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„Augsburger PostMung".
Dinstag, den 28. Juli
1896 .
Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lBorbefitzer vr. Max Huttler ).
Irauenyerz und Irauenrvatten.
Lebensbild von Mary Dobson.
(Fortsetzung und Schluß.)
Dr. Günther hatte keine Erwiderung, verschrieb je-doch einige Rezepte, die er durch den kürzlich angenom-menen Hausdiener besorgen ließ. Dann nahm er nebenseiner Mutter Platz, erzählte ihr von Marie und denKindern, welche er so wohl und glücklich wie immer an-getroffen, und sie meinte einen wärmeren Klang als sonstin seinem Tone zu entdecken und konnte daher nichtunterlassen, ihn verschiedentlich forschend anzusehen. Aufseine Uhr blickend, gewahrte er, daß die neunte Stundenahe war und er in eine ärztliche Versammlung gehenmußte, zu welcher er seine Anwesenheit zugesagt, wasauch seine Mutter wußte. Er nahm nun einstweilenAbschied von ihr und bat sie, Christine, ihre langjährigeDienerin, an ihrer Seite bleiben zu lassen, und begabsich zu seinen Kollegen.
Als er das Zimmer verlassen, blickte seine Mutterihm gedankenvoll nach und sagte leise:
„Sollte — sollte mein heißester Wunsch dennoch inErfüllung gehen? — Aus seiner Bewunderung undhohen Achtung vor Marie ein wärmeres Gefühl für dießedle Wesen entstanden sein? — Er erkennt in ihr dietreueste Mutter seiner Kinder, die liebevollste, fürsor-gendste Tochter seiner Mutter, warum sollte er da inihr nicht auch ein geliebtes Weib erkennen können, dasnochmals ihn glücklich macht und sein jetzt so mühevolles,thätiges Leben verschönt? — Aber Marie?" unterbrachsich dann Frau Günther. „Würde sie ein solches Ge-fühl erwidern können oder wollen? — Albrecht's Per-sönlichkeit muß jedem weiblichen Auge gefallen", setztesie dann mit einiger Genugthuung hinzu, „und seinWesen und seine Stellung auch Marie Feldheim genügenkönnen. Vielleicht auch —" hier war sie in ihrem Ge-dankengang durch den zurückkehrenden Hausdiener unter-brochen, welcher ihr Medicin brachte und von ihr denAuftrag erhielt, Christine zu schicken.
Erst nach mehreren Stunden verließ Dr. Güntherdie Versammlung, welche sein ungetheiltes Interesse inAnspruch genommen und in der er das gefeierte Mitgliedgewesen. Auf dem Rückwege theilweise von einigenKollegen begleitet, fiel, sobald er allein durch die nächt-lichen Straßen dahinging, der Gedanke an seine Mutterihm schwer auf die Seele, und mit schnellen Schritten
eilte er zu ihr zu kommen. Er fand sie in ihrem Schlaf-zimmer, ihr Zustand hatte sich nicht verändert, dochkonnte auch die Medicin kaum gewirkt haben. Sie er-kundigte sich nach der Versammlung, und er erzählte ihrvon dieser, bei der auch einige fremde Aerzte gegenwärtiggewesen, die er am folgenden Tage im Krankenhauseempfangen müsse. Seine nochmaligen, dringenden Vor-stellungen, mehr Hülfe für dies Haushaltung zu nehmen,lehnte sie wiederum entschieden ab, und zwar mit derabermaligen Versicherung, in den nächsten Tagen herge-stellt zu sein. Da es bereits spät geworden, wünschte erihr eine gute Nacht, worauf sie ihn liebevoll und zugleichforschend anblickte und sagte:
„Begieb auch Du Dich zur Ruhe, mein Sohn,deren nach allen Anstrengungen dieses Tages Du gewißbedarfst —"
Dr. Günther versprach seiner Mutter dieß zu thun,verließ sie, nachdem er der im Nebengemach weilendenDienerin anempfohlen, ihn erforderlichen Falls zu wecken,und begab sich in sein Zimmer. Hier hielt er jedochsein Versprechen nicht, sondern begann in demselben aufund ab zu wandern. Die Erkrankung seiner Mutterhatte die Sorge um sie in ihm wachgerufen, die er, solange sie ruhig und rüstig gewesen, nicht gekannt, siemußte Ruhe und Pflege haben, wie aber ihr die ver-schaffen, wenn sie jeder fremden Hülfe in der durch seineneue Stellung bedeutend schwieriger gewordenen Haus-haltung zurückwies? —
Rathlos und niedergeschlagen ging er hin und her,hielt endlich vor dem Bilde seiner verstorbenen Frauinne und sagte, es eine Weile betrachtend:
„Wärest Du mir geblieben, Hedwig, ich hätte soschwere Sorgen nicht kennen gelernt, die mir um sodrückender sind, da mein Beruf mich nach allen Seitenhin so ganz in Anspruch nimmt!"
Wieder begann er seine Wanderung; aufgeregt wieer war, ward ihm das Herz immer schwerer, und er,der sonst so starke Mann, hatte das Gefühl als könnenoch einmal ein schweres Unglück über ihn hereinbrechen.Da trat, erst in schwachen Umrissen, dann aber deut-licher, ein Bild vor seine Seele, das Bild einer edlenFrauengestalt, die während aller Jahre, wo er sie ge-kannt, mit ruhigem, klarem, kräftigem Geist, dennoch vollMilde und Güte gewaltet, und wohin sie sich gewandt,Friede und Wohlsein um sich her verbreitet. Seineruhiger werdenden Gedanken verweilten bei diesem Bilde,