Ausgabe 
(18.8.1896) 68
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von Orleans und der Erzherzogin Maria Dorotbea Amalia,der ältesten Tochter des Honved - Obercommandanten Erz-herzogs Joseph und der Erzherzogin Clotilde, einer Prinzessinaus dem Hause Sacbsen-Coburg und Gotha , statt. Die Ver-mählung wird im Oktober in Wien gefeiert werden, und dasEhepaar wird seinen Sitz in England aufschlagen. Die Ver-lobten wurden durch gegenseit-ge Neigung zusammengeführt, unddie Politik spielt bei d-esem Ehebündniß nur insoweit eine Rolle,als der Herzog von Orleans, als anerkannter Führer dermonarchischen Partei in Frankreich und Thronprätendent, innäherer oder fernerer Frist vielleicht dereinst berufen sein wird,den französischen Thron zu besteigen, als dessen legitimen Erbener sich betrachtet. Es ist seit lange bekannt, daß die am 14.Juni 1867 geborene Erzherzogin Maria Dorothea eine durchhervorragende Begabung und edle Charaktereigenschaften wienicht minder durch Schönheit ausgezeichnete Dame ist. Siezeigte seit ihrer frühesten Jugend einen ernsten Drang nachtieferer wissenschaftlicher Ausbildung und wußte es durchzusetzen,daß ihre Erziehung dem gelehrten Abt Holdhazy, dem Gouver-neur ihrer Brüder, übertragen wurde, dessen eifrige und ge-lehrige Schülerin sie selbst in den mathematischen und natur-wissenschaftlichen Disciplinen war. Aber auch in der Malereiund Musik hat sie sich zur Künstlerschaft emporgearbeitet. Ge-mälde von ihrer Hand, namentlich Landschaftsbilder, fandenauf Wiener und Budapester Ausstellungen den Beifall derKenner; von ihr componirte Lieder und Tänze sind im ganzenUngarland populär geworden. Auch als dramatische Künstlerinhat sie in engern Kreisen bewundernde Anerkennung gefunden.Ihre Liebenswürdigkeit, Güte und Mildthätigkeit werden durchzahlreiche im Volksmunde cursirendc Anekdoten illustrirt. Derdurch einen Jagdunfall herbeigeführte Tod ihres heißgeliebtenBruders Ladislaus hat sie so rief erschüttert, daß sie'monate-lang in tiefster Zurückgezogenheit lebte und nur mit Mühe vondem Entschlüsse abgebracht werden konnte, den Frieren einesKlosters aufzusuchen. Der am 6. Februar 1869 geboreneHerzog Philipp von Orleans trat zum ersten Mal in dieOeffentlickkeit, als er seinen Vater, den Grafen von Paris, nachFrohsdorf an das Todtenbett des Graten von Chambord be-gleitete. Er erhielt unter den Augen seines Vaters eine sorg-fältige Erziehung, abiolvirte eine englische Cadettenschule unddiente kurze Zeit als Offizier in der anglo-indischen Armee.Großes Aufsehen erregte es, als er, ohne Wissen seiner Fa-milie, als Verbannter in Paris erschien und, auf sein Rechtals französischer Staatsbüraer pochend, verlangte, seine Dienst-pflicht in der französischen Armce erfüllen zu dürfen. Er wurdezu zweijährigem Gefängniß verurtheilt, aber vom PräsidentenCarnot nach dreimonatlicher Haft begnadigt. Nach dem am 8.September 1894 erfolgten Tode seines Vaters trat in der Lebens-haltung des in jugendlichem Ungestüm dahinlebenden Prinzeneine Wendung ein; er übernahm die Rolle eines Prätendentenund führte sie seither mit unleugbarer Würde und Schneidig-keit durch. Seine Anhänger, deren Zahl in steter Zunahme be-griffen ist, rühmen ihm Thatkraft und Scharfblick nach. Er hatdasalte Cabinet", das unter seinem Vater die Propagandaleitete beseitigt, und junge Kräfte an seine Seite gezogen. DieZukunft wird lehren, welchen Einfluß seine geistig hochstehendeGemahlin auf das dermalige Oberhaupt dermaison äs Kranes"ausüben wird. Auch in der relativ bescheidenen Rolle der Gattineines Thronprätendentcn kann die begabte Tochter des Erz-herzogs Joseph zu historischer Größe emporwachsen.

Dias Jeanne d'Arc-Denkmal in Rheims .

Im Jahre 1886 faßte die Akademie der alten BischofsstadtRheimS den Beschluß, der Jeanne d'Arc ein Reiterstandbildzu emchten, um die Erinnerungen an den 17. Juli 1429 zuverewigen, wo Jobanna Karl VII. , den Siegreichen, in der alt-berühmten Kathedrale dieser Stadt von dem Erzbischof Regnaultde Chartres batte krönen lassen, nachdem die Rathsherren vonRbeims am Taae vorher dem mit seiner Armee vor den Thorenlagernden französischen König ihre Unterwerfung angezeigt batten.DaS war der Höhepunkt des Lebens und Wirkens der Jungfrauvon Orleans, und von da ab ging es schnell mit ihr abwärtts.Deswegen hat Rheims nun eine historische Pflicht erfüllt, wo-zu es seit der Anregung des Gedankens immerhin zehn volleJahre bedurfte. Die rbeimser Akademie beauftragte den be-kannten Bildbaucr Paul Dubois , auch Dubois-Pigalle genannt,mit der Ausführung des Denkmals, welches 150 000 Francskostete. Jeanne d'Arc zeigt sich auf ibrem Streitroß, das ener-gifch vorwärts schreitet. Sie hat es fest im Zügel. Ihre zarte,schlanke Gestalt steht fast aufrecht in voller Rüstung in denSteigbügeln. In der Rechten hält sie triumphirend das

