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war sie zu Trixy gegangen und hatte sie herzlich geküßt.— „Verzeih' mir, ich war gestern thöricht und gereizt,vielleicht auch ein wenig neidisch. Doch das ist vorbei,und ich wünsche Dir von ganzem Herzen Glück. Dubist das beste, liebste Mädchen und verdienst das Glück."
Ja, sie war das beste Mädchen, und wenn SirVictor sie ihr vorzog, was sollte sie ihr zürnen? Gegenden Baron aber fühlte sie grimmen Zorn. Wie wagteer's, sie zur Vertrauten zu machen? Ihr bedeutungs-volle Blicke zuzuwerfen, wenn er Trixy heirathen wollte?Wie hätte sie sich Blößen gegeben, wenn sie wenigerzurückhaltend sich benommen hätte?
Seitdem war sie ihm, wenn auch nicht auffällig,ausgewichen, und wenn er es fühlte, verrieth er es inkeiner Weise.
Er dachte, Miß Stuart habe über ihre Unterredungetwas verlauten lassen, und hielt Edtth's Benehmen fürmädchenhafte Scheu. Er liebte das und bemerkte auchmit Wohlgefallen, daß der traute Verkehr Edith's undNudolf's aufgehört hatte.
Kurz vor Mitternacht bestiegen sie den Zug in Holy-head. Fort ging's durch Wales , vorbei an Gebirgen,Stationen, zur Linken die endlose See, vorbei an Dör-fern, Ruinen, Schlössern und Hütten, bis sie um zweiUhr Morgens im Bahnhof von Ehester einfuhren.
Zwei Wagen erwarteten sie, und eine Stunde späterhatten sie Powys Place und das Ziel ihrer Reise erreicht.
„Willkommen in Powys Place", rief Lady Helena,„ich wünsche nur, daß es Ihnen hier ebenso gut gefallenmöge, wie mir in New-Aork."
Als am andern Morgen Miß Stuart auf fabelhafthohen Absätzen über den polirten Eichenboden eilte, glittsie aus und verletzte sich das Bein. Sir Victor warder Erste, der ihr zu Hülfe eilte, und trug sie in ihrZimmer, wo ihr Fuß sofort verbunden wurde. Bleichund müde kam Edith aus ihrem Zimmer. Auf derschlüpfrigen Passage erwartete sie Sir Victor.
„Ich verlegte Ihnen absichtlich den Weg", beganner lächelnd, „damit Ihnen nicht ein Unfall zustoße. Essoll hier sofort ein Teppich gelegt werden. Aber Siesind bleich, fühlen Sie sich krank?"
Sein Ton verrieth so viel liebende Angst, wie essich für einen Verlobten einer Andern nicht geziemt.
Edith war zu deprtmirt, um es zu beachten.
„Ich fühle mich ziemlich wohl, höchstens der Kopfist etwas eingenommen."
„Wollen Sie mit mir nicht etwas spazieren gehen?Der Park ist sehenswerth. Kommen Sie mit mir, MißDarrell, es wird Ihnen gut thun."
Sie zauderte, ging aber doch. Was lag daran, jetztkonnte Trixy nicht eifersüchtig sein, und sie bedurfte derBewegung in der freien Luft. Und so ging sie denschicksalsschweren Weg.
Es war ein Maitag, alles grünte und blühte, dieVögel sangen und die frische Luft hauchte Edith's Wangenrosig an.
„Hier gefällt mir Powys Place am besten", sprachSir Victor, „und wenn Sie mit mir die Anhöhe be-steigen, kann ich Ihnen Chateron Noyals zeigen."
Sie nahm feinen Arm und schritt die Anhöhe hinan.
„Welch' wunderschöner Platz", rief sie; „Ihr Eng-länder, deren Ahnen hier lebten und starben, müßt jedenStein, jeden Baum Eurer Besitzungen lieben. Wäre ichnicht eine Amerikanerin, so möchte ich eine Engländerin sein."
Er betrachtete sie voll Liebe und Bewunderung.
„Möchten Sie das?" rief er schnell, „würden SieAmerika aufgeben und Ihr ganzes Leben in England zu-bringen, könnten Sie sich dazu entschließen?"
„Das wäre kein großes Opfer."
Die letzte Schranke brach. Er hatte sich vorge-nommen, zuerst mit Lady Helena und Mrs. Stuart zusprechen, jetzt war alle Ueberlegung vorüber.
Er umfaßte ihre Hände und sprach sein ganzesHerz in jedem Wort.
„O, so theilen Sie meine Heimath, werden Siemein geliebtes WeibI Ich liebe Sie, liebte Sie vomersten Augenblicke, da ich Sie sah!"
„Arme Trixy!" war Edith's erster Gedanke, dannwar's ihr, als müsse sie laut auflachen, nicht vorTriumph oder Freude, sie fühlte Beides nicht, sondernüber das schreckliche Mißverständniß, das Triry ange-stellt hatte. Daß ein solches vorlag, war klar, sonsthätte doch Sir Victor nicht so gesprochen.
„Ich wollte erst mit Lady Helena und Mrs. Stuartreden", fuhr er fort, „aber ich kann nun nicht längermehr warten, muß von Ihnen mein Geschick erfahren.Ich liebe Sie, Sie sind die Erste, der meine Lippensolches gesagt, die Erste, für die ich Liebe gefühlt. Edith,darf ich hoffen?"
Sie schwieg.
Sie standen auf der Spitze des Hügels. Fernkonnte sie die Wipfel der Bäume, die Schornsteine einesgroßen Gebäudes sehen, zweifellos Chateron Noyals. Eskonnte ihre Heimath werden; der Baron stand neben ihr,bot ihr, der armen, niedern Edith Darrell, Rang undReichthum. All' die Träume ihres Lebens waren er-füllt, und doch fühlte sie weder Triumph noch Freudeund staunte schweigend über die eigene Apathie.
„O, sagen Sie nicht es sei zu spät, sagen Sienicht, daß schon Jemand ihr Herz gewonnen, ich ertragees nicht. Ihre Cousine versicherte mich, daß ich einegünstige Antwort erhalten würde. Während der Boot-fahrt zu Killarney sprach ich mit ihr, ich nannte zwarIhren Namen nicht, sie aber verstand mich sofort undmeinte, daß ich die Hoffnung hegen dürfte, daß-"
Leidenschaft, Liebe und Furcht erstickten seine Worte,er wandte sich.
„O, Trixy! Trixy!" dachte Edith, „welchen Unsinnhat das Kind angestellt!"
Sie zeichnete mit dem Sonnenschirm apathisch Figurenin den Sand. Wäre ihr Leben davon abgehangen, siehätte Sir Victor nicht antworten können. Allmählichmochte sie Freude empfinden, jetzt nicht.
Er wartete auf Antwort, sie kam nicht.
„Ich sehe wie es ist", sprach er traurig, „Sie liebenIhren Cousin und sind mit ihm verlobt. Ich fürchtetees lang."
Langsam hob sie das Auge zu ihm.
„Mit meinem Cousin? Sie irren, ich bin mit Nie-mand verlobt und liebe Niemand."
„Niemand? Auch mich nicht?"
„Auch Sie nicht, Sir Victor. Wie sollte ich? Ichträumte nie davon."
„Träumten nie davon? Mußten Sie nicht sehen,nicht wissen — —"
s f „Ich dachte, Sie interessirten sich für Trixy."
„Für Miß Stuart? Also hat sie Ihnen nichts ge-sagt von unserer Unterredung bei der Fahrt auf dem