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See zu Killarney ? Sie war mir eine gütige Freundin,eine sympathistrende Vertraute. Keine Schwester konnteaufmerksamer und aufmunternder sein, als sie."
„Arme Trixy, eine SchwesterI" dachte Edith, „welcheScene wird es geben, wenn Du das hörst l"
„Um Himmelswillen, sprechen Sie, Edith! OhneSie ist mein Leben elend, und warum soll ich nichthoffen, wenn Sie frei sind? Ich verlange nicht, daßSie mich jetzt lieben, ich will geduldig warten. MeineLiebe ist so groß, daß sie die Ihre erzwingen wird.Sagen Sie, daß Sie mein Weib werden wollen."
„Sir Victor, ich weiß nicht, was ich sagen soll, ichhabe ja weder Rang noch Reichthum."
„Aber Schönheit, Grazie, die Güte eines Engels,und ich liebe Sie."
„Lady Helena wird nicht einwilligen."
„Sie willigt in Alles, was mich glücklich macht,meines Lebens ganzes Wohl liegt in Ihrer Hand, undich kann, ich will Sie nicht verlieren."
„Geben Sie mir Bedenkzeit, Sir Victor, morgenfrüh sollen Sie Antwort haben, jetzt schwindelt mir derKopf von der unerwarteten Werbung. Ich bin stolzund dankbar ob der mir erwiesenen Ehre, aber ich ge-stehe offen, ich liebe Sie nicht."
„Aber, Sie lieben Niemand, sagen Sie mir dasnoch einmal?"
Sie erbleichte und blickte hinaus in die sonnigeLandschaft.
„Ich fürchte, ich bin ein herzloses, selbstsüchtigesWesen, das vielleicht nie Jemand wirklich lieben wird.Das müssen Sie wissen, wenn Sie um mich werben.Ihre Frau zu sein, wäre mir die höchste Ehre — dochbitte ich um Bedenkzeit bis morgen früh."
Er verbeugte sich und bot ihr den Arm.
Im Salon waren alle versammelt. Trixy lag bleichauf dem Sopha. Lady Helena saß neben ihr, Rudolfin einer Fensternische. Alle drei betrachteten die Kom-menden, Trixy mit Eifersucht. Wenn Sir Victor sieliebte, war sein Platz nicht an ihrer Seite?
„Ich reite nach Drexel Court", sprach der Baronnach einer Weile, „ich versprach Hampton —"
„Ja, Lady Arabella ist dort", unterbrach ihn LadyHelena lachend, „geh' und grüße sie, wir erwarten Dichaber zu Tische."
Victor erröthete wie ein Mädchen, ängstlich blickteer auf Edith, die sich in ein Album vertieft hatte.
„Wo warst Du und Sir Victor die ganze Zeit,Edith?" fragte Trixy, sobald sich Gelegenheit bot.
„Im Park."
„Wovon spracht Ihr?"
„Von allerlei Dingen, von der schönen Aussicht,dem Wetter und dergleichen, hätte ich Dein Interessegeahnt, so würde ich die Unterhaltung notirt haben."
„Spracht Ihr von mir?"
»Ja, Dein Name wurde erwähnt."
„Sagte er etwas von — von — Du weißt schonwas ich meine?"
„Er sagte kein Wort, daß er Dich lieben oder hei-rathen wolle, wenn Du das meinst. Aber beendige dasVerhör und laß mich die Bilder betrachten."
Zur Tischzeit kam Sir Victor, er sah bleich undangegriffen aus. Alle Fragen der Tante über die Fa-milie Drexel beantwortete er so kuiz wie möglich.
„Bist Du krank, Victor?" fragte die Tante ängstlich.
„Krank? Nein, sei unbesorgt, mir fehlt nichts."
„Aber Du bist bleich und schweigsam und issest nicht."
„Morgen will ich Dir alles sagen, verschone michbis dahin."
Sie ahnte nicht die Wahrheit und drang nichtweiter in ihn.
Edith war in heiterer Laune. An „morgen" wolltesie nicht denken. Heute war sie noch frei, morgen konntesie bereits gebunden sein, Fesseln, wenn auch goldne, tragen.
Sie spielte Schach mit Sir Victor, seine Hand bebte,die ihre war fest.
Hauptmann Hammond bat um ein schottisches Lied.
„Singe: „Und Karl ist mein Geliebter", sagte Trixyboshaft, „das ist ja doch Dein Lieblingslied."
Rudolf saß auf einem Sopha daneben.
»Ja, singe es, Dithy, Du hast es schon lange nichtmehr gesungen."
„Und ich werde es auch nie mehr singen", lachtesie, „man wird der alten Lieder so bald müde."
Sie sang es in neckischer Weise, und Sir Victortrank jeden Ton von ihren Lippen.
Nachdem sie sich in ihr Zimmer begeben, setzte sichEdith an's Fenster und sann und sann.
Sollte sie Sir Victor heirathen? Sie liebt ihnnicht, würde ihn vielleicht nie lieben. Ihr ganzes Herzgehört Rudolf. Wenn sie den Baron heirathete, besaßsie Reichthum und Rang, ein herrliches Leben, alle Freu-den des Daseins. Sie liebte Vergnügen, Luxus undRang. Liebe — nun, Sir Victor liebte sie, und füreine Frau ist es immer besser geliebt zu werden, als zulieben. Auf der andern Seite konnte sie Rudolfs Weibwerden, eine Zeit lang selig sein und dann arm — ihrganzes Leben lang. Sein Vater würde ihn verstoßen,er müßte arbeiten, und die alte Geschichte jvon Armuthund Entbehrung begänne von Neuem.
Schaudernd wandte sie sich von dem Bilde. Siewollte nicht ihr und Rudolfs Leben verderben, und wennauch ihr Herz bräche. An ihrem Verlobungstag abermußte sie Rudolf auf immer entsagen.
Ihr Wort mußte rein und unbefleckt erhalten bleiben,und Rudolf und sie durfte nicht mehr ein Haus beher-bergen. Sie suchte sich vorzustellen, was das Leben seinwürde ohne ihn. Es war ihr, als dächte sie keine Zeitwo er ihr nicht gehörte. Und jetzt sollte sie ihn aufimmer aufgeben!
Sie erhob sich und ging zur Ruhe, sie wollte nichtmehr denken, sondern schlafen, vergessen.
Als sie erwachte, vergoldete die Sonne ihr Zimmerund sie sprang klopfenden Herzens auf. Sir VictorChateron hatte um sie geworben, der Zweifel, das Zö-gern war vorüber.
Sie sang beim Ankleiden und begab sich dann inden Garten. Eine wohlbekannte Gestalt schritt dort rast-los auf und nieder. Ein Blick in des Mädchens lächelndesGesicht genügte.
„Ich komme um meine Antwort, Fräulein."
„Ich möchte Ihnen eine Freude machen, Sir Victor,was soll ich thun?"
„Mir Jawort geben,Edith, o — sagen Sie nicht nein."
Sie blickte ihn so frei und offen an, wie Mädchenin solchen Momenten wohl nie dem geliebten Manne indie Augen sehen, und legte die kleine Hand in die seine.
„Wenn Sie es so sehr wünschen, so geschehe Ihr Wille,ja, ich nehme Ihre Werbung an." (Fortsetzung folgt.)