Schwert. Der Blick ist nach oben gerichtet und aibt Zeugnißvon dankbarer Befriedigung über die vollbrachte Aufgabe undvon glaubensstarkem Gottvertrauen. Die Gesammtwnkung desStandbildes ist anmuthig und kraftvoll zugleich. Nur derKritiker kann sicb nicht ganz einverstanden erklären mit derAuffassung des Künstlers, denn er weiß, daß Jodanna sowohlbei ihrem Ein- als Auszug, bei der Krönung in der Kathedralewie während ihres ganzen Aufentbalts in Rheims ihre histo-rische Standarte keinen Augenblick aus der Hand ließ, unddarum wundert er sich, sie nun auf dem freien Platz vor demaltehrwürdigen Bauwerk, dem sie den Rücken zukehrt, und ausdem sie hcrauszureiten scheint, mit dem Schlrcktsckwert in derHand vor sich zu sehen. Der Sockel trägt vorn dieJwchrift:4. äsanns ä'.4re. Kdeims. Vranee. Lonserixtion

onverts xar 1'aeaäsmis äs Rirsims. 1886 1896." Auf derRückseite liest man das Datum:17. äuiliet 1429". Trotzdemwurde das Denkmal merkwürdigerweise nicht am 17., sondernam 15. Juli feierlich enthüllt; aus welchen Gründen, ist bisjetzt unbekannt geblieben. Der Präsident der Republik, Faure ,wobnte persönlich der Feier bei, die sich in jeder Beziehung zueiner imposanten gestaltete.

Harrtet Reecher-Zilowe ch

Die Verfasserin von ..Onkel TomS Hütte ", wohl die ein-flußreichste und erfolgreichste Schriftstellerin, die je gelebt hat,die Sklavenbefreierin Frau Harriet Beecher-Stowe , ist zu New-Aork im Alter von 84 Jahren gestorben. Im Jahre 1851 wares, als sie für die ZeitschriftNational 8va" ihre weltbewegendeErzählungUndo Vom's dabin" lieferte, die im nächsten Jahreals Buch erschien und nicht nur in Amerika , sondern in allenEidtheilen eine derartige Sensation erregte, daß sie rascher undweiter verbreitet wurde, als die Schriften aller jener bedeuten-den und berühmten Schriftstellerinnen, mit deren dichterischenLeistungen die schlichte, rührselige Erzählung der Verstorbenennickt entfernt verglichen we: den darf. Der Erfolg der genanntenErzählung war beispiellos; in Amerika ist sie in nahezu einerMillion Exemplaren verbreitet, in England erschien sie in etwavierzig Auflagen, in Deutschland in fünf verschiedenen Ueber-setzungen und Bearbeitungen, die alle denselben großen Erfolgbeim Publikum batten. Dieser fast zufällige ungeheure ErfolgvonOnkel Toms Hütte ", der mehr in dein Stoffe und in derTendenz als in dem Werthe des Buches begründet war, erhobMrs. Harriet Beecher-Stowe nnt einem Schlage zu einer Welt-berühmtbeit, der ihre sonstige literarftche Befähigung aber nichtgewachsen war und die ihr deßhalb zeitlebens unbehaglich blieb.Ihre weiteren Schriften, meist religiöse Dichtungen, sind un-bekannt geblieben, und selbst ihre kühnen Byron-Enthüllungenverloren sehr bald das Interesse der Leser. Harriet Beecbcr waram 14. Juni 1812 als Tochter eines Predigers in Connecticut geboren und hatte in ihrer Jugend reichlich Gelegenheit, dasElend der schwarzen Sklaven von Grund aus kennen zu lernen.Sie bildete sich für das Lehrfach aus, hcirathete 1836 den Pro-fessor Calvin Ellts Stowe und schrieb fünfzehn Jahre späterihr zweibändiges Hauptwerk, das einen Einfluß auf den Gangder Weltgeschichte nahm wie kaum ein anderes Buch, und dasihr auch reicke pekuniäre Erträge brachte, wiewohl der Schutzund der Ertrag geistigen Eigenthums noch nicht auf der heutigenHöhe standen. Auch für die Jugend bearbeitete sie den dank-baren Stoff unter dem Namen:ü. xesp into linde l'om'seabin, kor dülären", und rief damit jene unzähligen Jugend-bücher in die Erscheinung, die die Schicksale Onkel Sis sohieß der Held der Erzählung ursprünglich in allen Sprachender Welt erzählen. Auch eine Dramatisirung vonOnkel TomsHütte " wurde viel gespielt und war jahrelang das Haupt-repertoirestück der Neaertruppcn. Der Hauptheld der Erzählungwar ein cewisser Josiah Hewon, ein Vollblutneger mit ver-krüpvelten Armen; die grausamen Züchtigungen seitens einesSklavenaufsebers batten dieses Gebrechen verschuldet. Der RubinvonOnk l Toms Hütte" erstreckte sich aucb auf Henson, derspäterhin Prediger einer farbigen Gemeinde wurde, große Reisenmachte und selbst in Windior Castle vom englischen Hofe em-pfangen wurde. Seine Selbstbiographie wurde von Mrs. Beecher-Stowe herausgegeben. Nach dem Tode ibres Gatten, der seineProfessur niedergelegt und zuletzt ein literarisches WochenblattAsartb anä doms" redigirt hatte, lebte sie in stiller Zurück-gezogenbeit, die .Irüchte ihres berühmten Backes, au welches siezuletzt gar nicht mehr erinnert werden mochte, genießend, inConnecticut , schließlich in New-Aork, wo sie am l. Juli b. I.gestorben ist.