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Die Stimme erstarb. Das nächste Haus, wo wares § In einer halben Stunde war der Aermste erfroren,wenn ,r?e ihn allein liegen ließ; was sollte sie thun?Sie riß eiln Black aus ihrem Notizbuch und schrieb dar-auf: „Folgt kommt sogleich I"
Dann befestigte sie es an ihrem Taschentuche undband dieses um des Hundes Hals.
„Geh' heim, Brvmo, geh' heim und hole Papa."
Die großen, klugnn Augen blickten sie an, sie schobihn mit beiden Händen fvirt, und Bruno verstand sie.
Nun war Edith allein »mit dem Erstarrenden, alleinauf dem Schneemeere. Sie .hatte Zündhölzer gekauft,und neugierig, wie der Fremde au-^b-he, zünvete sie einesan. Es leuchtete zwei Sekunden und e-.rlosch. Sie hatteein bleiches Gesicht mit geschlossenen Augen und schmerz-verzerrten Lippen gesehen.
„Sie dürfen nicht schlafen", rief sie, ihn rüttelnd,„hören Sie!"
„So — darf ich nicht?" fragte er schläfrig.
„Sie erfrieren sonst; suchen Sie aufzustehen, sickwach zu erhalten. Ich schickte den Hund heim und willbei Ihnen bleiben, bis Hülfe kommt. Schmerzt IhrFuß sehr?"
„Jetzt nicht — aber — ich bin — schläfrig und —"
„Ich sage Ihnen, Sie dürfen nicht schlafen", undsie rüttelte ihn so heftig, daß er sich aufrichtete. „Siemüssen wach bleiben und mit mir reden."
„Reden? Es ist sehr schön, daß Sie bei mir bleibenwollen, aber ich darf es nicht dulden, Sie würden selbsterfrieren."
„Nein, mir fehlt nichts, und hätten Sie den Fußnicht verletzt, so hätte es bei Ihnen keine Gefahr. Wennich nur etwas für Sie thun könnte; ich will Ihre Händereiben, um Sie wach zu halten und etwas um IhreFüße hüllen."
Und mit hochherziger Selbstaufopferung entfaltetesie den granatrothen Merino und wickelte ihn um desFremden Stiefel.
„Sie sind zu gütig; wenn ich gerettet werde, habeich Ihnen das Leben zu verdanken. Wie heißen Sie?"
„Edith."
„Ein hübscher Name, eine angenehme Stimme.Bitte, reiben Sie die andere Hand. Ich fühle michschon besser."
Edith blickte erstaunt auf den Fremden, das Aben-teuer reizte ihren Sinn für Romantik.
„Sind Sie hier fremd?" fragte sie.
„Ja, und es war recht thöricht von mir, in diesemSturm einen Weg finden zu wollen. Aber wäre es nichtbesser, Sie gingen heim, Sie könnten sich sonst erkälten?"
Diese Besorgniß um sie, in all' seiner Gefahr, rührtesie. Mit mütterlicher Zartheit beugte sie sich über ihn:
„Mir ist warm, und ich habe nichts zu fürchten;wenn Sie übrigens glauben, ich würde irgend Jemandmit gebrochenem Bein dem Tod überlassen, so verkennenSie mich. Ich bleibe bei Ihnen bis zum Morgen."
Er drückte ihr dankbar die Hand. Bald aber stöhnteer laut und fiel in Ohnmacht. In unsagbarer Angstrieb sie Gesicht und Hände, rüttelte ihn und suchte ihnaufzurichten; aber stumm und regungslos lag der Fremdeim Schnee. So verstrich eine Stunde, ihr däuchte eseine Ewigkeit. In ihrem ganzen Leben gedachte sieder Nacht. Aber Hülfe kam.
Durch die Todtcnstille erschollen Stimmen. Laternen-
licht beschien die Schneefläche, und Bruno sprang in mäch-tigen Sprüngen freudig bellend auf sie zu und leckteihre Hände. Sie waren gerettet.
Schwindelnd sank sie in des Vaters Arme. EinenMoment schien alles sich zu drehen, dann sprang sie ge-faßt auf.
Der Fremde wurde in Mr. Darrells Haus getragen.Seine Füße waren erfroren, das Bein nur geschwollen,er selbst ohnmächtig.
„Geh' zu Bett", sagte die Stiefmutter zu Edith,„damit Du nicht auch krank wirst, der Fremdling wirdmir ohnehin für die nächsten vier Wochen eine schöneLast sein."
„Ja, geh' zu Bett, Dithy", fügte der Vater beiand küßte sie zärtlich, „Du bist ein wüthiges Kind undrettetest sein Leben. Ich bin stolz auf Dich."
Fünf volle Wochen dauerte es, bis der junge Mannwst Krücken umhergehen konnte. Er hatte in Fieber-)elinr-n gelegen, und Edith war meistentheils die Kranken-pflege zugefallen. Sie schien es natürlich zu finden. Inden schlimmsten Stunden vermochte der Ton ihrer Stimme,die Berü-hrung ihrer Hand ihn zu besänftigen. Oft riefer nach s einer Mutter und Trixy.
„Wer: war Trixy?" fragte sich Edith mit unerklär-licher Angsir.
Noch ÜMmer wußte die Familie nicht, wer der Krankewar. Seine.: Kleider und Wäsche waren fein, er hatteeine werthvaster Uhr und Kette und einen prachtvollenDiamantring/ Papiere, Briefe und Karten bei sich. SeineWäsche war r»it R. S. gezeichnet.
Die Aprstssonne beleuchtete das Gemach, in welchemder Fremde bleich und abgemagert im Fauteuil saß.Edith arbeitete eifrig im Blumengarten, Mr. Darrclltrat ein und bat den Gast, seinen Namen zu nennen,daß man seine Familie benachrichtigen könne.
„Meine Fam.stie? Sie sind sehr aufmerksam, aberwahrlich, meine Leu-te lassen sich meinetwegen kein grauesHaar wachsen, sie find an meine Abwesenheit und meinSchweigen gewöhnt. Nächste Woche will ich übrigensselbst ein paar Zeilen schreiben. Mein Name ist RudolfStuart."
„Stuart?" sagte Mr. Darrell, „ein Sohn desBanquiers Stuart in Nxw-Iork?"
„Ja, James Str-art ist wein Vater! KennenSie ihn?" j
Des Hausherrn Ge.stcht wurde ernst.
„Ihr Vater ist Geschwisterkind mit Edith's Mutter.Hörten Sie nie von Levra Stuart reden?"
„Die Friedrich Darrell heirathete? Freilich! UndSie sind Mr. Darrell; ist's möglich, daß ich das Glückhabe mit Ihnen verwandt zu sein?"
„Mit meiner Tochter, wenn sie wollen, nicht mUmir. Ihre Familie hat/thr Anathema über mich ausge"sprachen, und ich werde mich nicht aufdrängen. Komm,Edith, und vernimm die Kunde."
Das junge Mädchen warf den Spaten weg undkam lachend mit beschmutzten Händen herein.
„Was gibt's? Hat nnser Gast den Fuß verrenkt?"
„Das nicht."
Und er theilte ihr t,ie eben gemachte Entdeckung mit.
„Es ist ein Feenwürchen, wo schließlich Jeder einAnderer wird", rief Edi^ freudig. „Sie sind also meinCousin; und r " ^