Ausgabe 
(21.8.1896) 69
Seite
527
 
Einzelbild herunterladen

627

Im ganzen aber scheint es eine reine Familten-sache gewesen zu sein, und darin liegt ein Trost. Wasgeschah mit Miß Jnez?"

Sie wurde ins Gefängniß gesetzt, entfloh und bliebverschollen."

Aber woher weiß Du das Alles? Hat er Dirschon so bald seine Familienchronik ins mitleidige Ohrgeflüstert?"

Nein, aber Mr. Hampson, ein uns bekannter Eng-länder, stammt ebenfalls aus Cheshire und hält nochheute denCheSholm Courier"; durch ihn erfuhren wirAlles, ja, wir erhielten sogar die betreffenden Nummern."

O bitte, laß mich sie sehen."

Ja, ich will sie holen, es interesfirt mich selbst,sie wieder einmal durchzulesen."

Beatrice kehrte bald mit einem halben Dutzend ver-gilbter Zeitungen zurück; es war derChesholm Courier"vor dreiundzwanzig Jahren.

Beide Mädchen vertieften sich so sehr in dessenSpalten, daß sie es überhörten, als die Thüre geöffnetund Sir Victor gemeldet wurde.

Bei seinem Eintritt sprangen sie, die Nöthe desSchuldbewußtseins im Gesicht, auf. Er näherte sichlächelnd. Trixy hatte das ZeitungSblatt noch in derHand. Sein Blick fiel darauf, er las die in fetter Schriftgedruckten Worte:Die Tragödie von Chateron Royals".

Das Lächeln verschwand, Sir Vitors Lippen er-blaßten, dann blickte er Mr. Stuart voll inS Gesicht.

Darf ich fragen, woher Sie die Zeitung haben?"fragte er ruhig. ^

O, ich bedaure sehr ich wußte nicht

ich wollte nicht-verzeihen Sie, Sir Victor, wenn

ich Ihre Gefühle verletzte."

Das wollten Sie natürlich nicht, Miß Stuart;erlauben Sie mir daher nochmals die Frage, woher Siedas Blatt bekamen?"

Es wurde uns von einer Dame geliehen, derenVater aus Cheshire stammt. Ich wollte, es wäre nichtgeschehen."

Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Fräulein,Sie sind durchaus nicht zu tadeln. Ich hoffe, Sie undMiß Darrell haben sich von den Anstrengungen desBalles erholt?"

Er setzte sich. Zwei dunkle Augen begegneten ihm,aber Edith sprach kein Wort. Beatrice machte verzweifelteAnstrengungen, den rechten Morgenbesuchsgesprächston zufinden. Umsonst, auf allen lag der Bann deSChes-holm Courier", und es war eine Erleichterung, als SirVictor sich zum Gehen erhob.

Lady Helena läßt sich empfehlen", sprach er,sieinteresfirt sich sehr für Sie, Miß Darrell, und hofft, SieBeide heute Abend in der Oper zu sehen."

Gewiß", entgegnete Beatrice,empfehlen Sie unsder gnädigen Frau."

Der Baron verbeugte sich.

Da geht meine letzte Hoffnung", seufzte sie undblickte ihm trübe nach,warum auch holte ich die elendenZeitungen? Nun wird er mich nie mehr ansehen können."

-Das sehe ich nicht ein", rief Edith,wenn einMord begangen worden, bleibt das kein Geheimniß.UebrigenS scheint der junge Mann es tief zu fühlen, undich bedaure ihn sehr."

Bedaure ihn so viel Du willst, nur liebe ihn nicht.Als Rivalin kann ich Dich nicht brauchen, viel lieber als

Schwägerin. O, brauchst nicht zu erröthen, ich sah esgleich, wie die Aktien standen, und Rudolf ist kein üblerJunge. Da läutet es schon wieder, nun geht's so fortbis in die Nacht."

Und so war es auch, ein Herr erschien nach demandern, um sich nach dem Befinden der Damen zu er-kundigen. Edith's Kopf schmerzte förmlich, und die Zungewar wie gelähmt von all' den Albernheiten der Gesell-schaftssprache. Gegen Abend brachte ein Diener zweiSchachteln mit Sir Victors Empfehlungen. Die anBeatrice adressirte enthielt ein reizendes Bouquet vonweißen Rosen, Lilien und Jasmin, die für Edith be-stimmte einen Strauß von rothen und weißen Camelien.

Für die Oper!" rief Beatrice mit funkelnden Augen,wie edel das von ihm ist."

Möcht' wissen, warum er Dir weiß sandte?" fragteEdith,wohl ein Symbol fleckenloser Unschuld; und trageich etwa Aehnlichkeit mit der Cameliendame? Wenn dieBlumensprache wahr ist, magst Du noch hoffen."

Zwei Stunden später rauschte die Familie Stuartin ihre Loge. Miß Stuart trug ein filbergraues Seiden-kleid und hielt das jungfräulich weiße Bouquet in derHand. Miß Darrell hatte das weiße Kleid von gestern,einen rothen Theatermantel und das Camelienbouquet.

Die Primadonna sang eben, Edith lehnte sich vorund vergaß alles um sich her vor Entzücken.

Eine Legion von Operngläsern richtete sich auf ihreLoge. Beatrice war bekannt, wer aber war das dunkleMädchen?

Der Vorhang fiel. Edith lehnte sich mit einemAusruf der Bewunderung zurück und begegnete Sir Vic-tors Blick.

Sie wußten nicht, daß ich hier sei", lächelte er,und Sie waren so hingerissen, daß ich Sie nicht an-sprechen wollte. Einst hatte es mich auch begeistert, aberdie Tage sind bei mir vorüber."

ES ist wohl guter Ton, jeder Neigung abgestorbenzu sein? Halten Sie mich für so kindisch und so un-wissend, als Sie wollen, aber ich gestehe, daß ich Bla-strtheit nicht für einen Vorzug halte."

Wenn aber Blasirtheit Normalzustand geworden?Unser Publikum ist übrigens enthusiastisch genug, sie habendie Künstlerin herausgerufen."

Der Sängerin Erscheinen verdoppelte den Applaus-Sie sang Wagners Lied an den Schwan . Sir Victorfühlte sich ergriffen, Edith athmete kaum. Als der letzteTon verklungen, der Zauber gebrochen war und daSHaus von einem Beifallssturm erschüttert ward, wandtesich Edith mit bebenden Lippen, das brauen Auge vollThränen zum Baron. Er beugte sich über sie. RudolfStuart beobachtete die Beiden. Sein Antlitz aber ver-rieth keine innere Bewegung, als er am Schlüsse derOper seiner Mutter den Arm bot.

In der Nacht verfolgte Sir Victor Chateron einbraunes, von Thränen umflortes Augenpaar.

Edith setzte die Camelien sorgfältig ins Wasser.

Sie träumte, sie stünde in Scharlach gekleidet, mitrothen Camelien gekrönt an Sir Victors Seite am Trau-altar, als die Thüre sich öffnete, die ermordete LadyChateron hrreinschritt und sie in Geisterarmen entführte.

Sorch' aufregende Träume störten Miß Darrell'SSchlummer.