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der Schnürrbart kann den unschlüssigen Zug um denMund nicht verbergen. Und während er schnell sprichtund nachlässig mit der Uhrkette spielt, spiegelt sich inden blauen Augen etwas wie Furcht.
Und dem Manne hatte das starke, dunkle Mädchenihr Herz und Geschick anheimgegeben!
„'S ist eine wahre Freude wieder zu Hause zu sein.Du glaubst nicht, welch' heimischen Eindruck das Zimmerbei meinem Eintritte auf mich machte, eS erinnert michan vergangene Zeiten, an meine Mutter und die Cousinemit dem Zigeunergesichtchen."
Jnez lehnte am KaminsimS und blickte ihn fest an.
„Ich freue mich, daß Sir Victor Chateron sich ver-gangener Zeiten, seiner Mutter und seiner Zigeuner-Cousine erinnert", spricht sie endlich, »aus seinem Be-nehmen konnte das allerdings nicht geschlossen werden."
„Das wird hübsch werden", dachte der junge Mann,„wenn Jnez so die Lippen schließt und solche Blicke ent-sendet, bedeutet es Krieg bis auf's Messer."
„Du hättest am ersten Juli hier sein sollen", fährtste fort, „nun ist der August zu Ende. Jeder Tag warfür mich eine Beleidigung. Und selbst jetzt wärst Dunicht da, hätte ich Dir nicht in einer Weise geschrieben,die Du nicht zu mißachten wagtest. Du bist einfach ge-kommen, weil Du nicht den Muth hattest wegzubleiben."
Noch fließt etwas von dem kühnen Sachsenblute inseinen Adern. Er schaute voll auf ste.
„Nicht wagen? Du führst eine starke Sprache,Jnez, aber ich entschuldige ste mit einem erregbaren Tem-perament, daS von jeher zu Hyperbeln geneigt war. Ueber-dies ist Reden ein Privilegium der Damen."
„Dem Manne geziemt freilich die That. Ich fangean zu glauben, Du seiest weniger als ein Mann. DaSBlut der Chateron hat manch' schlimmen Charakter er-zeugt, jetzt hat eS AergereS hervorgebracht, einen Ver-räther, einen Feigling."
Glühenden Blickes springt er auf, sinkt aber sofortWieder zurück.
„Meinst Du mich?"
-Ja."
„Wieder eine starke Sprache. Von wem erbtestDu wohl die zweischneidige Zunge? Sicher von Deinerspanischen Mutter, die Frauen unseres Geschlechtes warennie so. Aber selbst Du könntest zu weit gehen, Jnez.Erkläre Dich, warum nennst Du mich einen VerrätherNNd Feigling? Wir müssen uns gegenseitig verstehen."
Er ist bleich, sein Auge funkelt unheilvoll.
„Wir werden uns auch verstehen, bevor wir unsirennen, und Du sollst sehen, ob Du mit mir nach Be-lieben spielen darfst. Erinnerst Du Dich, was der 23.September sein soll?"
„Mein Gedächtniß ist treu", entgegnete er kalt, „eShätte unser Hochzeitstag sein sollen!"
Bei diesen grausamen Worten weicht jede Spur vonFarbe aus ihrem Gesichte, der Augen Gluth erlischt,Schrecken spricht aus ihnen. Sie liebt den Mann, densie so bitter getadelt, und er sagt: „eS hätte sein sollen".
„Himmel, Jnez, Du wirst doch nicht ohnmächtig?Was hab' ich gethan? Komm', setz' Dich!"
Er hat sie in die Arme genommen. Einst hatte erdie schwarzäugige Cousine geliebt und gefürchtet, jetzt,Po sein Zorn verraucht ist, fürchtet er sie wieder.
„Hätte sein sollen", flüsterte sie, »Viktor, heißt dgs,haß es uie sein soll?"
Er wendete sich von ihr — Scham, Gewissensbisse,Furcht im Gesicht. Sie hielt sich an dem Stuhl, alswäre er ihre letzte Hoffnung.
„Nimm Dir Zeit, ich kann warten", hauchte sie,„ich habe so lang gewartet, was schaden ein paar Mi-nuten? Ueberlege, bevor Du sprichst. Meine Zukunft,mein ganzes Leben hängt an Deinen Worten. Hast Dubedacht? „Hätte sein sollen", sagtest Du, heißt das,daß eS nie sein soll?"
Keine Antwort. Mit abgewandtem Antlitz steht erwie der Schuldige vor seinem Richter.
„Laß mich die Vergangenheit zurückrufen, währendDu überlegst. Erinnerst Du Dich des Tages, wo ichund Juan aus Spanien kamen? Ich sehe Dich noch,ein kleiner, flachshaariger Junge im violetten Sammt.So hatte ich noch kein Kind gesehen. Wir wuchsen zu-sammen auf und waren glücklich, bis ich sechzehn undDu zwanzig Jahre zähltest. Nun kam unser ersterSchmerz, Deiner Mutter Tod."
Noch steht er schweigend, bedeckt aber das Gesichtmit der Hand.
„Erinnerst Du Dich der Nacht, da sie starb? Wirknieten an ihrem Bett, draußen stürmte eS, wie heute.Dort empfingen wir ihren letzten Segen, vernahmen ihrenletzten Wunsch. Weißt Du, Victor, welcher Wunschdas war?"
Sie streckte ihm die Arme entgegen, er aber be-wegte sich nicht.
„Mit sterbender Hand gab sie unsere Hände zu-sammen, ihr brechender Blick richtete sich auf Dich. »Jnezist mir. Dich ausgenommen, das Theuerste hienieden",sprach sie, „versprich mir, mein Sohn, ste zu lieben, zuschützen Dein Leben lang. Sie liebt Dich, wie keineAndere Dich je lieben wird, versprich mir, sie heut' überdrei Jahre zu ehelichen." Und Du bedecktest ihre Handmit Küssen und Thränen und versprachst. Wir trenntenuns. Du begabst Dich nach Oxford, ich ging in einInstitut nach Paris . In der Scheidestunde betraten wirHand in Hand ihr Zimmer, küßten das Kissen, auf demsie sterbend geruht, und knieten wie damals an ihremBette. Du stecktest den Ring an meinen Finger underneuertest daS Gelübde, daß über drei Jahre, am 23.September, ich Dein Weib werden sollte."
Ste küßte den Ring.
„Lieber Ring", fuhr sie weich fort, „Du warst inder langen Zeit mein einziger Trost. Bet all der Kälteund Vernachlässigung blickte ich auf Dich und wußte,daß er das der Lebenden und der Todten gegebene Wortnicht brechen würde. Voriges Jahr kam ich aus demInstitute zurück. Du bewillkommnetest mich nicht, be-stimmtest den ersten Juni für Dein Kommen und brachstDein Wort. Ermüden Dich all die Details? Ich mußsprechen. Den Gerüchten, die über Dich zu mir drangen,glaube ich nicht und erwähne sie nicht, Du magst schwachsein, aber Du bist ein Ehrenmann, und Du wirst Worthalten. — Warum veranlassest Du mich, Dir harte Redmzu halten? Victor, ich hasse mich selbst darob, und dochstachelt mich Deine Vernachlässigung auf'S Aeußerste."
Wieder streckte sie flehend die Hände aus.
„Sieh, ich liebe Dich, damit ist Alles gesagt; ichvergebe die Vergangenheit, nur komm' zu mir. Dein Ver-lust bräche mir daS Herz."
Er aber bebte zurück vor der Berührung derweichen Hand.
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