Ausgabe 
(25.8.1896) 70
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Die künstliche Seide.

Von Dr. Julius Thilo (Mühlheim a. M.).

Ein großer Theil der technischen Bestrebungen istdarauf gerichtete, Produkte, die von der Natur geliefertwerden und die einen großen Masscnkonsum haben, ent-weder direkt der Natur nachzuahmen oder, wenn dasnicht geht, durch irgend ein anderes Kunstprodukt von an-nähernd gleichen Eigenschaften, wenn auch nicht gle cherZusammensetzung wie das Naturprodukt, zu ersetzen. Na-türlich haben solche Bestrebungen nur dann Zweck undErfolg, wenn es gelingt, das Kunstprodukt billiger zufabriziren, als das Naturei zeugniß sich stellt, und zwarmuß die Preisdifferenz um so wesentlicher sein, je mehrdas Erstere in seinen Eigenschaften gegen das Letztere abfällt.

Als ein industriell sehr bedeutsamer Versuch indieser Richtung ist die Industrie der künstlichen Seide

Verbindung der drei Elemente Wasserstoff, Stickstoff,Sauerstoff, die die Salpetersäure bilden, eine aus Stick-stoff und Sauerstoff bestehende Gruppe heraustritt undsich mit dem Glycerin verbindet. Diese Atomgruppe, dienicht blos dem Glycerin, sondern auch vielen anderenSubstanzen bei ihrem Eintritt in dieselben gefährlich ex-plosive Wirkungen ertheilt, heißt dieNitrogruppe "(van Nitron, der Salpeter), und die chemische Thätigkeitdes Einführens dieser Niliogruppe heißtNitriren ".

Der Holzstoff, die Cellulose, bietet nun für die Nitro-gruppe ein weites Operationsfeld. Die Cellulose kannstärker und schwächer nitrirt werden, je nachdem mehroder weniger Nitrogruppen in dieselbe eintreten. Von einergewissen Anzahl derselben an gewinnt nun die Celluloseexplosive Eigenschaften, und zwar von so starker Natur,daß die entstehenden Körper wahre Sprengstoffe sind; die

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GadUngen.

Original-Ausnahme von Gustav Baader, Photograph in Krumbach. sVervielsältigungsrecht vorbehalten.)

zu betrachten, die seit einiaen Jahren besteht und wie esscheint vom Erfolg begünstigt ist. Im Prinzip beruhtdie Herstellung der künstlichen Seide etwa in Folgendem:

Sie stellt sich nicht als eine Nachahmung der natür-lichen Seide dar, sondern als ein Ersatz derselben; ihrechemische Beschaffenleit ist eine ganz andere als die derNaturseide. Die Cellulose oder der Holzstoff spielteine sehr große Rolle im Haushalt der Natur und inder Technik; das Holz, die Baumwolle, das Papier be-stehen im Wesentlichen aus Cellulose. Nun hat dieCellulose die für die Verwendung äußerst wichtige Eigen-schaft, daß sienitrirt" werden kann.

Der Charakter desNitrirens" sei an einemBeispiel geschildert: Das Glycerin, diese harmlose,ölige Flüssigkeit, wird, wenn es mit Salpetersäure inWirkung tritt, zu dem Nitroglycerin, jenem bekanntenfurchtbaren Sprengstoff. Das geht so zu, daß aus der

Schießbaumwolle, die auch den Hauptbestandtheil desrauchlosen Pulvers bildet, ist eine nitricte Cellulose.

Die Nitrocellulose löst sich in einem Gemisch vonAlkohol und Aether leicht auf, eine Lösung, welche in derMedizin und Photographie viel unter dem NamenCol-lodium" verwendet wird.

Die künstliche Seide ist nun eine nitrirte Cellulose,der nachher, um die Explosivität herabzumindern, dergrößte Theil der eingetretenen Nitrogruppen wieder ent-zogen wird.

Der erste Erfinder der künstlichen Seide ist derFranzose Chardonnet , der zum ersten Mal auf derPariser Weltausstellung im Jahre 1889 sein Produkteinem größeren Kreise vorführte. Als Cellulose-Materialbenutzte man zuerst Baumwolle; später aber gereinigtenHolzstoff. Diese Cellulose wird affo mit einer Mischungvon Salpetersäure und Schwefelsäure (die Letztere dient