Ausgabe 
(1.9.1896) 73
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1896

Augsburger Pojhritung".

Dinstag, den 1. September

Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabberr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Mar Huttlerl.

Ein furchtbares Geheimniß.

Dem amerikanischen Originale der Mrs. Mary AgnesFlemming nacherzählt von LinaFieifrau v.Berlepsch.

(Fortsetzung.)

Und so sah Sir Victor Chateron nach mehr alsdreiundzwanzig Jahren das Wesen, das seines VatersUntreue elend gemacht.

Victor!"

Scheu bot sie ihm die Hand. Der Bann des Mor-des hatte immer auf ihr gelastet. Wer wußte, ob ernicht im innersten Herzen sie desselben zieh?

Miß Chateron", sprach er herzlich und ergriff ihreHand,ich habe eben erfahren, daß mein Vater lebt,daß Sie Ihr ganzes Leben ihm geweiht; er hat es nichtum Sie verdient, lassen Sie seinen Sohn Ihnen vonganzer Seele danken."

Ich bedarf keines Dankes", entgegnete sie weich,aber nenne mich nicht Miß Chateron, Victor, sondernCousine Jncz". Seit dretundzwanzig Jahren habe ichdiesen Namen nicht gehört und Du glaubst nicht, wieseltsam es klingt."

Sie tragen also nicht Ihren Namen?" fragte erüberrascht.Doch hätte ich's ja wissen können, weil Sie - "

Unter dem Banne des Mordes liegen", ergänztesie mit leichtem Schauer.Als ich das Gefängniß ver-ließ und mich nach London begab, nannte ich mich MißBlack und lebte in ärmlicher Wohnung in einem derüberfüllten Stadttheile. Des Scheines halber nahm ichNäharbeit an. In all' den Jahren war das die trost-loseste, elendeste Zeit. Dort verlebte ich vier Monate.Inzwischen war Dein Vater wieder gesund geworden,aber die Furcht, daß sein Verstand zerrüttet, hatte sichbestätigt. Lady Helena wußte nicht, was sie mit ihmanfangen sollte. Wohl gab es Privatirrcnanstalten, aberder Gedanke schien ihr unerträglich. Der Kranke warvöllig irre, aber harmlos und ich beschloß, was jetztmeines Lebens Zweck ist. Lady Helena miethete ein ent-legenes Haus in der Vorstadt St. John auf vieleJahre für Mr. und Mrs. Victor. Dorthin brachten wirDeinen Vater, und seit seinem Eintritt hat er die Schwellenicht wieder überschritten. Mrs. Marsh, die alte Haus-hälterin von Chateron Royals, und Mr. Hooper kamenzu uns und sind noch bei uns, obgleich Beide jetzt altund schwach geworden. Vom Anfange an, in den Tagenmeines jugendlichen Glückes, gehörte mein Leben ihm,

ihm soll es gehöen, bis er stirbt, und ich war in denletzten Jahren nicht einmal unglücklich."

Voll Mitleid und Bewunderung lauschte der jungeMann ihren Worten. Nicht unglücklich I Gcbrandmarkt,verbannt, alleinige Gesellschafterin eines Irren! KeinWunder, daß sie mit vierzig Jahren ergraut ist, daß jedeSpur von Farbe aus ihrem Gesichte verschwunden war.Vielleicht verrieth sein Blick ihr seine Gedanken.

Nein, Victor, ich bin nicht unglücklich", lächelte sie,Dein Vater ging mir von jeher über die ganze Welt,und so ist es noch. Er ist nur noch die Ruine vondem Victor, den ich geliebt, und doch bin ich lieber beiihm, als sonst wo. Und ich war nicht ganz verlassen.Tante Helena kam oft und brachte Dich mit. Mir ist's,als hätte ich Dich erst gestern auf meinen Armen einge-schläfert und jetzt jetzt sagte man mir, Du wollestheirathen."

Er erröthete.

Ich wollte es, aber ich wußte nicht, daß meinVater lebt, daß Titel und Erbe sein sind. Was wirdEdith sagen?"

Liebt Dich Miß Darrell?" fragte Jnez ernst,obDu sie liebst, brauche ich kaum zu fragen?"

Ich liebe sie so sehr, daß, wenn ich sie verliere"er wandte sich ab,o, daß ich die Sachlage vom An-fange gewußt hätte. Wer weiß wie Alles jetzt endet?"

Glaubst Du, Du müßtest mit Titel und Erbe auchMiß Darrell verlieren?"

Das nicht; Edith ist edel und wahr, aber es ist,als hätte man sie getäuscht, und Verlust von Titel undErbe ist auch schließlich keinem Weibe gletchgiltig."

Einem liebenden Weibe wohl."

Sie wird mich lieben, sie hat es mir versprochen,und Edith hält Wort."

Also hat sie Dir gestanden, daß sie Dich nichtliebt? Vergib mir, Victor, aber Dein Glück liegt miram Herzen."

Sie gestand es mir mit edlem Freimuthe, aber Liebe,wie ich sie fühle, erzwingt Gegenliebe."

Nicht immer, Victor, wie glücklich wäre ich sonstgewesen. Liebt sie keinen Andern?"

Nein", entgegnete er, im tiefsten Herzen aber regtesich Eifersucht auf Rudolf Stuart.

Wenn Edith Darrell ist, wie Du sie beschreibst,wird kein Verlust von Titel und Erbe sie Dir untreu