Ausgabe 
(21.8.1896) 69
Seite
525
 
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« 69. Ireitag, den Ll. August 1896.

Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesttzer vr. Max Huttler ).

Ein furchtbares Geheimniß.

Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary AgnesFlemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch.

(Fortsetzung.)

Der Tag verstreicht; die Damen ziehen sich zurück,um Toilette zu machen. Edith lehnte jede Hülfe abund kleidete sich selbst höchst einfach in weißen Mull undeinen Korallenschmuck ihrer Mutter. Sie steht sehr hübschaus und weiß es.

Beatrice rauschte herein, glänzend in Rosa-Seide,das blonde Haar in künstlichen Pyramiden aufgebautund mit Camelien beladen.

Wie sehe ich aus, Dithy? Steht mir die Farbe?Und Du bist ja herzig, wer hätte geglaubt, daß sich dieeinfache Toilette so hübsch machte?"

Sie eilt fort, Edith ist wieder allein, sie steht zumFenster hinaus auf das Nachtleben der großen Stadt.Wagen um Wagen fährt vor, es überkommt sie im Ge-wirr dieses Lebens ein Gefühl der Verlassenheit. Ist esdie alte Unzufriedenheit, die sie beschleicht? Wenn nurRudolf heraufkommen dürfte, neben ihr sitzen und plau-dern und rauchen, welche Wohlthat wäre das. Ohneihm fühlt sie sich allein und unzufrieden.

Während sie so nachdenkt, pocht es, und die Zofetritt mit einem herrlichen Bouquet ein.

Eine Empfehlung von dem jungen Herrn, er er-wartet Sie am Fuße der Treppe, um Sie in den Ball-saal zu führen, Fräulein."

Danke, sagen Sie Mr. Stuart, daß ich sofort er-scheinen werde."

Das Mädchen geht. Lächelnd betrachtete Edith dieBlumen.

Lieber, guter Rudolf", flüsterte sie,was würdeaus mir ohne ihn."

Sie wählt einige Blüthen, flicht sie kunstreich insHaar und eilt hinab.

Rudolf erwartet sie lächelnd und führt sie in denglänzenden Saal. Blumen, Gas, Juwelen, schöne Frauen,elegante Männer überall. Edith ist's, als träume sie.

Einen Augenblick später befindet sie sich unter denTanzenden, und nun glaubt sie im Himmel dahinzu-schweben. Sie wird Herren und Damen vorgestellt, einTänzer nach dem andern erbittet sich die Ehre einer Tour,bis sie endlich müde und erhitzt in einem Fauteuil ruht.

Rudolf nähert sich mit einem blonden, jungen MannVon freundlicher Erscheinung. Instinktiv erkennt sie ihn.

Edith, da bist Du ja, erlaube mir. Dir Sir VictorChateron vorzustellen."

4. Kapitel.

Unter dem Gaslicht.

Zwei dunkle Augen blickten ernst auf Sir Victor.Beide verbeugten sich und murmelten ein paar nichts-sagende Worte, und Edith Darrest ist mit dem Baronbekannt. Mit einem Baron! Gestern noch glättete undflickte und kochte sie zu Hause, heute ist sie im Ballsaal,umfunkelt von Diamanten, und ein fabelhaft reicher,adelsstolzer Baron bittet um die Gunst des nächstenWalzers. War eS ein Traum, und würde sie erwachenund der Stiefmutter schrille Stimme hören, die sie zurHülfe in die Küche entbot?

Was soll sie dem Baron sagen? Noch ist demjungen Mädchen von Sandypoint die GcscllschaftsspracheSanskrit, und sie zittert beinahe, während sie mit demFächer spielt.

Sir Victor lehnt sich leicht an die Lehne ihresStuhles und denkt, welch' reizendes Mädchen sie sei füreine Brünette. Brünetten sind nicht seine Passion, erhat sein Ideal und sieht in ihm die künftige Lady Cha-teron. Im fernen England weilt eine blonde, blau-äugige Grafentochter, für ihn der Inbegriff edelster Weib-lichkeit. An sie denkt er, ihr Bild schwebt ihm vor, alsdie Musik in donnernden Accorden intonirt.

Wieder wendet er sich zu Edith, und in den Pausendes Tanzes unterhält er sich mit ihr über die bevor-stehende Reise nach Europa . DaS junge Mädchen ver-liert die Schüchternheit, die sie erst befangen hatte, undwird wieder sie selbst.

Darf ich Sie meiner Tante vorstellen, Miß Darrell?"sagte der Baron am Ende des Tanzes,sie wird Siegewiß recht lieb haben."

Erröthend nimmt Edith seinen Arm. Seine Artig-keit ist zweifelsohne nur Form und Gewohnheit, aberungemein schmeichelnd. Jetzt schien es, als kenne erkeine andere Dame der Schöpfung, als Miß Darrell.

Langsam schreiten sie durch die glänzenden Räume,viele Augen heften sich auf sie; Jeder kennt den blondenBaron, den Meisten ist die dunkle Dame fremd.

Wer ist wohl das schöne, junge Mädchen?" fragensich die Herren.

Wer ist das Mädchen in dem ärmlichen Mullkleid