Ausgabe 
(1.9.1896) 73
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mit dem Fächer berührend, fragte sie lustig:Finden Sienicht auch, daß Edith Darrell das schönste, elegantesteMädchen im Saale ist?"

Mit einer einzigen Ausnahme, Fräulein."

Rudolf war zweifelsohne der hübscheste Mann. Ersah seine Cousine am Arme des Bräutigams und wandtesich zu einer großen, ziemlich verblühten Dame, die ihneben gefragt, ob alle Amerikanerinnen schön seien.

Ich dachte es, bevor ich Englands Töchter gesehen",entgegnete er, sich verbeugend.

O, der Falschheit der Gesellschaft! Eben dachte er,wie bleich und welk Lady Arabella in der grünen Atlas-robe sich ausnahm, und was sein Leben wäre, fügte ersich des Vaters Wunsch.

Die Dame selbst aber, die dreißig Sommer gesehenund fünf jüngere Schwestern hatte, war liebenswürdiggenug gegen den jungen Amerikaner.

Edith Darrell ist gefährlich schön; Sir Victor kenntnur eine Dame im Saale, sein Idol, sein Stolz, seinesLebens Wonne.

Ich bin stolz auf Sie, Edith, Sie übertreffen sichselbst", flüsterte ihr Lady Helena zu, und mit Thränenin den Augen küßte Edith ihr die Hand.

Nur einmal tanzt sie mit Rudolf und weiß nicht,schwebt sie auf der Erde oder in der Luft; ihr ist's alssei sie im Himmel. Ob sie wohl je wieder mit ihmtanzt? Im innersten Herzen fühlt sie, daß sie sich gegenden Verlobten versündige, und doch wünscht sie, derWalzer würde ewig dauern.

War das nicht ein reizender Walzer, Rudolf?Niemand findet sich gleich Dir in meinen Schritt."

Hoffentlich lernt es Sir Victor", entgegnete er kalt.

Der Junimorgen dämmerte bereits, als Lady Helena'sfünfhundert theure Freunde sich zum Aufbruch rüsteten.

16. Kapitel.

Der Cousin.

Matt und müde kamen die Damen im Laufe desTages aus ihren Gemächern.

Ich gehe nach Chateron Royals", sagte Sir Victornach dem Frühstück zu Edith,wollen Sie mich nichtbegleiten, die frische Luft wird Ihnen gut thun?"

Bitte, lassen Sie mich hier liegen, ich bin so müde,so müde."

Enttäuscht wandte er sich ab.

Edith schloß die Augen und legte sich bequemer hin.

Als er fort war, warf Trixy das Buch weg undrief:O Du herzloses, kaltblütiges Geschöpf!"

Was gibt's? welch' neues Verbrechen habe ichbegangen?"

Nichts Neues, 's ist Altes nur im Einklang.Völliger Egoismus ist Dein Normalzustand. Armer SirVictor, der Dich errungen, armer Rudolf, der Dich ver-loren! ich weiß nicht, wen ich mehr bedaure."

Du brauchst Dein kostbares Mitleid an Keinen zuverschwenden", entgegnete sie ruhig.Ich werde SirVictor ein gutes Weib sein, und Rudolf mag sich mitLady Arabella trösten."

Edith, hast Du ein Herz? wie kannst Du Dichso verkaufen? Sir Victor ist Dir vollkommen gleich-gültig und Du heirathest ihn, meinen Bruder liebst Duund überlässest ihn der Lady Arabella."

Es ist etwas zu spät für solch' zarte Geständnisse;

wenn es Dir aber besonders lieb ist es zu wissen, Trixyso gestehe ich Dir, daß ich Rudolf liebe."

Und gibst ihn auf? Wahrhaftig, Du bist ein un-lösbares Räthsel. Rang und Titel sind sehr schön, wennich aber einen Mann liebte, würde ich ihn heirathen,und wäre er ein Bettler."

Ich glaube Dir, Trixy, aber Du bist eben andersals ich. Ich liebe Rudolf, mich selbst noch mehr. Aberlassen wir das, mein Kopf schmerzt und ich bin müde.Du hast Recht, mich ein herzloses egoistisches Geschöpfzu nennen. Ich werde Sir Victor heirathen und Dumagst ihn bedauern, denn er ist ein edler Mann undliebt mich von ganzem Herzen. Dein Bruder aber be-darf Deines Mitleids nicht. Er ist ein guter Menschund hat mich geliebt, aber er altertrt sich nicht ob meinesVerlustes, solange er eine Cigarre hat."

Er kommt, am Ende hat er uns gehört."

Meinetwegen, es wird ihm nichts Neues sein."

Wie schade, daß Ihr Euch nicht vcrheirathet, be-züglich Eures Egoismus seid Ihr wahrlich für einandergeschaffen", rief Trixy ärgerlich und verließ das Zimmer.

Rudolf warf sich in ein Fauteuil.

Hast Du gehorcht, Rudolf?"

Gehorcht? Ich ging unter dem Fenster auf undnieder und hörte Euch. Offene Geständnisse sind gut,aber, Cousine, Du sollst sie nicht unumwunden machen.Sir Victor hätte es statt meiner hören können."

Sie schwieg.

Armer Sir Victor!" fuhr er fort,er liebt Dichohne Zweifel abgöttisch, was aber würde er sagen, wenner das hörte?"

Sag' ihm's meinetwegen, mir ist's einerlei; sag'ihm, ich sei weder seiner noch irgend einen gutes Manneswerth, ich sei blasiert mit neunzehn Jahren, was werdeich mit neunundzwanzig sein! Sag' ihm, daß ich ihnnicht liebe, nie lieben werde, weil ich nur ein halbesHerz besitze und die Hälfte einem Andern gehört. Ichglaube, er gebe mich auf und ich achtete ihn darob. HastDu den Muth hierzu, so kannst Du dann mich veran-lassen, Dich zu heirathen. Du kannst es, und wenn derHonigmonat vorüber ist und die Armuth zur Thür hinein-kriecht, werden wir uns hassen und uns mit dem Ge-danken trösten, daß wir alles aus Liebe gethan." Sielachte.Heute bin ich zu Allem fähig; was sind Liebe,Rang und Reichthum, gesehen durch katzenjämmerlicheBrillen?"

Ich verstehe Dich nicht und muß mit Trixy fragen,warum heirathest Du Sir Victor?"

Vielleicht ob des Triumphes, einen Preis zu er-ringen, um den hundert Andere sich vergeblich bemüht;vielleicht weil er mich liebt, wie kein Sterblicher mich jelieben wird; hauptsächlich aber, weil er Sir Victor Cha-teron von Chateron Royals mit zwanzigtausend PfundRenten ist. Da hast Du die nackte Wahrheit. Ich habeihn lieb, aber ich liebe ihn nicht, demungeachtet aberwill ich ihm ein gutes Weib sein und einige Tage vorder Hochzeit wollen wir uns die Hand reichen und unsnicht wiedersehen."

Nicht wiedersehen?"

Wenigstens nicht, bis wir der Thorheit der Ver-gangenheit lächelnd gedenken können, oder bis eine Mrs.Stuart, vielmehr eine Lady Arabella Stuart existirt,dann aber haben mein Bild und meine Briefe für Dich