Ausgabe 
(21.8.1896) 69
Seite
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7. Kapitel.

Kurz und sentimental.

Zwei Tage später zeigte sich am fernen HorizontIrlands felsige Küste.

Mittags sollten sie in Queenstown landen.

Rudolf summt ein Liebchen vor sich hin; so langeEdith nicht Lady Chateron ist, verbannt er Verzweiflungund Trübsinn. Sie selbst sprang auf mit einem Schreides Entzückens.

O steh, Trixy, endlich ein Land meiner Träume,endlich grün Erin!"

»Ich sehe", entgegnete Beatrice schläfrig und schlüpfteaus der Hängematte,ich halte noch nicht viel davon.Ein Haufen zerklüfteter Felsen und auch nicht grünerals die Heimath."

Seit drei Tagen war die Seekrankheit überstanden,sie konnte bei Tische erscheinen und an Sir Victors Armauf dem Verdeck wandeln. Als hätte sie ein Recht, fingsie da wieder an, wo sie aufgehört. Seit der Mond-nacht. von der glücklicherweise Trixy nichts wußte, warenzwischen dem Baron und Miß Darrell nur gleichgültigeWorte gewechselt worden. Beatrice Stuart nahm ihnvollkommen in Beschlag, und ohne zu wissen wie, befandsich .der junge Engländer immer an ihrer Seite, unfähigvon ihr loszukommen. Edith sah es und lächelte.

Heute mir, morgen Dir", dachte sie,Trixy ma-növrirt wirklich so gut, daß es schade wäre, sich einzu-mischen." '

In den letzten Tagen war Rudolf ihr Kavalier.Beide nahmen das Gute, das sich ihnen bot, und sorgtennicht für den Morgen.

Sie landeten, brachten eine Stunde in Queenstown zu, begaben sich dann nach Cork , wo sie zwei Tageweilten, Blarney Castle besuchten und sich nach Killarney aufmachten. Und immer noch war Sir Victor Trixy'sGefangener, immer noch hielten Rudolf und Edith ihreheilige Allianz.

Lady Helena beobachtete ihren Neffen und die ame-rikanische Erbin, und ihr feines Gefühl sagte ihr, daßihm von dort keine Gefahr drohe.

Wäre es die Andere", dachte sie,aber es ist klar,wie die Sachen zwischen ihr und Cousin Rudolf stehen."

Durch ganz andere Brillen betrachtete der alte Mr.Stuart die Sachlage. Es war seines Lebens Traum,seine Kinder mit der britischen Aristokratie zu vermählen.

Reichthum haben sie genug", sagte er sich stolz.Jedes soll eine Million haben, und ihre Abkunft istder besten würdig, denn das Blut der Stuart fließt inihren Adern"; daß sein Vater noch Stewart unterzeichnet,das wollte er vergessen.

Ueber die Fortschritte seiner Tochter lächelte der alteHerr vergnügt, des Sohnes Benehmen erzürnte ihn.

Bedenke, woran Du bist, junger Mann", sagte ereines Tages,ich habe ein wachsames Auge auf Dich.Ich habe nichts einzuwenden gegen gewöhnliche Aufmerk-samkeit für Fred Darrells Tochter, aber hüte Dich vorThorheiten, verstehst Du? Wenn Du nicht hetrathest,wie ich will, gebe ich Dir keinen Schilling."

Rudolf sah seinen Vater mit eigenthümlicher Miene an.

Beruhige Dich, Vater, ich heirathe Fred DarrellsTochter nicht, wenn Du das eine Thorheit nennst. Dar-über sind wir längst einig."

Unterwegs gesellte sich ein Reifender im Etlwagen

zu ihnen, ein großer, junger Mann von militärische«Aussehen.

Hammond, beim Zeus , wo kommst Du her, alterJunge?" rief Sir Victor,freut mich. Dich zu sehen;Hauptwann Hammond, mein Freund, Mr. Stuart ausNew-Iork."

Der Offizier verbeugte sich, Rudolf lüftete den Hut.

Fürwahr", sprach Ersterer heiter,wer hätte Dichhier zu treffen geglaubt, es hieß, Du erforschtest Canada."

Einsteigen, meine Herren!"

Sir Victor hatte beschlossen, sich neben Edith zufetzen; was aber ist des Mannes Wille gegen der FrauenEntschlüsse?

Bitte, helfen Sie mir hinauf, Sir Victor, es istso hoch, und bitte, setzen Sie sich zu mir und zeigen Siemir die Schönheiten der Natur, man genießt sie vielbesser, wenn man darauf aufmerksam gemacht wird."

Was konnte Sir Victor thun?

Und fort ging's über Stock und Stein, und dieganze Dorfjugend hinterher.

Was sagst Du zu Trixy's diplomatischem Talent?"flüsterte Rudolf Edith zu;armes Kind, sie sucht nur desVaters Gebot zu erfüllen."

Ehre den Vater, auf daß Du lange lebest u. s. w.Schade, daß sie keine Aussicht hat."

Meinst Du?"

Sir Victor, wer ist Ihr ernster Freund?" flüsterteBeatrice.

Es ist der ehrenwerthe Hammond, zweiter Sohndes Lord Glengary und Hauptmann eines schottischenRegiments."

Mit neuer Ehrfurcht betrachtete Miß Stuart dengroßen, schweigsamen Krieger, den Sohn eines Lords.

Es war ein herrlicher Tag; die Scenerie geistvoll,Sir Victor aber benahm sich einsilbig und zerstreut Undgab vor, etwas verstimmt zu sein.

Hell und laut scholl Edith's Lachen herüber.

Auf der andern Seite wenigstens scheint gute Launezu herrschen", bemerkte Lady Helena lächelnd,EdithDarrell ist wirklich ein reizendes Mädchen."

Beatrice warf einen Seitenblick auf den Baron.

Es ist eine bekannte Geschichte", sagte sie,daßRudolf und Edith nur glücklich sind, wenn beisammen.Ich glaube, mein Bruder wäre ohnehin nicht mit, wennEdith nicht dabei gewesen wäre."

Es ist also eine alte Neigung?" fragte Lady Helena.

Ja, sehr alt, und Edith wird für mich eine reizendeSchwägerin abgeben, glauben Sie nicht, Sir Victor?"

Er versucht zu lächeln und etwas Verbindliches zusagen, aber Beides mißlingt. Mürrisch sitzt er da undhorcht auf die lustigen Stimmen drüben, überzeugt, daßauch er Edith Darrell liebe.

Im Zwielicht erreichten sie Glengariff und fuhrenbeim Mondschein nach einer Insel. Ein glücklicher Zu-fall führt Edith an Sir Victors Seite, und HauptmannHammond huldigt Beatrice.

Die Eltern, für welche Mondlicht auf der Seelängst seinen Zauber verloren, Thau und Nacht aberihre Schrecken behalten haben, bleiben am Lande. Dieirischen Bootleute spannen die Segel.

Sir Victor hält sich dicht au Edith's Seite. Wieschön sie ist im Silberltcht des Mondes!

Komm' ich zu spät?" fragte er sich,liebt sieihren Vetter?^