Ausgabe 
(18.8.1896) 68
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1896.

Augsburger PostMung^.

Dinstag, den 18. August

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS^^rabherrin Augsburg <Vorbefitzer vr. Max Huttler ).

Ein furchtbares Geheimniß.

Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary rÄgnesFlemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Ber-'lepsch.

(Fortsetzung.)

2. Kapitel.

Eine Nacht im Schnee.

In einer bitterkalten Februarnacht hattet sich EdithDarrell und Rudolf Stuart zum ersten Mo le unter ro-mantischen Umständen getroffen. '

Edith's Mutter hatte sich, als Leora S tuart, Tochtereines reichen Handelsherrn, in ihres Vate-rs Buchhalterverliebt, war mit ihm durchgegangen und , folgerichtig vonihrer Familie verstoßen worden. Zehn Aahre hatte siemit Armuth, Sorge und Krankheit gekävnpft, dann küßtesie Gatten und Töchterchen zum letzten/Male und gingein in die ewige Heimath. Zwei Jahr e später heiratheteMr. Darrell wieder, und die zweite FMU war in jederBeziehung ein Gegensatz zur ersten. ,

Eine kleine, heftige Frau mick schwarzen Augen,spitziger und schneidiger Zunge, galv^sirte sie den schwa-chen Gatten zu einem krampfhafte^ Scheinleben.

.Wenn Du Deine Familie nicht mit den Händenernähren kannst", sprach sie eines Tages,so thue esmit dem Kopfe. Genug junge Leute wollen Deutsch ,Französisch und Lateinisch lernen-, schreibe Dich aus, undich nehme einige in Kost und ZLohnung."

Der Einfall erwies sich als' gut; junge Leute kamen,Mrs. Darrell nahm sie auf, M Mann trichterte ihnenSprachen ein, und Edith schoß empor wie ein Reben-zweig. Es kamen auch noch fünf weitere kleine Darrells,und der alte Mann, der die Tochter herzlich liebte, be-trachtete die fünf lärmenden Jungen oft scheu und ängst-lich durch die Brille. Die Verwandten seiner ersten Fraunahmen inzwischen unter der Geldaristokratie der Metro-pole eine immer glänzendere Stelle ein, aber das An-denken an Leora schien ihrem Gedächtniß entschwundenzu sein.

Zwei Jahre vor dem oben erwähnten stürmischenMärzmorgen begab sich Edith t>on Millfield, einer etwafünf Meilen von Sandypoint entlegenen Fabrikstadt,nach Hause. Am frühen Morsien war sie mit einemNachbar herübergefahren, um sich ein Kleid zu kaufen,und da sie den Weg gut kannte, machte sie sich gegenAbend auf den Heimweg. Den Merino trug sie alsTalisman gegen Wind und Witter im Arm, unb voll

froher Gedanken darüber, wie hübsch der Stoff sie kleidenwürde, eilte sie flüchtigen Fußes dahin. Noch aber hattesie kaum den dritten Theil des Weges zurückgelegt, alsder Schnee in großen Flocken herniederzuwirbeln begann.

Entsetzt blickte sie auf; es war ein Feldweg, derüber Berg und Thal führte und den sie nicht zu findenvermochte, wenn es schneite. Die Nacht nahte schnell.Was war zu thun? Die Klugheit rieth ihr, umzukehren.Jugendliche Ungeduld und Uebermuth aber riefenVor-wärts!" Sie eilte weiter; der große Haushund Brunowar ihr einziger Begleiter. Schneller und dichter fielendie Flocken, es wurde ein Schneesturm. Sollte sie um-kehren? Furcht kannte sie nicht, mit Bruno's Hülfeglaubte sie den Weg zu finden, und so hüllte sie sichfester in ihren Shawl und ging muthig vorwärts.

Wieder war eine Meile zurückgelegt, aber es warNacht geworden, der Schnee fiel noch immer, und zweienglische Meilen lagen noch zwischen ihr und der Hei-math. Ihr Herz begann zu pochen, Bruno suchte ängst-lich, der Weg war förmlich im Schnee begraben, dasGewirbel der fallenden Flocken blendete sie, das Watenermüdete sie furchtbar. Wenn sie sich verirrte und dieNacht herumliefe? Wenn sie nur irgendwo Licht sähe,sie wollte darauf zugehen und Schutz suchen vor NachtNacht und Sturm. Umsonst es war nichts zu sehen.

Vorwärts I

Horch! Was war das? Bruno spitzte die Ohren.Unfehlbar ein Schrei, ein Angstschrei. Schwach und kla-gend tönte er auS der Ferne zu ihr. Edith zaudertenicht. Wie oft schon hatten Fremde diesen Weg gemachtund waren erfroren gefunden worden.

Such', Bruno, such', alter Bursche!" rief sie demHunde zu und wandte sich nach der Richtung, aus wel-cher der Hülferuf gekommen.

Wo sind Sie?" schrie sie laut hinein in die Nacht.

Hier!"klang es schwach über denSchnee,hierlinks."

Sie eilte vorwärts. Wo sie war, wußte sie nicht.

Plötzlich sah sie im Schnee die dunkle Gestalt einesMannes liegen.

Wie kamen Sie daher?" fragte sie und berührtedes Fremden kaltes Gesicht.

Ich war auf dem Wege nach Sandypoint", ent-gegnen er schwach,die Nacht überraschte mich, ich ver-lor den Weg, glitt aus und brach wohl den Fuß. Ichhörte Sie dem Hunde rufen und versuchte zu schreien.Wenn Sie nur am nächsten Hause sagen wollten, daß"