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«l 63. Areitag, den 31. Juli 1896.
Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler ).
Ein furchtbares Geheimniß.
Dem amerikanischen Originale der MrS. Mary AgnesFlemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch.
- (Nachdruck verboten.!
Erstes Buch.
1. Kapitel.
Bräutigam und Braut.
Zitternd spielte des Feuers Schein auf dem blauen,liliendmchzogenen Teppich, auf den weißen Möbeln, dengoldverzierten Tapeten. Blausetdene Gardinen verhülltendie Fenster. Auf dem geöffneten Piano liegen Musikalienzerstreut, und vor demselben steht ein schönes, zürnendesMädchen, Jnez Chateron.
ES war am 29. August, ein Tag, dessen sich MißChateron lebenslang erinnerte.
In den großen Sälen von Chateron Royals ist eSkalt; selbst wenn die Augustsonne glüht, so flackert auchletzt das Feuer lustig in dem Kamin.
Mit gefalteten Brauen blickte die junge Dame vorsich hin, ein schlankes, dunkles Mädchen von etwa neun-zehn Jahren, Sir Victor Chaterons verlobte Braut.
Er war ein begünstigtes Glückskind, jung, schön,gesund, mit eine« jährlichen Einkommen von zwanzig-tausend Pfund. Jnez liebte den Bräutigam mit all derGluth ihres südlichen Blutes. Bon der Mutter, einerCastilierin, hatte sie den spanischen Namen, die dunkleSchönheit, das heiße, überwallende Herz. In eine«Monat soll sie vermählt werden; und doch jetzt, wo dieNacht hereinbricht, der Wind in die Bäume heult unddie Zweige der großen Ulme gespenstisch an die Scheibenpochen, steht sie da, voll zürnender Ungeduld.
Als sie zehn Jahre zählte, folgte ihr englischer Vaterder Mutter ins Grab. Jnez kam nach Chaterons Noyalsund herrschte seitdem dort mit ihrem aufbrausenden Tem-perament. Sie kam nicht allein. Ihr einziger BruderJuan, ein großer zwölfjähriger Junge mit blauschwarzemHaar, wild glitzernden Augen und diabolisch schönenZügen, begleitete sie. Er blieb nicht lange. Zur Freudeder ganzen Umgebung war er so plötzlich, wie er erschienen,auch verschwunden und seit Jahren nicht mehr gesehen.
Passend und mit Vorliebe nennt sie ihr Bräutigam^eine maurische Prinzessin". Wie sie so dasteht in demschleppenden, rothseidenen Gewände, dem funkelnden Rubin-kreuze auf der Brust, scheint wildes Feuer von ihr aus-zustrahlen.
DaS große Haus ist still wie das Grab. Draußenstürmt der Wind und schleudert schwere Tropfen gegendie Scheiben, innen macht sich nur das leise Knistern desFeuers hörbar.
Es schlägt sieben Uhr.
Jnez richtet sich auf.
„Sieben Uhr", flüsterte sie, „und um sechs Uhrsollte er da sein. Wie, wenn er mir trotzte und nicht käme?"
Sie tritt an's Fenster, zieht die Gardinen zurückund blickt hinaus. Aber sie steht nichts, als dasSchwanken der sturmgepeitschten Bäume.
„Ob er es wohl wagt, mich zu trotzen?" Ihr Augefällt auf zwei große Bilder, das eine eine sanfte, lieb-liche Frau, das andere ein lächelnder, blonder, blau-äugiger Jüngling, Sir Victor Chateron und seine Mutter.
„An Deinem Sterbebett versprach er auf den Knieen,mich zu lieben", wendete sie sich leidenschaftlich an LadyChaterons Portrait, „er hüte sich, jetzt das Gelübde zubrechen l"
Wie drohend hebt sie die juwelengeschmückte Handempor. Da ertönt das langersehnte Geräusch nahenderWagenräder. Des Schlosses Gebieter kommt. Jnez stehtbleich wie eine Marmorstatue; sie liebt ihn, Monatelanghatte sie sich nach seinem Anblick, dem Klänge seinerStimme gesehnt, und nun kam er, ihr Geschick zu be-stimmen.
Der feste wohlbekannte Schritt näherte sich.
Ihr Auge glüht, ihr Mund öffnet sich halb — siehat Alles vergessen, nur nicht ihre Liebe.
Die Thür wird ungestüm aufgerissen, und lächelndsteht Victor Chateron vor ihr.
„Guten Abend, Jnez", rief er, sie leicht umarmend,„wie geht es Dir? Ich freue mich, Dich wieder zu sehenund finde, daß Du prächtig aussiehst. Warum könnenwir nicht Alle maurische Prinzessinnen sein und uns inPurpur kleiden?"
Nachlässig warf er sich in den Lehnstuhl am Kamineund beugte das blonde Haupt zurück.
„Eine Stunde zu spät, nicht wahr? Tadle dieEisenbahn» nicht mich, und obendrein daS verteufelteWetter."
Das junge Mädchen zieht sich vor ihm zurück, einharter Ausdruck lagert sich über ihre Züge. Sir VictorsBenehmen sagt genug. Er blickt nicht sie an, sondernins Feuer und spricht nervös aufgeregt.
Das Antlitz trägt einen weibischen Ausdruck, selbst