« 70 .
1896 .
„Augsburgrr PostMung".
Dinstag, den 25. August
Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg .
Drucl und Berlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler ).
Ein furchtbares Geheimnis;.
Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary AgnesFlemming nacherzählt von LinaFreifrau v.Berlepsch.
(Fortsetzung.)
8. Kapitel.
In zwei Booten.
Früh am nächsten Morgen bestiegen unsere Touristenden Wagen; sie saßen wie Tags zuvor, Sir Victor nebenBeatrice, Rudolf neben Edith. Aber des Barons Düster-heit war vorüber, Hoffnung erfüllte sein Herz. Er warein bescheidener Mann; daß die arme Amerikanerin unterihm stand, bedachte er nicht; daß sein Rang, sein Reich-thum sie beeinflussen konnte, träumte er nicht.
Es war ein herrlicher, wolkenloser Tag voll frischerGebirgsluft und prächtiger Gegend. Wilde Thäler, be-mooste Felsen, donnernde Gießbäche, barfüßige Kinder,Menschen und Vieh unter einem Dach, Schmutz undArmuth, wie sie es nie erträumt hatten. Sie reisteneben in dem arm — gemachten Irland !
„Mein Gott, wie kann man so erbärmlich leben!"rief Edith.
„Deines Lebens Gespenst ist die Armuth", sagteRudolf; „ich wette, die Leute essen, trinken, lieben, hei-rathen und sind glücklicher wie wir."
„Welch' thörichte Rede! Heirathen und sind glück-lich! Sie heirathen wohl, und in der Ecke grunzt einSchwein, und jede Hütte wimmelt von Kindern — aberglücklich!"
„In Deinem Wörterbuch sind Armuth und Elendsynonym."
„Synonym? Kein menschliches Uebel kommt derArmuth gleich!" — Arme Edith! Wie bitter wirbst Duenttäuscht werden!
Spät Abends erreichten sie Killarney .
Ueber den herrlichen See strahlte der friedlicheMond. Der Scene Schönheit spottete aller Worte. Siestanden am Ufer und betrachteten schweigend die wunder-bare Gegend.
„Dort sind Boote", sprach Sir Victor endlich, „ichschlage eine Wasserfahrt vor."
„O ja, ja!" rief Trixy begeistert, „eine Fahrt aufdem Killarney -See. Edith, kannst Du's fassen?"
„Willst Du mit mir fahren", wandte Rudolf sichan seine Cousine, „oder gehst Du lieber mit den Andern?"
„Mein Gott, wie artig Du auf einmal wirst, wie
bedacht auf Anderer Gefühle; es ist wirklich eine ganzneue Seite Deines interessanten Charakters. Natürlichgehe ich mit Dir, Rudolf Stuart, fromm wie ein Lamm,ist ein beachtenswerther Gegenstand."
Er bot ihr lächelnd den Arm.
„So seien wir den letzten Abend vergnügt beisammen."
„Den letzten Abend? Was fällt Dir ein? WennDu auf Flucht sinnst, so sag's, Ungewißheit ist lästig."
Der Baron und Trixy hatten sich bereits vom Uferentfernt. Noch ein drittes Boot war abgestoßen, in ihmbefand sich ein junges Mädchen mit einer Guitarre, ihreliebliche Stimme scholl über die See und fand in denBergen hundertstimmiges Echo.
Edith blickte auf zum Sternenhimmel.
„O, welche Nacht! Wie schön ist die Welt, wieglücklich könnte man sein, wenn —"
„Man jährlich dreißigtausend Dollar Rente hätte!"
„Ja. Warum kann das Leben nicht so sein, warumkann man nicht Alles haben, was das Herz begehrt, undeinen Gefährten, den man recht gern hat."
„Den man recht gern hat? O, Edith, oft frageich mich, ob Du mich gern hast, ob Du überhaupt je-mand Andern, als Dich selbst lieben kannst?"
„Danke, natürlich liebe ich mich selbst am meisten,das gebe ich zu, hernach —"
„Nun, hernach?"
„Kommst Du. Sei ruhig, Rudolf, Du wirfst sonstdas Boot um. Warum sollte ich Dich nicht lieben?Bist Du nicht mein Vetter, verdanke ich Dir nicht all'mein Glück? O, ich segne jene Nacht im Schnee, siewar die glücklichste meines Lebens."
„Und die unseligste des meinen. Edith, verständigenwir uns, und wäre es selbst auf Kosten einer Trennung."
Sie erbleicht, wendet sich ab und blickt hinaus überdas schimmernde Wasser. Früher oder später hatte eskommen müssen, jetzt war es da.
Rudolf beugte sich auf die Ruder, sie schaukeltenleise dahin.
„Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß ich Dichliebe", fuhr er nach kurzer Pause fort, „Du weißt eszur Genüge, und ich hoffe, Du hast für mich ein antworten-des Gefühl. Set wahr gegen Dich selbst! Edith, willstDu mein Weib werden?"
Leidenschaft zittert in seinem Tone, aus seinenAugen, aber treu dem Grundsatz, keine Scene zu erregen,bleibt er bei den Rudern sitzen.