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bei ihr, die er als die beste Tochter eines kranken Vaterskennen gelernt, dann wieder als die treueste Freundin,als den helfenden, tröstenden Engel bei seinem Familien-unglück gesehen, die jetzt die zärtlichste, fürsorglichsteMutter seiner Kinder geworden, welche, geleitet vomscharfen Blick, vom richtigen Gefühl der Kinder, sie mitderselben Innigkeit liebten, wie sie ihre leibliche Muttergeliebt. Und sollte sie, die so ganz die Begabung hatteden eigentlichen Beruf des Weibes zu erfüllen, nichtauch als liebende Gattin glücklich machen und glücklichwerden können und wollen? —
Dr. Günther's Züge nahmen nach und nach einenruhigeren Ausdruck an, er trat nochmals vor das Bildseiner verstorbenen Frau, stand lange vor diesem, alshalte er Zwiesprache mit der Verewigten, und als ersich endlich zur Ruhe begab, hatte er einen Entschlußgefaßt, den er so bald als möglich auszuführen ge-dachte. —
XIX.
Dr. Günther hatte schwere Morgenarbeit im Kranken-hause gehabt, dann die Operation des Arbeiters, die erals eine gelungene betrachten konnte, und darauf diefremden Aerzte empfangen, welche sich die rühmlich be-kannte Anstalt anzusehen wünschten. Als auch dieß ge-schehen, nahmen Alle ein am vorigen Abend verabredetesMittagessen ein, er begleitete die Gäste nach dem Bahn-hof und begab sich — es war bereits spät am Nach-mittag des winterlichen Februartages — nach seinerWohnung. Während des ganzen Tages hatte er seineMutter nicht gesehen, auch nichts von ihr erfahren, wasindeß im ein gutes Zeichen war, denn er hatte amMorgen ihm Hause die Anordnung zurückgelassen, ihn imFall einer Verschlimmerung zu benachrichtigen, die er je-doch kaum befürchtete, da er sie durch den Schlaf ge-kräftigt gefunden.
Bald hatte er das Haus und das Zimmer seinerMutter erreicht. Sie lag wie am Tage zuvor sorglichin Kissen und Decken gehüllt auf dem Sopha, und alser nach gegenseitiger Begrüßung sich nach ihrem Be-finden erkundigte, hatte sich dieß zu seiner Freude nichtverschlimmert, da sie auch durch den mehrstündigen Be-such ihrer Tochter einige Zerstreuung gehabt. An ihrerSeite Platz nehmend, fragte sie voll reger Theilnahmenach seinem Tagewerk. So weit er vermochte, entwarfer ihr ein Bild davon, dem sie voll Interesse lauschteund dabei im Stillen seine große Arbeitskraft bewunderte,erzählte ihr von einer neuen Consultation, die er fürden nächsten Morgen angenommen, und ward nach einerWeile abgerufen. In seinem Arbeitszimmer fand er eineFrau mit ihrer kleinen Tochter. Das Kiud war ge-fallen und hatte sich eine Kopfwunde zugezogen, die erverband und der Mutter auftrug, ihn. falls es erforder-lich sein sollte, am nächsten Morgen im Krankenhauseaufzusuchen. Nachdem die Frau mit dem Kinde ge-gangen, hatte er einige Briefe zu erledigen, die er demHausdiener zur Besorgung übergab. Als er dann wiederbei seiner Mutter eintrat, sah sie, daß er zum Ausgehengerüstet war und seine Züge einen ruhig entschlossenen,ungewöhnlich ernsten Ausdruck hatten. Ihn einige Augen-blicke voll mütterlichen Stolzes betrachtend, sagte sie miteinem leisen Seufzer, denn sie hätte nach allen An-strengungen des Tages ihn an dem kalten Winterabendgern daheim gewußt:
„Du wirst wohl erst spät wiederkommen, mein Sohn?"
„Nein, Mutter, das glaube ich nicht", erwiderte ermit unverändertem Ernst, „und wenn Du Dich darnachbefindest, so erwarte mich hier!"
„Willst Du auch zu Reichardt's gehen?" fuhr sie fort.
„Ich kann es Dir nicht versprechen, Mutter", ant-wortete er. „Geschieht es nicht, so will sie morgen be-suchen — hast Du sonst noch irgend einen Auftragfür mich?"
„Ich hätte wohl einen, doch Du wirst ihn diesenAbend nicht mehr ausführen können, und es hat auchZeit bis morgen damit", entgegnete Frau Günther.„Ich möchte Fräulein Feldheim und die Kinder gernsehen, die schon seit mehreren Tagen nicht hier ge-wesen sind!"
„Wir haben schlechtes Wetter gehabt, Mutter", er-widerte ausweichend ihr Sohn. „Doch nun einstweilen,auf Wiedersehen, möglicherweise bin ich schon in einerStunde wieder hier", und einen freundlicher Gruß er-zwingend, verließ er sie, während ihm nachdenklich nach-blickend sie leise sagte:
„Er ist seit gestern mir vollkommen unverständlich,und gewiß beschäftigt ihn irgend eine wichtige Sache,die mit seinem Beruf nicht in Verbindung steht! —Möge, wenn er selbst es wünscht, sie ihm gelingen undihm wie uns Allen Glück und Freude bringen!"
Dr. Günther schritt auf dem ihm wohlbekanntenWege dahin, achtlos des prächtigen Winterabends, andem der am Tage reichlich gefallene Schnee unter seinenFüßen knisterte, des Mondes, der klar und hell mit denfunkelnden Sternen am tiefblauen Abendhimmel glänzte,wie auch des scharfen Ostwindes, der ihn umwehte.Seine Gedanken waren gänzlich von seinem Vorhaben inAnspruch genommen, und in kurzer Zeit hatte er seinZiel erreicht. Die Gartenpforte öffnend und schließend,schritt er weiter, schellte bald an der Hausthüre, unddiese ward ihm durch den ihn einigermaßen erstaunt an-blickenden Johann, denn die achte Stunde war nichtfern, geöffnet. Auf seine Frage, ob Fräulein Feldheimzu Hause und allein sei, antwortete dieser bejahend, undnach scharfem Klopfen, der Antwort einer hellen, klang-vollen Stimme trat er bei der ihn ebenfalls einiger-maßen erstaunt anblickenden Marie ein, welche mit Lesenbeschäftigt gewesen. Nach gegenseitiger Begrüßung sagteer mit sichtlicher, ungewohnter Erregung:
„Verzeihen Sie, Fräulein Feldheim, diesen spätenBesuch, ich komme indeß in einer besonderen Veran-lassung !"
„Es hat sich doch bei Ihnen nichts Außergewöhn-liches zugetragen, Herr Doktor?" fragte sie schnell undbesorgt.
„Beruhigen Sie sich, Fräulein Feldheim", ant-wortete er ernst. „Meine Mutter ist allerdings etwasleidend, doch wird sich ihr Zustand bald bessern!"
„Es thut mir leid, dieß nicht gewußt zu haben,ich hätte sie sonst diesen Nachmittag besucht, das heißtdes scharfen Ostwindes wegen aber allein."
„Sie sehnt sich nach Ihnen und den Kindern",entgegnete Dr. Günther, sie gewiß unbewußt mit einemwärmeren Blick ansehend.
„Wir müssen morgen zu ihr gehen oder fahren."
„Ja, morgen, Fräulein Feldheim, oder Sie gehenauch nicht — vielleicht nie wieder - —"
Marie blickte ihn befremdet an, aber jeder Bemer-kung zuvorkommend, fuhr er schnell fort: