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Sie sah auf die Uhr. Ein Wagen fährt vor undbäld umfängt sie liebend des Gatten Arm.
„Wie geht's, lieb Herz, noch immer bleich? Nun,die Luft von Cheshire soll Dich stärken. Wie befindetsich mein Sohn und Erbe?"
Und mit väterlicher Liebe beugt er sich über die Wiege.
„Endlich", flüsterte sie leicht erröthend, „wannreisen wir?"
„Morgen, wenn Du willst. Je eher, desto besser."
Er sagte es mit erzwungenem Lächeln. Ihre Stirnumwölkte sich.
„War Deine Cousine sehr böse, sehr überrascht?"
„Ich glaube Beides. Die Wahrheit zu gestehen,sah ich sie nur einmal, und das Zusammentreffen war sounerquicklich, daß ich am andern Tage wieder fortging.Willst Du morgen reisen, so schreibe ich einige Zeilenan Croll, um ihn in Kenntniß zu setzen." Er schob einenkleinen Schreibtisch vor, blieb ungeschickter Weise hängen,und der Tisch fiel krachend um.
, ^ DaS Kind schrie auf, die junge Mutter flog zurWiege, und er kauerte sich nieder, um all die Dinge auf-zuheben, die auf dem Boden zerstreut lagen.
7 Plötzlich hält er etwas von sich wie eine Schlange.Anscheinend ein sehr harmloses Ding, die Photographieeines Mannes. Entsetzt starrt er das Bild an.
„Guter Gott!" hört sie ihn stöhnen, blickt auf, er-kennt das Bild von der Rückseite und beugt sich erblei-chend nieder über das Kind.
„Meta", begann Sir Victor ernst, „was bedeutet daS ?"
„Still, Liebchen, still! Bitte, sprich nicht so laut,Victor, das Kind soll einschlafen."
„Me kommt Juan ChateronS Photographie hieher?"
Ihr Athem stockt, des Gatten Ton ist unheilvoll.Anfangs wagt sie nicht ihn anzusehen, bald aber nahtsie sich ihm und blickt ihm über die Schulter.
. - »Ist 3ua» ChateronS Bild noch hier? Ich glaubteeS längst verloren." Wie konnte ich auch so thörichtsein, eS zu behalten, denkt sie im Stillen.
„Du kennst also Juan Chateron und sagtest mirnie etwas davon?"
„Sei doch vernünftig, Victor, ich hätte viel zu thun,wollte ich Dich mit allen alten Bekannten auf dem Lau-fenden erhalten. Ja, ich kannte Juan Chateron oben-hin, ist daS ein Verbrechen?"
„Ja", sprach Sir Victor drohend, „ja, ich möchtekeinen Hund, den Juan Chateron früher besessen. Ihn zusehen ist Befleckung, ihn zu kennen Schande."
„Schande?"
„Ja,- Schande. ES ist das widrigste, gemeinsteSubjekt, das je einen alten Namen besudelte. Ich be-fehle Dir, zu sagen, ob Dir der Mann etwas war?"
„Und wenn, was dann? Habe ich feine Sündezu verantworten?" fragte sie stolz.
„Mehr oder minder haben wir alle unserer FreundeSchuld zu verantworten. Woher hast Du daS Bild?Was war er Dir? Liebtest Du ihn? Um'sHimmels-wtllen, Meta, nur das nicht!"
„Und warum nicht? Ich sage nicht, daß dem so«Wesen, wenn aber ja, waS dann?"
„Was dann? Dann könntest Du nie mehr aufWirre Liebe rechnen!"
„Sag' das nicht, Victor", rief sie abwehrend, „aberich habe ihn ja auch nie geliebt, nie, nie!" ZitterndÄr Furcht fließ sie die Worte heraus. So hatte sie
den Gatten nie gesehen, so nicht sprechen gehört, obwohler schon öfters Eifersucht verrathen.
„Sprichst Du die Wahrheit?"
„Gewiß. O, sieh mich nicht so an."
„Wie kam das elende Bild hierher?"
„Er gab es wir, ich kannte ihn kaum, wie wußteich, daß er ein Schurke sein, daß es unrecht, sein Bildzu haben? Mir schien er gut; was that er?"
„Frage lieber, was er nicht that. Jedes Gebothat er mit Füßen getreten, jedes göttliche und mensch-liche Recht verachtet. Uns allen, selbst seiner Schwesterist er seit Jahren todt. Meta, kann ich glauben — ?"
„Ich habe Dir's gesagt, glaube was Du willst."
Sie wandte sich weg, sie wußte, daß Eifersucht undZorn nur seiner Liebe zu ihr entspringen, daß es ihmpeinlich ist, sie zu quälen, obgleich er es oft thut.
Als sie über das Kind sich beugte, wich die Eifer-sucht einem Paroxismus der Liebe.
„Vergib mir, Meta, ich wollte Dich nicht kränken,aber der Gedanke an den Mann — pfui! UebrigenSist es Thorheit, auf Dich, «ein Täuschen, eifersüchtigzu sein. Komm' küsse mich und wirf die Schlange zumFenster hinaus. Nur wollte ich, Du hättest es mir gesagt."
Er zerriß das unselige Bild und warf es zumFenster hinaus.
Sie versöhnte» sich, aber die Gluth lohte fort unterder Asche und die Thorheit ihrer Vergangenheit fängtan, sich an der jungen Frau zu rächen.-
3. Kapitel.
Ladh Chateron'S Einzug.
Spät an einem Septembernachmittag brachte SirVictor Gattin und Sohn nach Chateron NoyalS. Gattinund Sohn! Die Umgebung war verblüfft.
Und er hatte Jnez Chateron hintergangen, hatteheimlich eine Seifensiederstochter geheirathet, und als erdas Geheimniß nicht länger zu bewahren vermochte,brachte er Gattin und Sohn heim.
Der Adel war niedergeschmettert. Hielten sie sichnoch öesuchsfähig?
Wohl kann der Reichthum den Adel gewissermaßenersetzen, eine Grenzlinie aber gab es doch; des Seifen-sieders Tochter konnten sie nicht empfangen.
Dennoch wurden alle Anstalten getroffen, und derSchwärm der Dienerschaft empfing die Ankommendenfeierlich. Wenn das junge Ehepaar bleich und schwei-gend war, wer sollte sich wundern? Sir Victor hattedie Gesellschaft ignorirt, nun war die Gesellschaft ander Reihe. Lady Chateron fühlte zudem eine gewisseScheu vor der Cousine ihres Mannes. Als des altenSchlosses hohe Tbürflügel sich dröhnend hinter ihr schloffen,empfand sie namenlose Angst.
„Ich fürchte mich, Victor", flüsterte sie; Sir Victorlachte gezwungen.
„Fürchten, wovor? Vor der weißen Dame, diezweimal des Jahres im großen Thurm spukt? Gleichallen andern Familien haben wir unser Gespenst, daSwir um nichts hergeben; doch davon ein ander Mal."
Da waren sie; bleich schritt er durch die Halle,Meta klammerte sich ängstlich an ihn. Lächelnd begrüßteer die Dienerschaft, stellte MrK. Marsh und Mr. Hooperfeiner Frau vor und fragte nach Miß Jnez.
Sie fei ganz wohl und erwarte ihn im Salon,lautete die Antwort.