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Tagen wird man zur See bekannter als zu Land inzwei Jahren. War von Seite des Barons all' das nurHöflichkeit? Die eigenen Gefühle vermochte sie wohl zuanalystren; von Liebe fühlte sie nicht die mindeste Spur.
Rudolf Stuart beobachtete Alles.
„Der Wille des Herrn geschehe", sagte er sich,„Seekrankheit ist schlimm genug, ohne das grünäugigeMonstrum."
Eines Abends begab sich Miß Darrell auf's Ver-deck, es war ziemlich leer. Mit magischem Licht ver-silberte der Mond die endlos wogende Fläche. Dasjunge Mädchen nahm einen Feldstuhl und setzte sichhinter das Radhaus. Wie großartig war daS stern-wimmelnde Firmament, der schrankenlose Ocean mit denmeilenweiten silbernen Streifen. Ein eisiger Wind strichüber das Verdeck, Edith aber achtete es nicht, sie warversunken in die Schönheit des Strahlen streuenden Mon-des. Leise begann sie zu singen.
Ein Schritt nahte. Es war Sir Victor. Edith er-wachte aus ihren Träumereien und bewillkommnete ihn.
„Ich hörte singen, Miß Darrell, und glaubte eineNajade triefend den Fluthen entsteigen zu sehen. Es isteine wunderbare Nacht, aber fürchten Sie nicht, sich zuerkälten?"
„Ich erkälte mich nicht."
„Es ist halb zwölf Uhr, wissen Sie das? AlleLichter sind gelöscht."
„Guter Gott!" rief Edith aufspringend, „was wirdTrixh sagen? Mondscheinbetrachtungen scheinen vollstän-dig zu absorbiren; ich glaubte, es sei zehn Uhr."
„Warten Sie einen Moment, ich möchte ein paarWorte mit Ihnen sprechen, Fräulein."
Edith's Herz pochte, als Sir Victor aber sprach,fühlte sie sich sofort enttäuscht.
„Es betrifft die alten Nummern des ChesholmCourier", begann er, „und die Tragödie von ChateronNohals. Dreiundzwanzig Jahre sind seitdem verflossen,ich lag damals in der Wiege, und ich fühle noch denselbenSchmerz, wenn ich davon spreche, als wäre es erst gesterngeschehen."
„Warum denn davon sprechen? Ich habe kein RechteS zu hören."
„Vielleicht nicht, und doch wollte ich die ganze Zeitmit Ihnen davon sprechen. Wer weiß, ob zwischen unSnicht eine geistige Verwandtschaft besteht?"
Edith erröthete.
„Es war so geheimnißvoll", fuhr Sir Victor fort,„und es ist noch in unergründliches Dunkel gehüllt.Meine Mutter war so jung, so schön, so gut, und es istso schrecklich zu denken, daß eine menschliche Hand sichgegen ein solches Wesen mordend erheben konnte. Unddoch ist es geschehen."
„Es ist eine grausige Geschichte, aber man liestderen täglich in den Zeitungen. Sie sagen, das Ver-brechen sei noch in unergründliches Dunkel gehüllt, dem„Chesholm Courier" schien eS nicht so."
„Sie meinen Jnez Chateron; sie war unschuldig."
„Wirklich?"
„Sie wußte nur, wer es gethan, und verhehlte es.Das weiß ich gewiß."
„Ihr Bruder Juan natürlich?"
„Das ist nicht so sicher. Meine Tante glaubt andessen Unschuld."
„Wer war dann der Mörder?"
„Ja, wer?" sagte der Baron traurig, „vielleicht er-fahren wir das nie."
„Doch, wir werden eS erfahren", sprach sie mit pro-phetischer Ruhe.
„Meine Tante vermag noch jetzt nicht von der Sachezu sprechen; waS ich weiß, erfuhr ich von Anderen. Biszu meinem achtzehnten Jahre wußte ich gar nichts. MeinerMutter entsinne ich mich natürlich nicht; meine fernsteErinnerung ist, daß sich eine junge, schöne Frau übermein Bett beugte und mich weinend küßte. Meine Mutterwar blond, das Gesicht aber, dessen ich mich entsinne, istdunkel. Sie lachen wohl über den Träumer?"
Sie blickte innig zu ihm auf.
„Ich hoffe, Sie denken besser von mir; eS ist heut'zu Tage selten genug, Männer mit verehrungsvollemAndenken von ihrer Mutter sprechen zu hören, sei diesenun lebend oder todt."
Der Baron schien entwaS sagen zu wollen, besannsich aber sofort und fuhr mit völlig verändertem Ton fort;
„Aber, ich lasse Sie hier, egoistisch in der Kälte;bitte, Fräulein, nehmen Sie meinen Arm. Ich weißnicht, warum ich mit Ihnen sprach; mit Andern wärees mir unmöglich gewesen. Ich danke Ihnen herzlich fürIhre Theilnahme."
Er verbeugte sich an der Kajütenthür und verschwand.
Ernst und gedankenvoll trat Edith ein. Beatriceschlief und ahnte nicht die verrätherischen Vorgänge.Edith beugte sich über sie; war ihr Thun ehrenhaft?
„Arme Trixyl" seufzte sie und küßte leise ihre Stirn.
Am folgenden Morgen beobachtete Rudolf Miß Dar-rell beim Frühstück mit unheilvoller Miene. Nach dem-selben führte er sie auf's Verdeck.
„Warum warst Du gestern mit dem Baron zu solch'ungewöhnlicher Stunde oben?" fragte er schmollend.
„Woher weißt Du das? Hast Du spionirt?"
„Nein, ich schlief; ich geistere nicht in mitternächt-licher Weile umher."
„Woher weißt Du das dann?"
„Von einem Offizier deS Verdeckes."
„Der könnte sich bessere Beschäftigung suchen, sag'ihm das mit meiner Empfehlung."
„Du leugnest also nicht, daß Du hier oben warst?"
„Nein."
„Mit Sir Victor allein?"
„Mit ihm allein."
„Wovon spracht Ihr?"
„Von Dingen, die ich zu Deiner Erbauung nichtwiederholen kann. Hast Du mehr zu fragen?"
„Warb er um Dich?"
„Nein", seufzte sie, „solches Glück blüht nicht fürEdith Darrell."
„Würdest Du ihn heirathen, wenn er um Dich würbe?"
«Ob ich ihn heirathete? Bitte, frage doch vernünf-tigere Sachen."
„Würdest Du ihn heirathen?"
„Aergere mich nicht, Rudolf, sprich lieber vomWeiter, ist's nicht ein herrlicher Morgen?"
Rudolf Stuart aber läßt sich nicht irre machen.
„Antworte! Würdest Du Sir Victor heirathen/wenn er um Dich werben würde?"
Sie blickt den Mann, den sie liebt, fest an.
„Wenn Sir Victor um mich wirbt, werde ich sein Weib?