Ausgabe 
(21.8.1896) 69
Seite
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6. Kapitel.

Eine Mondnacht.

Am zehnten Mai sollten die Familie Stuart undSir Victor und Lady Helena nach Europa abreisen.

Für Edith Darrell waren die letzten Wochen nureine Kette von Aufregung und Entzücken gewesen. Oper,Schauspiel, Diners, Abendgesellschaften, Spazierfahrten,Alles hatte sie mitgemacht, ihre Garderobe war vervoll-kommnet, das weiße Mullkleid hatte durch des altenOnkels Stuart Güte einen Zuwachs von einem halbenDutzend Seidenroben erhalten. Selbst einen Nubin-schmuck hatte er seiner Nichte gegeben, und obwohlsie sich sträubte, er bestand auf der Annahme, und sienahm sich ungewöhnlich schön aus mit dem funkelndenGestein.

Am letzten Abend vor der Abreise war die FamilieStuart zu einem Feste bei Mrs. Fatrmann gebeten,einer jungen, verwittweten Dame, deren auffallendes Ko-kettieren mit Rudolf für Edith stets ein Dorn im Augewar. Sie weigerte sich zu gehen.

Ich fühle mich ermüdet und abgespannt und bleibebei Tante Lotte zu Hause."

Und so fuhr Beatrice in Begleitung von Vater undBruder ab. Edith setzte sich an's Piano, sie sah in demgrünen Seidenkleide mit schwarzen Spitzen und der halbentblätterten Rose im Haar sehr hübsch aus. Wenigstensdachte das der junge Mann, der unbemerkt eingetreten war.

Tante Lotte nickte im Fauteuil.

Wo kommst Du her, Rudolf", rief sie plötzlichauffahrend,ich glaubte Dich bei Mrs. Fairmann."

Dort war ich auch; ich kam, sah und ging. Nunbin ich da, wenn Du und Dithy mich haben wollten."

Wir fanden uns ganz behaglich ohne Dich", ent-gegnete Mrs. Stuart,wir hatten wenigstens Frieden,was nicht der Fall ist, wenn Du und Edith zusammen-kommen. Du darfst nur unter der Bedingung bleiben,daß Du nicht streitest."

Ich streiten?" rief Rudolf und zog die Brauenin die Höhe,aber, liebe Mntter, Du bist doch eigen-thümlich befangen, wenn Du nicht einstehst, daß Edithganz allein daran Schuld ist. Mein Grundsatz ist, mitNiemand zu streiten, weil es der Verdauung schadet undermüdet."

Was thut Trixh?" fragte Edith lachend.

O, sie befindet sich in des Barons Nähe so wohl wieder Fisch im Wasser, übrigens erkundigte sich Sir Victormit einer mir unwillkommenen Wärme nach Dir. EinBaron als Schwager ist gut, ein Baron als Nivalewird nicht geduldet. Uebrigens könntest Du etwassingen, Dithy."

Miß Darrell trat an's Klavier, sie war im inner-sten Herzen wohl befriedigt. Rudolf hatte den Ball undMrs. Fairmann verlassen und war bei ihr. Sie konntesich's nicht mehr leugnen, daß sie Rudolf liebte. Injüngster Zeit war es ihr aufgefallen, daß auch der Baronihr auffallende Aufmerksamkeiten erwies, sollte er um siewerben, so würde sie natürlich ihm ihr Jawort geben,lieber konnte sie aber nur Rudolf.

Es war ein herrlicher Abend. Mrs. Stuart nicktefriedlich im Lehnstuhl. Rudolf neckte seine Cousine un-barmherzig, bis sie ärgerlich vom Stuhle aufsprang.

Zu sagen, daß ich wie eine Katze singe, ist dochzu arg, ich spiele nie wieder vor Dir."

Ngch einem Wortwechsel, in dem sie wie gewöhnlich

schmählich geschlagen wurde, setzte sie sich jedoch wiederund sang und spielte bis zwölf Uhr.

Edith weckte Mrs. Stuart.

Komm', Tantchen. es ist spät geworden, und wirhaben morgen einen schweren Tag vor uns. Gute Nacht,Rudolf."

Sie nahm die schläfrige Tante bei« Arm und führtesie hinauf. Rudolf sah den Beiden nach. Edith's lieb-reiche Stimme hallte zurück:

Und Karl ist mein Geliebter,

Mein Schätzchen, meine Lust,

Ja, Karl ist mein Geliebter,

Hat's selber nicht gewußt."

Alles Neckische in ihrem Wesen brachte sie bei Ru-dolf zum Vorschein, mit Sir Victor sprach sie stets ver-nünftig und ernst.

Der letzte Tag kam. Im Glänze der herrlichenMaisonne löste das Schiff Mittags zum Abschiedsgrußedie Geschütze und dampfte der alten Welt entgegen.

Edith lehnte sich über die Brüstung und betrachtetedas zurückweichende Ufer.

Adieu, Heimath", seufzte sie, eine Thräne i« Auge,wer weiß, ob ich Dich wiedersehe?"

Keine Hand lüftete den Schleier der Zukunft, undes war gut.

Die Tischglocke läutete, Alles strömte in den Speise-saal, wo zwei lange mit Krystall und Blumen geschmückteTafeln standen. Wie schön war eine Seereise; aberSeekrankheit bah ein Hirngespinnst.

Nach dem Mahle suchte Rudolf ein besonderes Plätz-chen für Edith aus; Beatrice paradirte an Sir VictorsSeite auf dem Verdeck. Mrs. Stuart und Lady Helenabegaben sich in Erwartung der kommenden Leiden in dieDamenkajüte.

Der Nachmittag verstrich, die Sonne sank, es erhobsich ein Wind, die See erwachte.

Eben wankte Beatrice,. von Sir Victor geführt,bleich wie der Tod, an Edith vorüber.

O, Edith mir wird schlecht mir ist alswär' ich todt als-"

Sie riß sich vom Baron los, sprang zur Seite undEdith's dunkles Auge blickte lächelnd in Sir Victor'sblaues. Dann eilte sie an Trixy's Seite und führtedie bleiche Heldin in die unteren Regionen, woraus siefünf ganze Tage nicht erstand.

Das Wetter war schön, aber die See ging hoch undJedermann fühlte sich ziemlich krank. Ein Tag Tributvon Edith genügte dem alten Neptun, später fühlte sienie mehr etwas. Sie beschäftigte sich viel mit der Pflegeder Tante und Beatricens. Letztere litt überdies an denQualen der Eifersucht.

Ob wohl Sir Victor mit den Damen auf demVerdeck spazieren ging?" O, es war schmählich, so da-liegen zu müssen, ohne den Kopf hoch tragen zu können.Bei solchen Reflexionen hob sie ihn gewöhnlich, aber derEffekt war jammervoll.

Ehe sie die hohe See erreichten, war es Vollmond,und keine Worte malten Edith's Entzücken. Vielleichtwar es Mitleid mit Trixy, daß sie ihr nichts sagte vonden vielen Spaziergängen, die sie mit dem Baron machte;wie sie, über die Brüstung gebeugt, die Sonne blutig-roth ins Meer sinken und auf der anderen Seite diesilberne Diana wie eine zweite Aphrodite den Fluthenentsteigen sahen; wie sie bei Tisch zusammensaßen er, ihrvorlas und sie freundschaftlich vertraut wurden. In zwei