Ausgabe 
(29.8.1896) 72
Seite
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Willen. Gefällt «L Dir, so werde ich sie heirathen, aberden Hof werde ich ihr nicht Wachen und verlange eineWerbung durch Deputation. Mache Du der Dame diebetreffenden Vorschläge, mich kannst Du wie ein Lammleiten.«

Und würdest Du sie wirklich heirathen?« fragteBeatrice.

Warum denn nicht? Wenn ich überhaupt hei«rathen muß, kann es Lady Arabella so gut sein, wieeine Andere.«

Aber Du hast sie nie gesehen!«

Was liegt daran? Nach HammondS Beschreibenmuß sie ein prächtiges Wesen sein; er spricht von ihr,als bestände sie aus Metall und Edelstein. Sie hatgoldenes Haar, eine Alabasterstirne, Saphiraugen, Perlen«zähne und meinetwegen auch eine Rubinnase.«

Mit eigenthümlichem Lächeln trat der junge Mannan den Whisttisch.

Mit Edith zu reden, hatte er noch keine Gelegen«heit gefunden, sie vermied ihn absichtlich. HauptmannHammond posiirte sich an Trixy's Seite, und Papa Stüartsandte manch' väterlichen Blick der Anerkennung vomSpieltische hinüber auf das junge Paar.

Am Piano saß Edith und spielte träumerische Me-odien. Victor weilte in stillem Entzücken neben ihr.

Gegen elf Uhr erhob sich Lady Helena und begabsich in ihr Zimmer. Sie sah müde, und krank aus undihr Anblick weckte den Neffen aus seinem Glücksrausch.Er begleitete sie hinaus. MrS. Stuart folgte dem Beispiel.

Edith war allein am Klavier und betrachtete desDiamanten Blitzen.

Du warst den ganzen Abend in Anspruch genom-men«, sprach plötzlich eine bekannte Stimme neben ihr,daß ich noch nicht Gelegenheit fand. Dir zu nahen.Trixy sagte mir die Neuigkeit, erlaube mir, Edith, Dirvon Herzen Glück zu wünschen.«

Sein ganzes Wesen bekundete Wahrheit. Er sahihr mit brüderlicher Offenheit ins Auge.

Sie erröthete und zürnte.

ES ist unnöthig, Cousin, ich bin so glücklich, daßjch keiner weiter» Glückwünsche bedarf.«

ES ist aber hergebrachte Sitte, und so muß ich sieDir dennoch in aller Demuth darbringen. Jch gratulireSir Victor ob seines guten Geschmackes. Du bist eineBraut, auf die ein Baron stolz sein kann, und ich wünscheEuch Beiden Glück.«

War daö SarkasmuS oder nicht? Sie wußte esnicht. Sein ruhiges Antlitz bürgte für die Wahrheitseiner Worte und doch hatte er ihr erst kürzlich gesagt,daß er sie liebe.

Eben kehrte Sir Victor zurück. Er war heimlicheifersüchtig auf Rudolf; er ahnte, daß Edith die Liebe,die sie ihm selbst nicht geben konnte, längst ihm geschenkt.

Bin ich zu vorschnell, wenn ich gratulire, SirVictor", sprach Rudolf herzlich,wenn je, so möge michdie Thatsache entschuldigen, daß Edith mir wie eineSchwester ist. Herr Baron, Sie sind ein glücklicher, be«neidenswerther Mann.«

Sir Victors Miene klärte sich auf, und er botRudolf freundlich die Hand.

Edith wandte sich erbittert ab. Wie wagte er eS,sie mit seinem Lächeln, seinen Glückwünschen zu reizen,wenn er wußte, daß ihr ganzes Herz ihm gehörte? Vonnun an vermied sie Rudolf um so mehr und beschäftigte

sich so ausschließlich mit dem Bräutigam, daß dieserwonnetrunken war.

Nachdem Alle sich zurückgezogen, vermochte Sir Victorallein nicht zu ruhen. Er begab sich in den Garten undschritt im Halbdunkel auf und nieder.

ES war beinahe Mitternacht und noch waren derTante Fenster beleuchtet. WaS bedeutet das? WelchesGeheimniß bewahrte sie? War die schwarzgekleidete Damenoch bei ihr? WaS sollte er morgen hören?«

Noch um ein Uhr brannten die Lichter. Längerwollte er nicht warten. Er winkte Edith'S Fenstern einherzlichesGute Nacht« zu und begab sich zur Ruhe.

Und keine warnende Stimme sagte ihm, daß esfeines Lebens letzte wahrhaft glückliche Nacht sein solle.

14. Kapitel.

Morgen.

Trübe brach der Morgen an. Miß Darrell erschienwegen Kopfschmerzen nicht beim Frühstück, und in Ab-wesenheit seines Idols blickte Sir Victor traurig zumFenster hinaus, an dessen Scheiben der Regen schwerund langsam schlug.

ES war ihm eine Erleichterung, als er zu seinerTante berufen wurde.

Lady Helena war bleich, die Augen vom Weinengerröthet, aber aller Zorn, alle Erregung war aus ihrenZügen gewichen.

Guten Morgen, liebe Tante, Du hast doch nichtgeweint?«

Setze Dich, Victor; ja, ich habe geweint und habeauch guten Grund dazu. Ich sandte nach Dir, um DirAlles Mitzutheilen, was jetzt Dir zu sagen räthlich ist.Zunächst aber bitte ich Dich, es zu entschuldigen, wennich gestern über Deine Verlobung irgend etwas sagte,das Dich verletzt.«

Sprich nicht davon, liebe Tante, Du hattest einRecht zu widersprechen, wenn Du Gründe dafür zu habenglaubtest. Edith's Armuth und niedere Abkunft mußtennatürlich bet Dir ins Gewicht fallen. Mir selbst liegtdaran nichts, und ich weiß, daß Dir mein Glück teuerist. Ohne Edith wäre ich der Unglücklichste der Sterb-lichen, und darum hoffe ich, Du werdest sie als Tochterbegrüßen."

Gegen Miß Darrells Persönlichkeit habe ich nichtseinzuwenden; ihre Armuth und Abstammung sind Fehlerin meinen Augen, wenn sie es aber in den Deinen nichtsind, will ich sie nicht weiter betonen. Die Einwände,die ich gestern erhoben, hätte ich auch gemacht, wäreDeine Braut eine Herzogs-Tochter gewesen. Jch hattegehofft, Dn würdest noch lange nicht, vielleicht nie an'sHeirathen denken.«

Aber, Tante Helena«

Eine absurde Hoffnung, nicht wahr, aber ich warvon jeher feige und verschloß mein Auge der Wahrheit.Die Zeit ist gekommen, wo meine Liebe Dich nicht längerschützen kann, ehe Du jedoch heirathest, mußt Du vieleserfahren. Erinnerst Du Dich, daß ich gesagt, Du habestkein Recht auf den Titel, den Du trägst? Jch sprachdie Wahrheit, denn Dein Vater«

Sie rang nach Athem.

Mein Vater?«

Dein Vater lebt.«

Er war wie betäubt. Was sagte sie? Sein Vater