555
»Ich sagte ihr, daß mein Vater lebt und irrsinnigist, weiter nichts. Es soll das unsere Pläne nicht än-dern, wir heirathen am ersten September."
Lady Helena trat hastig ein.
„Der Wagen wartet, Jnez, wenn Du den Zug nichtversäumen willst, mußt Du sofort gehen. Soll ich Dichbegleiten?"
„Nein, Tante", sprach Sir Victor, „ich begleite sie,kehre Du zu den Gästen zurück, sie fühlen sich sonst ver-nachlässigt."
Wenige Minuten später führte der Baron eine tief-verschleierte Dame an den Wagen und stieg mit ihr ein.
Als sie an dem Salonfenster vorbeifuhren, rief Trixy:
„Wer ist die schwarze Dame, mit der Sir Victorfortfährt? Du mußt das doch wissen, Edith?"
„Ich weiß es nicht."
„Hat er Dir's nicht gesagt?"
^ „Ich habe ihn nicht gefragt."
„Nun, ich hoffe, daß mein Bräutigam einmal keineGeheimnisse vor mir haben wird. Wenn er nun durch-ginge? Siehst Da, wie schnellder Wagen fährt?"
Edith rührte sich nicht.
Jnez erreichte mit Mühe denZug. Als er vorübersauste, winktesie Sir Victor ein letztes Lebe-wohl. Wie träumend bestiegdieser den Wagen wieder undfuhr nach Hause.
15. Kapitel.
Lady Helena's Ball.
Am fünften Juni sollte aufPowyS Place ein großes Dinermit darauffolgendem Ball statt-finden.
Zahllose Gäste strömten in diestrahlenden Säle, um Sir VictorsBraut zu sehen. Die Verlobungwar öffentlich angekündigt wor-den und bildete das Lieblings-gespräch der Gegend. Sir Victortrat in des Vaters Fußstapfen undbrachte ein bürgerliches Mädchenals Gebieterin nach Chateron Royals. Das Blut der Dobbmachte sich geltend. Eine arme Verwandte reicher Bürgers-leute aus Amerika ! Die töchtergesegneten adeligenFamilien schüttelten das Haupt. Es war traurig, einaltes Geschlecht so entarten zu sehen. Aber in dem Bluteder Chaterons lag die Anlage zum Wahnsinn, und daserklärte viel. Arme Lady Helena!
Alle Familien der Gegend aber kamen dennoch zumFeste. Sir Victor war immerhin der reichste Baron derGrafschaft und seine Gemahlin eine nicht zu verachtendeBekanntschaft. Zudem trieb sie die Neugier, das ameri-kanische Mädchen zu sehen, das Sir Victor wie im Sturmerobert hatte.
Selbst Trixy war nervös, wenn auch nur wenig,denn Selbstbeherrschung ist der Amerikanerin erste Tugend.
Lady Helena war ganz bleich. Wohl war Edithschön und gut erzogen, stolz wie eine Fürstin; wie aberwürde sie sich benehmen unter allen mitleidlosen Blicken,die jede Bewegung bewachten, den herzlosen Zungen, diesofort einen Feldzug gegen sie eröffnen würden?
„Fühlst Du Dich nicht aufgeregt, Dtthy?" fraateTrixy, „fürchtest Du Dich nicht?"
Edith hob verächtlich das dunkle Auge.
„Ich sollte mich vor den Leuten fürchten, die heutekommen? Warum nicht gar. Ich weiß so gut wie Du,daß sie kommen, Sir Victors Wahl zu kritistren, ihn zubedauern, mich eine Abenteurerin zu nennen, weiß auch,daß jede der Damen ihn selbst gern geheirathet hätte,daß ich seinen Geschmack und meinen eigenen Werth zuverfechten habe. Ich hoffe jedoch zu bestehen und selbstden Vergleich mit den Grafentöchtern bei Licht auszuhalten."
„Bei Licht, das ist's ja, gerade bei Licht seid ihrBrünetten immer schöner. Möchte wissen, was Lady Ara-bella Drexel heute tragen wird, ich möcht' gern die schönst-gekleidete Dame sein. Weißt Du, daß Rudolf von LadyArabella gefesselt ist? Neulich war er ja nach DrexelCourt gebeten. Papa sähe es gern, und es klänge wirk-lich gut in New-Iork zu sagen: „meine Schwägerin LadyArabella Stuart ". Ich hielte es für eine sehr passendePartie für Rudolf."
„Wahrhaftig, eine sehr pas-sende Partie! Sie ist zehn Jahreälter als er, was aber machteine solche Kleinigkeit, wo treueLiebe besteht? Er hat Geld, sieRang, er ist hübsch und reich,sie hochgeboren und trägt einenschönen Namen. Wie gesagt, eineschöne, passende Partie!"
Wieder beugte sich Edith überihr Buch, ihre Stirn aber wurdefinster, der Inhalt mochte ihrmißfallen.
„Lies doch nicht den ganzenTag", rief Trixy ungeduldig, „esist die höchste Zeit Dich anzu-kleiden. Was trägst Du?"
„Ich weiß es noch nicht; imGrunde ist es einerlei, ich will inAllem gut aussehen."
Als die Wagen vorführen, tratEdith kampfgerüstet aus ihremZimmer. Sir Victor erwartetesie am Fuße der Treppe.
„Gefalle ich Ihnen, Sir Victor?"
Er sah sie an wie geblendet. Weiße und rosaWolken schienen sie zu umhüllen; er wußte nur, daßzwei braune Augen ihm entgegenlachten.
„Glauben Sie, daß Sie sich meiner nicht zu schämenbrauchen?" fragte sie.
„Schämen?"
Er lachte darüber und führte sie stolz in dievollen Säle.
„Ich will in Allem gut aussehen", hatte sie gesagtund Wort gehalten.
Sie trug ein weißes Tüllkleid und Rosen, um denHals schlang sich eine goldene Kette mit dem diamanten-umstrahlten Bilde Sir Victors. An ihrem Finger blitzteder Verlobungsring. So schien sie wie von Wolken um-hüllt, und ihr dunkles Auge übertraf der Diamanten Ge-funkel. Lady Helena athmete bei ihrem Anblick erleichtertauf. Beatrice seufzte.
„Trüge man auch den Cohinoor, sie würden Einenüberstrahlen", dachte sie, und den Hauplmann Hammond
Alüert Memann.