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machen. Uebrigens verlierst Du Beides nicht und brauchstihr nicht einmal davon zu sagen."
„Ich will vor meiner Verlobten keine Geheimnissehaben. Edith muß Alles wissen, bei ihr wird das Ge-heimniß so sicher sein als bei mir."
„Gut", sprach Jnez ruhig, „Du weißt, was ge-schieht, wenn zufällig entdeckt wird, daß Mrs. Victor undJnez Chateron ein und dieselbe Person sind. Doch thuewie Du willst. Dein Vater ist Dir und der Welt sotodt, als lege er in der Gruft neben Deiner Mutter."
„Meine arme, ermordete, ungerächte Mutter! Siesind edel und muthig, Cousine, war eS recht, IhremBruder zur Flucht zu verhelfen? Recht, den Mörderunbestraft zu lassen, auf daß Ehre und Name der Cha-teron unbefleckt bleibe?"
Was malte sich in ihren Zügen? Unendliches Mit-leid, unendliches Weh.
„Mein Bruder," flüsterte sie, wie zu sich selbst,„der arme Juan war von jeher derSündenbock der Fa-milie. Ja, Victor, es war ein grausamer Mord", fuhrsie nach kurzer Pause mit erhobener Stimme fort, „unddoch glaube ich, daß wir Recht thaten, den Mörderzu schützen. Lass' das in der Hand des Allmächtigen."
„Ich werde mit Ihnen nach London zurückkehrenund meinen Vater besuchen."
„Nein, das ist unmöglich. Es ist Deines Vaterseigener Wunsch, daß Du nicht zu ihm kommst."
„Meines Vaters Wunsch? Aber — —"
„Er kann keinen solchen aussprechen, willst Dusagen? In den letzten Jahren hat er lichte Periodenzu eigener Qual."
„Glauben Sie also, es sei besser für ihn, irre zu sein?"
„Viel, viel besser. Er denkt und leidet dann nicht.Erinnerung ist ihm Qual. Mit dem Gedächtniß kehrtstets die Angst und Verzweiflung jener entsetzlichen Zeitzurück. Hättest Du ihn gesehen wie ich, Du würdestmit mir wünschen, daß sein Verstand auf ewig um-nachtet bliebe."
„Das ist schrecklich."
„Wenn er bei sich ist, spricht er von Dir, und beisolcher Gelegenheit befahl er, daß Du ihn nicht besuchensollst, bis —"
Sie schwieg.
„Bis?"
„Bis er auf dem Todtenbette liege. Der Tag kommtbald, Victor. Die kurzen Vernunftzwischenräume ver-kürzen sein Leben, denn ich kann Dir nicht sagen, waser in denselben leidet. Auf dem Todtenbette sollst Duihn sehen und die Geschichte von Deiner Mutter Morderfahren. Ich kehre mit dem Mittagszug zurück, vorerstaber möchte ich Deine Braut sehen. Ich bleibe hier amFenster, gedeckt vom Vorhang, kannst Du sie nicht unterirgend einem Vorwand hierher führen, auf daß ich siesehe und selbst urtheile?"
„Ich will es versuchen. Darf ich ihr sagen, daßmein Vater lebt? Mehr braucht sie nicht zu wissen."
„Meinetwegen; wenn ich sie gesehen habe, sollst DuDich erst von mir verabschieden."
„Ich darf Sie zum Bahnhof begleiten, nicht wahr,Cousine Jnez? Edith soll hier vorüberkommen, wenn sieüberhaupt fähig ist, das Haus zu verlassen. Sie erschienKopfschmerzen halber, nicht beim Frühstück."
Sir Victor begab sich in den Salon, Edith warnicht in demselben.
„Sie geistert irgendwo im Regen umher", sagteTrtxy, „wahrscheinlich sind nasse Füße ein Hauptmittelgegen Kopfleiden."
Er eilte hinaus und sah bald zwischen den BäumenEdith's rothes Kleid. Ohne Regenschirm wandelte siebleich im Regen umher.
„Edith, Sie werden sich erkälten."
„Ich erkälte mich nicht. Schon als Kind lief ichgern im Regen umher, und die kühle Luft soll meinenKopfschmerz lindern!"
Er führte sie langsam in der Richtung des Fensters,wo die Beobachterin stand.
„Ich habe Ihnen etwas zu sagen, Edith, das icheben erfuhr, das ich keine schlimme Kunde nennen darfund die mich doch beinahe niederschmetterte. MeinVater lebt."
„Sir Victor!"
„Lebt, Edith, ist aber hoffnungslos irrsinnig. Heuteerst sagte mir's die Tante."
Sie war stumm vor Staunen.
Sein Vater am Leben, Wahnsinn in der Familie.Das mochte schwerlich Jemand gute Kunde nennen.
Sie waren unter dem Fenster.
Er blickte hinauf und bemerkte ein bleiches Antlitz.
„Wenn Ihr Vater lebt, sind Sie nicht Sir Victor",lauteten Edith's erste kaltgesprochene Worte.
Des jungen Mannes Herz krampfte sich zusammen.
„Er wird in meine Rechte nie eingreifen, in Wirklich-keit lebend, ist er der Welt todt. Edith, würde es beiIhnen einen Unterschied machen, wenn ich Rang undBesitz verlöre, würde ich dann auch Sie verlieren?"
Der flehende, liebevolle Blick hätte sie rühren sollen,ihr aber war's, als hätte sie einen Stein im Busen.
„Ich bin kein sentimentales Mädchen, sondern viel-leicht nur zu weltlich. Ja, ich gestehe, daß es einenUnterschied bedingen würde. Ich gestand Ihnen offen,daß ich Sie nicht liebe, und sage Ihnen ebenso offen,wenn Sie nicht Sir Victor wären, heirathete ich Sienicht. Es ist viel besser, wenn ich ehrlich bin und Sienicht betrüge. Sie sind tausend Mal zu gut für mich,und wenn Sie sich von mir trennen, thun Sie ganz recht.Ich werde mein Wort nicht zurückziehen, aber ich willoffen reden. Wenn Sie fühlen, daß Sie mich nicht hei-rathen können, so sprechen Sie jetzt."
Er hörte sie bleich an.
„Edith, um Himmelswillen, wollen Sie mich auf-geben ?"
„Nein; ich versprach, Sie zu heirathen, und werdeWort halten; wenn Sie aber aufopfernde Liebe von mirerwarten, sage ich offen, daß ich keine zu geben habe.Wollen Sie mich dennoch, so werde ich Ihnen ein treuesWeib sein, und mit der Zeit wohl auch ein liebendes."
Sie sprachen nicht weiter darüber; er führte sie insHaus und begab sich zu Miß Chateron.
„Sahen Sie sie?"
„Ja, es ist ein schönes, stolzes, edles Gesicht, aber—"
„Weiter, schonen Sie mich nicht."
„Ich mag mich irren, aber etwas in ihren Zügenscheint mir zu sagen, daß sie Dich nicht liebt und nielieben wird."
„Das wird kommen; mit oder ohne Liebe will siemein Weib werden, und das ist Glück genug für dieGegenwart."
„Sagtest Du ihr Alles?"