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den Mörder I Vergiß, daß Dein Blut in seinen Adernfließt, rette Dich!"
„Ich habe nichts zu sagen, Tante, ich kann entehrtleben, wenn nöthig schimpflich sterben, aber nicht tausend-facher Tod vermöchte mir ein Wort zu entreißen, das ichverschweigen will."
Lady Helena schluchzte.
„O Kind, welche Thorheit und welches Opfer füreinen Unwürdigen."
„So tragisch wird es nicht enden; was dem Unter-suchungsrichter wichtig vorkam, wird die Geschworenennicht überzeugen. Sie werden mich freisprechen, und ichgehe nach Spanien , zu dem Volke meiner Mutter."
Lady Helena erhob sich.
„Gib Acht auf Victor und das Kind, es ist derletzte Chateron. Laß Niemand zu Victor außer Mrs.Marsh und verbiete ihr, von meiner Haft zu sprechen.Ich wollte, ich hätte Meta freundlicher behandelt, mirist, als könnte ich mir's nie vergeben."
„Sprich nicht so viel, Jnez", bemerkte die Tanteetwas kühl, „man könnte Dich belauschen. Ich versteheDich nicht; Du aber mußt am besten wissen, ob er, demDu das Opfer bringst, dessen würdig ist. Gute Nacht,Kind, morgen komm' ich wieder."
Lady Powys fuhr nach Chateron Noyals zurück.Nur wenige Lichter schimmerten aus dem Trauerhause,in dem der Mord geschehen, dessen Gebieter auf demTodtenbett lag.
Das erste Geschäft der Dame war, die Amme zuentlassen.
„Wir brauchen Dienstboten, keine Spione, gehenSie zu Mrs. Marsh, sie wird Ihnen den Lohn bezahlen."
Nachdem dies geschehen, begab sie sich zu Sir Victor.
Eine zuverlässige Wärterin saß am Krankenbette.
„Wie geht's?"
„Immer gleich, er ist wie betäubt, murmelt unauf-hörlich, und ich kann nur den Namen „Meta" verstehen,den er in herzzerreißender Weise wiederholt."
Der Name schien das Ohr des Kranken erreichtzu haben.
„Meta!" flüsterte er müde, „ja ich muß gehen undMeta heimholen. Wenn nur Jnez fort wäre, ich fürchteihre schwarzen Augen. Meta! Meta! Meta!"
Plötzlich richtet er sich auf und blickt wild um sich.
„Wie kommt Juan Chaterons Bild hierher? Meta,wie wagst Du ihn allein zu treffen?"
Er faßte Lady Helena's Hand und stierte sie mitblutunterlaufenen Augen an.
„Wie kann er sich erlauben hierher zu kommen?O Meta, ich liebe Dich und kann ohne Dich nicht leben.O bleib' bei mir! O meine Meta! Meine Meta!"
Schluchzend sank er auf's Bett zurück.
„So macht er's immer", bemerkte die Wärterin,„es ist furchtbar aufreibend."
„Hooper soll diese Nacht mit Ihnen wachen, undmorgen wird Mrs. Marsh Sie ablösen. Ich brauche Ihnenwohl nicht zu empfehlen, daß Sie wachsam sein sollen."
„Gewiß nicht, ich war seiner Mutter Zofe und trugihn als kleinen, blondhaarigen Jungen oft auf dem Arm."
Mit schwerem Herzen kehrte Lady Helena nach Hausezurück. „Hätte ich in der Nacht nicht nach Victor ge-sandt, so wäre all' das nicht geschehen."
Mr. Dobb und seine Frau kamen, die Leiche ihrerTochter zu sehen, und reisten wieder ab. Sie war aus
ihrer Mitte genommen, hoch über sie erhoben, sie rekla-mirten sie auch im Tode nicht.
Nachdem das Begräbniß stattgefunden, Jnez im Ge-fängniß und all' die Aufregung vorüber war, senkte sichunheimliche Stille auf das große Gebäude.
Die Dienerschaft flüsterte nur, schlich trübe umher,und schwer lag das Gespenst des Mordes auf Allen.
Und oben rang Sir Victor zwischen Leben und Tod.
„Erinnern Sie sich der Prophezeihung, Hooper?"fragte die alte Martha eines Tages.
„Welcher?"
„Nun, der Prophezeihung, die sich in der Familieforterbt. Sie müssen doch davon gehört haben?"
„Nein."
„Sir Victor's Mutter sprach oft darüber und neckteihren Mann. Sie glaubte es nicht und lachte ihn aus.Haben Sie auch von der weißen Dame nichts gehört?"
„Von ihren Spaziergängen? Ja, aber ich wurdenie klug daraus."
„Zur Zeit der Königin Anna", erzählte die Altekopfnickend, „soll eine Lady Chateron mit einem Höflinggebuhlt und ihr Gatte sie getödtet haben. Sterbendschleuderte sie aber ihren Fluch auf Haus und Geschlecht,bis es von der Erde weggefegt sei. Der Schatten desMordes sollte ihm bis zum Ende folgen, und jedes Jahrwollte sie wiederkehren und in Sir NuppertS Thurm, wosie starb, umgehen, bis der Letzte des Stammes vonhinnen sei. So weit hat sie auch Wort gehalten."
„Hat sie?" fragte Hooper zweifelnd; „haben Siesie gesehen?"
„Nein, ich kenne aber Viele, die sie gesehen haben,und jetzt bringe ich die Prophezeihung nicht mehr ausdem Kopf."
„Nun, lassen Sie uns hören, dann urtheilen wirdarüber."
„Sagen Sie aber Lady Helena nichts davon. Obsie wohl daran denkt? Die Prophezeihung steht in einemalten Buch in der Bibliothek."
„Also wie lautet sie?"
Martha flüsterte leise:
„Wenn einst ein Chateron gemeinen Mord vollbracht,
So sinkt der Stamm dahin in Nebel und in Nacht."
„Jst's nicht so gekommen? Jst's nicht gemeinerMord? Jst's nicht die Hand von Chat—"
Hooper sprang auf.
„Wie wagen Sie, das zu sagen?" zürnte er, „MißJnez ist so schuldlos wie Sie."
„Ich beargwöhne sie auch nicht, es tragen noch meh-rere den Namen, und sie ist an des Mörders Stelle."
„Schämen Sie sich, die Schuld Jemand positiv auf-bürden zu wollen. Ist das Ihre ganze Prophezeihung?"
„Nein, hören Sie weiter und leugnen Sie, daß esso gekommen:
„Wenn ein Chateron an Mörders StelleGeschmachtet in Chesholms Gefängnißzelle".
„Ist das etwa eingetroffen, hm?"
„Weiter; ist das Alles?"
„Nein, der Schluß ist das Seltsamste, und wasnoch nicht ist, kann werden:
„Der Bräutigam am Hochzeitstag verwittwet steht:
Erlischt der Stamm — der Name selbst vergeht."
Leise flüsterte sie die letzten Worte wie eine Seherin.
Der alte Hooper, mehr entsetzt, als er zugebenwollte, wich zurück.