterdrückte sie gewalt-sam das beseligende Gefühl und sagte langsam und mitabgewandtem Gesicht:

Und Hedwig?"

Hedwig", erwiderte er mit tiefer, bewegter Stimme,deren Liebe den jungen Mann so unendlich beglückt,deren seliger Geist in den lichten Höhen, in denen erjetzt wandelt, klar und ungetrübt sieht, Hedwig wird sichunserer Liebe freuen und unsern Bund segnen, der auchihren Kindern eine treue, liebevolle Mutter giebt. WelcheAntwort habe ich nach dieser Erklärung von Ihnen zuerwarten?"

Marie richtete ihre tiefblauen, ausdrucksvollen Augenauf die seinen, und es strahlte ihm ein kleiner Theilihrer Liebe entgegen. Zugleich reichte sie ihm ihre Hand,und diese fest mit der seinen umfassend, drückte er siewiederholt an seine Lippen, schloß seine Braut an seineBrust, und Beide standen einige Augenblicke in tieferBewegung da. Das Schweigen unterbrechend, sagte ermit unsicherer Stimme:

Marie, mein stetes Streben wird sein, Dir alsmein Weib mit reicher Liebe zu vergelten zu suchen,was in Deiner Hochherzigkeit und Deinem Edelsinn Dufür mich und die Meinen gethan und, wie ich Dich kenne,immer thun wirst I"

Einen Augenblick kämpfte Marie mit einem Ent-schluß, dann war er gefaßt und sie erwiderte:

Albrecht, Du und die Deinen, Ihr habt das meinerHochherzigkeit und meinem Edelsinn zugeschrieben, waseinen ganz andern Beweggrund hatte, den Du erfahrensollst und mußt, und damit ein Geheimniß meines Lebens,das indeß nur für Dich als meinen künftigen Gatten undfür mich ist und, wenn diese Stunde nicht gekommen,mit mir begraben worden wäre. Du wirst es bewahren"

Ein Geheimniß Deines Lebens ist jetzt auch dasmeinige, Marie, ich nehme es ohne Bedenken auf michund gelobe Dir, es heilig zu halten!" antwortete Dr.Günther.

Habe Dank, Albrecht", entgegnete seine Brautund lehnte sich fester an die hohe stattliche Gestalt, die

der Schutz und Schirm ihres künftigen Lebens werdensollte. Dann sich mit ihm im Sopha niederlassend, fuhrsie fort:

Was Du auch hören wirst, Albrecht, unterbrichmich nicht, damit ich meine Mittheilungen schnell beendenkann l Als vor Jahren ich mit meinem Vater in Hallewar und er von einem Assistenzarzt des Professors S.behandelt ward, welcher ihm außerdem viele freundlicheAufmerksamkeiten erwies, lernte mein Herz diesen jungenArzt lieben" hier fühlte Marie die Gestalt ihres Ver-lobten erbeben und die Hand zucken, welche die ihrigeumfaßt hieltin der thörichten Hoffnung, daß auchsein Herz sich mir weihen könne. Ich verwahrte dieBlumen und Sträußchen, die er gelegentlich meinemVater brachte, trocknete sie und nahm sie mit als wirnach Wochen abreisten. Nach anderthalb Jahren beriefauf die Empfehlung des Professors mein kranker Vaterdiesen Arzt, der mittlerweile hier in seiner Vaterstadtansässig geworden, zu sich, und schon seine ersten Worteließen wich erkennen, daß er sich unserer von Halle hernicht mehr erinnerte, meine Liebe also, die noch in meinemHerzen lebte, keine Erwiderung gefunden. Als an demAbend seines ersten Besuches ich mich in mein Zimmerbegeben, nahm ich die getrockneten Blumen und Sträußeaus dem Schreibtisch hervor, in welchem ich sie nochimmer verwahrt, legte sie auf die glimmende Kohlen-gluth, daß sie hoch aufloderte, und gab damit meineLiebe auf, in der Ueberzeugung, daß Eine, die schönerund jünger als ich war, das Herz des Arztes gewonnen!"

Dr. Günther unterbrach seine Braut nicht, um-faßte sie aber fester und drückte ihre Hand voll innigerZärtlichkeit.

Schon nach einigen Monaten starb mein Vater,und sein Arzt und ich, wir standen an seinem Todten-bette. Bald nach seiner Beerdigung erhielt ich die Ver-lobungsanzeige dieses Arztes, und mein höchster Wunschwar, seine Braut zu sehen. Ich erfuhr, wie und wodas Brautpaar sich kennen gelernt, und wußte nun, daß,als er in Halle meinen Vater behandelt, sein Herz be-reits nicht mehr ihm gehört. Er stellte mir seine Brautvor; sie war jung, reizend und glückstrahlend, währendaus seinen Augen die innigste Liebe zu ihr leuchtete.Als sie gegangen, war ich in nie gekannter Aufregung,ich wollte sie hassen, weil sie sein Herz gewonnen, wäh-rend das meine vergeblich für ihn geschlagen, und wollteBeide nie wieder sehen. Diese schwand, mir kamenbessere Gedanken, und als ich darauf die Mutter undSchwester des Arztes kennen lernte, da war jeder Haßverschwunden, und ich wünschte ihm und seiner Brautdas Glück, dessen sie selbst theilhaftig zu werden hofften.Nach einiger Zeit ging ich auf Reisen, erfuhr im Herbstin Baden, daß die Hochzeit des jungen Paares stattge-funden, und in meinem Herzen wallte noch einmal deralte Schmerz auf. Ich brachte ihn jedoch zum Schweigen,wünschte dem Ehepaar Glück, gelobte mir dieß Glücknach Kräften zu befördern, und ich ich"

Von ihrer Bewegung überwältigt, hielt Marie inne,ebenso bewegt drückte Dr. Günther einen innigen Kußauf ihre Lippen auf ihre Stirn und sagte leise:

Und wie hast Du Wort gehalten, Marie, edles,hochherziges Wesen, das Du dennoch bist, und niemals,niemals im Leben kann ich Dir Deine Liebe genügsamvergelten. Ich gelobe Dir nochmals, Dich so glücklichzu machen, wie es nur in meinen Kräften steht"