lebe, folglich war er nicht Sir Victor Chateron. Er er»hob sich halb.
„Mein Vater lebt? Mein Vater, den ich, seit ichdenken kann, todt geglaubt? Welch' ein Betrug liegthier vor?-
„ES liegt kein Betrug vor, und wenn Dir dieSache lange geheim gehalten wurde, geschah e8 nachDeines Vaters eigenem Willen. Er lebt, ist aber hoff-nungslos wahnsinnig. Die Gesundheit kehrte nach jenemfurchtbaren Ereigniß wieder, nicht aber die Vernunft.Wir brachten ihn fort, suchten die beste ärztliche Hilfe— umsonst. Jahre lang blieb er irrsinnig, aber voll-kommen gutartig. Er war unheilbar, wollte nie seinenTitel behaupten, seine Gesundheit aber ist gut, und erkann noch lange leben. Warum Dich also der Rechteentkleiden? Die Welt sagt Dir, er ist todt; Du er-wuchsest und nahmst seinen Platz ein, als deckte ihn dasGrab. Gesetzlich aber hast Du keinen Anspruch aufTitel und Erbe!«
Schweigend erwartete er das Weitere.
„In letzter Zeit zeigten sich in unbestimmten Perto-pen Spuren von Verstand. Bei solchen Gelegenheitensprach er von Dir und ich wünschte wiederholt, daß seinLeben verheimlicht und er für die Welt todt bliebe. Dubrauchst nicht zu erschrecken, Dein Vater wird nie seineRechte beanspruchen."
„Weiter", sprach er düster.
„Wenn Du in die Vergangenheit Dich zurückver-setzest, erinnerst Du Dich nicht einer schönen, jungenDame, die sich Nachts über Dich beugte, Dich DeineGebete sagen ließ, und Dich in Schlaf sang?"
„Ich erinnere mich."
„Weißt Du, wie sie aussah?"
„Sie hatte dunkle Augen und Haare; mehr weißich nicht."
„Weißt Du nicht wer es war?"
„Nein, wer war sie?"
„Die Dame, die Du gestern sahst."
„Und wer war diese?"
Lady Helena hielt einen Moment inne.
„Jnez Chateron", sprach sie dann.
„Was?" rief Sir Victor, „die Rivalin, die Rivalin,die Feindin meiner Mutter, die ihr Leben verbitterte, beiihrem Tode betheiligt war? Sie, die Du aus dem Ge-fängniß befreitest, und die doch direkt oder indirekt meinerarmen Mutter Tod verschuldete?"
„Wie wagst Du, so zu sprechen, Victor! Ich sageDir, Jnez Chateron ist eine Mürtyrin, keine Mörderin.Sie hatte ein Recht, Deiner Mutter Rivalin zu sein,denn sie war Deines Vaters Verlobte, lang, bevor erMeta Dobb gesehen. Daß sie aber Deiner Mutter Ri-valin war, war ihr einziger Fehler, und ihr ganzesLeben hindurch sühnte sie ihn. War es nicht genug, daßsie ob eines Anderen Blutthat mit lebenslänglicher Schandegebrandmarkt, auf ewig von HanZ und Familie verbanntworden?"
„Wenn sie nicht schuldig war, so war es ihr Bruder,und sie sollte eS beweisen", bemerkte Sir Victor kalt.
„Wer bist Du, daß Du richten willst? Den Mör-der kennt der Himmel und rechnet mit ihm. BeschuldigeNiemand, weder Juan noch dessen Schwester, alles mensch-liche Urtheil ist trügerisch. An Deiner Mutter Tod istJnez schuldlos, und durch ihn wurde ihr ganzes Lebengeknickt. Sie weihte ihr Dasein Deinem Vater, war all'
die Jahre hindurch seine Wärterin und Gesellschafterin»war ihm mehr als Mutter und Schwester. Ich hatt»ihn lieb, hätte aber nie geleistet was sie gethan. Er be-handelte sie grausam, ihre Rache war lebenslängliche Auf-opferung. Sie hat ihn all' die Jahre nicht verlassen,und wird bei ihm bleiben, bis er stirbt. Glaubst Dumir?" fragte sie gebieterisch.
„Ich glaube Alles, was Du gesagt", entgegnete ertraurig, „kann ich Miß Chateron sehen, um ihr zu danken."
„Ja, Du sollst sie sehen; warte hier, ich schicke sieDir. Sie verdient Deinen Dank, obgleich jeder Dankzu schwach ist für Jahre langes Martyrerthum."
Lady Helena verließ ihn, er blickte hinaus zu denschwankenden Bäumen. Wachte oder träumte er? SeinVater am Leben. Wie vernichtet saß er da.
„Victor!"
Er hatte die Thüre nicht öffnen, die Cousine nichtkommen hören. Sie stand neben ihm. .
Ganz in Schwarz gehüllt, ein bleiches Antlitz, große,traurige Augen, einst von Gluth und Stolz, sahen aufihn mit starrem, trauerigen Blick; die Lippen, einst inherber Verachtung aufgeworfen, hatte jahrelanger hoff-nungsloser Schmerz gemildert.
(Fortsetzung folgt.)
Allerlei.
Don Friedrich dem Großen wird in der Neu-mark erzählt, er habe häufig, in einen alten Soldaten-mantel gehüllt, die Wirthshäuser besucht, um daS Treibenseiner Soldaten zu beobachten. So traf er, wie der„Bär " erzählt, auch einmal einen Soldaten an, der weid-lich zechte und ihn zum Mittrinken aufforderte. Nacheinigem Sträuben willigte der alte Fritz ein und fragteihn zugleich, wo er denn das Geld zu solcher Zeche her-nehme, denn der Sold reiche dann doch nicht hin. „Ja",meinte der Soldat, „das ist eben der preußische Pfiff!"„Was ist das, der preußische Pfiff?" entgegnete derKönig. „Das kann ich Dir nicht sagen, Du könntest michverrathen." Diese Antwort machte den alten Fritz ge-waltig neugierig, und er drang in den Soldaten, bisdieser ihm das Geheimniß bekannte. „So höre denn",begann er, „ich verkaufe Alles, was zu verkaufen ist; esist ja eben Frieden — was brauche ich z. B. eine stählerneSäbelklinge, die ist verkauft, siehst Du?" damit zog erden Griff seines Säbels heraus und zeigte dem Königeine hölzerne Klinge. Dieser that befriedigt und gingweiter. Er hatte sich aber den Soldaten wohl gemerkt,und nach einiger Zeit kam der Befehl, das und das Re-giment solle vor dem König zur Parade antreten. DerKönig erscheint, reitet einige Male auf und ab, und alser den Soldaten auf Grund seines vorzüglichen Ge-dächtnisses hatte, befahl er ihm und seinem Nebenmannhervorzutreten. Darauf sagte er zu dem Kameraden mitdem preußischen Pfiff: „Ziehe Deinen Säbel und haueDeinem Nebenmann auf den Kopf!" Der Soldat er-schrickt, faßt sich aber schnell und erwidert: „Ach. Majestät,warum sollte ich das wohl thun? Mein Kamerad Ne-benmann hat mir ja nichts zu Leide gethan!" „Zieh",ruft der König, „sonst soll Dir Dein Nebenmann denKopf abschlagen!" Da bleibt dem Manne mit dempreußischen Pfiff nichts übrig, er legt die Hand an denGriff, blickt zum Himmel und ruft: „Nun denn, wenn es