und den altmodischen Korallen?" flüstern sich die Damenzu; alle staunen, als sie die Antwort vernehmen:
„Eine arme Cousine vom Lande, die als BeatricensGesellschafterin mit nach Europa geht."
Edith bemerkt die Blicke und erglüht. Stolz hebtsie das Haupt, sie fühlt, was über sie gesprochen wird,und kontrastirt des Barons Artigkeit mit dem sehr ver-letzenden Gegaffe der Anderen.
Sir Victor intereffirt sie, eS liegt ein Schatten überseinem Wesen, und was konnte das Leben ihm gebotenhaben, als Sonnenschein und rosiges Licht?
Neben Mrs. Stuart und einem fremden, besterntenHerrn aus Washington sitzt eine ältliche Dame auf einerArt Ehrenthron, ihr stellt Sir Victor Miß Darrell vor,und das gütige Auge der englischen Matrone wendet sichdem schönen amerikanischen Mädchen zu. Nach einigenfreundlichen Worten der Tante aber entführt der Baronsie wieder in den Ballsaal, und sie schwebt dahin in derduftgeschwängerten Atmosphäre, umwogt von den Klängendes Faustwalzers. Athemlos wirbelt Trixy an ihr vor-über, nickt lächelnd ihr zu und denkt, wenn es nur ewigwährte. Aber wir Alle wissen, daß des Lebens goldeneMomente fliegen.
Die Stunden entrinnen. Einmal findet sich Edithneben Lady Helena, die mütterlich zu ihr spricht und desMädchens ganzes Herz gewinnt.
Sir Victor lehnt sich über der Tante Stuhl undhört ihr lächelnd zu, ihr Ton ist ein zärtlicher, wennsie mit ihm spricht; es ist klar, daß sie ihn wie eineMutter liebt.
Bald ist alles vorüber. Wagen um Wagen fährtab. Trixy's Geburtstagsfeier, Edith's erster Ball undder erste Abend ihres neuen Lebens — alles vorbei.
5. Kapitel.
Alte Nummer des „Chesholm Courier".
„Sir Victor hat viermal mit mir getanzt, Dithy,hörst Du, viermal."
„Ja, ich höre."
„Du siehst aber nicht so aus. Sag' einmal, sindvier Tänze nicht vielversprechend?" fragte Beatrice leb-haft, „ich versichere Dich, mir bricht das Herz, wenn erMich nicht zur Lady Chateron macht."
Miß Darrell hatte nur ein schwaches Lächeln. Sielag im Salon in den Tiefen eines schwellenden Fauteuils,als hätte sie von jeher in solchen gelegen. Prächtig stachihr dunkler Teint von den rothen Kissen ab.
Im Schaukelstuhle daneben sitzt Trixy, der voll-endete Typus einer jungen Dame New-Aorks. Sie kon-trastiren auffallend: Blondine und Brünette, Glanz undBescheidenheit, Mode und klassische Einfachheit. Drinnender reizend möblirte Salon, draußen der graue, sturm-durchheulte April-Nachmittag.
„Als Tochter des Hauses mußte er mich natürlichöfter engagiren", fuhr Beatrice, Alles erwägend, fort,„doch glaube ich nicht, daß er viermal mit mir getanzthätte, wenn-Edith, wie oft tanzte er mit Dir?"
„Wie oft, was? Verzeih', ich verstand nicht, wasDu gesagt."
„Du schläfst ja halb; einen Pfennig für DeineGedanken."
„Sie sind keinen Heller werth. Was fragtest Du eben?"
„Wie oft hat Sir Victor mit Dir getanzt?"
„Ich glaube, dreimal."
„Und mit mir tanzte er viermal und führte michzum Souper. O, Dithy, der Gedanke, Mylady zu wer-den, macht mich verrückt."
„Warum denkst Du denn daran? Beherzige Dulieber den Spruch vom Hühnchen zählen, ehe die Eiergelegt sind. Uebrigens mag sich die Sache noch immergestalten. Sir Victor ist sein eigener Herr und kannthun was er will."
„Allerdings, aber die Engländer geben ungeheuerviel auf Geburt und Blut, und wir haben das nicht.Es ist schön, daß Papa seinen Namen mit „u" stattmit „ew" schreibt und folglich für einen Abkömmlingder schottischen Königsfamilie gilt, er schrieb auch jüngstnach England um ein Familienwappen. Warum lachstDu, Edith? Ich sage Dir, wir werden unsere Briefebald mit einem Greife oder einem Thiere siegeln. Frei-lich ändert das nicht die Thatsache, daß Großpapa alsAuskehrer in einem Laden begann und bis zur Revo-lution arm war. Lady Helena und Sir Victor sind sehrartig, wenn's aber zum Heirathen, kommt ist's ganz wasAnderes. Aber, ist Sir Victor nicht hübsch? Habenseine Augen nicht den melancholischsten Ausdruck, denDu je gesehen?"
„Das ist richtig, am Ende ist er ein Opfer un-glücklicher Liebe."
„Als ob das bei einem reichen Baron je der Fallwäre? Nein, Edith, es ist etwas viel Aergeres," fuhrBeatrice ernst und geheimnißvoll fort.
„Aergeres? Mein Gott, es kann doch nichts Aer-geres geben. Was ist's denn?"
Edith Darrell riß die Augen auf.
„Du willst doch nicht sagen, daß wir die ganzeNacht mit einem Mörder getanzt?"
„Sei keine Thörin! Hab' ich behauptet, daß erJemand getödtet? Nein, der Mord wurde begangen,als er noch ein Kind war."
„Ein Kind war?"
„Ja, seine Mutter wurde im Schlafe ermordet undman weiß noch nicht, wer eS gethan hat."
„Erzähle doch, das klingt ja ganz interessant."
„Gut; sein Vater, auch ein Sir Victor, heiratheledie Tochter eines gewöhnlichen Geschäftsmannes. Da-mit läßt sich anfangen, ich bin auch die Tochter einesGeschäftsmannes. Hoffentlich setzt sich aber die Ähnlich-keit nicht auch nach der Heirath fort."
„Das wäre höchst unangenehm für Dich, aber weiter,die Sache interessirt mich."
„Er war aber auch verlobt, und zwar mit seinerCousine Jnez Chateron, einer stolzen, schönen Brünettevon sehr heftigem Temperament. Sir Victor scheint siegefürchtet zu haben, und nicht mit Unrecht. Nachdem eretwa anderthalb Jahre verheirathet war und der jetzigeSir Victor drei Monate alt war, brachte er Gattin nndKind nach Hause. Heftige Scenen waren die Folge, undsechs Wochen später fand man die arme, junge Frau imSchlafe erdolcht. Sir Victor war zur Zeit abwesendund verfiel in Wahnsinn, als er es hörte. Miß JnezChateron hatte kurz vor dem schrecklichen Ereigniß mitder unglücklichen Frau Streit gehabt, sie hatte auch einenBruder, der behauptete, vor Sir Victor mit dessen Gattinvermählt gewesen zu sein, es war eine verwickelte Ge-schichte, klar war nur, daß die Arme ermordet und JuanChateron entflohen war."