Ausgabe 
(8.9.1896) 75
Seite
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Worte, welche sie nicht auszusprechen wagte. Gerührtschlang Edith die Arme um der Tante Hals und legteihr Antlitz einen Moment an die mütterliche Brust.

Ich werde mich bemühen, ihm ein gutes, treuesWeib zu sein", flüsterte sie.

Edith war allein, lag wie gewöhnlich hoch in denKissen, die Arme um den Kopf geschlungen, das dunkleAuge auf das Feuer gerichtet. So betrachtete sie denzitternden Feuerschein an der Wand, das bleiche Mond-licht, das durch die Gardinen sich hereinstahl, lauschtedem Aechzen des Windes, dem Ticken der Uhr.

Neun, zehn, elf Uhr; eine Stunde nach der andernverrann, und immer noch lag sie, ohne sich zu bewegen,ohne zu denken.

Als die Uhr die zwölfte Stunde verkündete, sprangsie entsetzt auf.

Ein neuer Tag, ihr Trauungstag I Unmöglich konntesie länger ruhig bleiben. Sie sprang auf, kleidete sich anund schritt auf und ab. Eine Stunde verstrich. EinUhr schlug die kleine Uhr, ein Uhr klang es dumpf vomThurme.

Sie zog ein kleines, sorgsam verschlossenes Kästchenhervor und öffnete es. Es enthielt Rudolfs Photographieund die Briefe, die er ihr nach Sandypoint geschrieben.Sie las sie alle, einen nach dem andern und betrachtetedas geliebte Bild. Was mochte er jetzt thun? Zweifels-ohne schlief er ruhig und hatte sie vergessen, wie sie esverdiente. Gut, sie hatte es so gewollt und durfte nichtklagen. Seufzend legte sie Alles wieder in das Kästchenund flüsterte:Leb' wohl, Rudolf!" Sie konnte sichnicht entschließen, die teuren Reliquien zu vernichten.Es mochte ungerecht sein, wann aber hatte Edith sich jein günstigem Lichte gezeigt? So lange sie lebte undSir Victors Frau war, wollte sie Bild und Briefe nichtmehr besehen, zerstören aber konnte sie dieselben nicht.

Als sie das Kästchen schloß, schlug es sechs Uhr;ein Sonnenstrahl blinkte herein und erfüllte das Zimmermit goldenem Glänze. Wolkenlos und strahlend hattesich die Sonne an Edith's Trauungstag erhoben.

22. Kapitel.

Wie der Trauungstag endete.

Sie trat an's Fenster und blickte hinaus. AufGräsern, Blumen und Bäumen funkelten Millionen Thau-perlen. Im Hause war Alles munter, Sir Victor machteseinen Morgenspaziergang im Garten. Wie bleich undmager er aussah, so gar nicht wie ein glücklicher Bräu-tigam am Hochzeitstage!

Bald erschien auch Lady Helena mit der Zofe undEdith wurde bräutlich geschmückt. Wie schön sie war indem weißen Seidenkleide; das stolze, dunkle Antlitz blicktesternengleich aus den mystischen Wolken des Braut-schleiers, ihr Haar krönte ein Myrtenzweig, kostbarerSchmuck blitzte um ihren Hals, ein Geschenk von LadyHelena. Der Bräutigam hatte ihr ein fleckenloses, weißesBouquet gesandt.

Um elf Uhr bestieg sie den Wagen und fuhr zurKirche. Waisenkinder streuten Blumen und sangen denFestchor. Sie lächelte herab auf die kleinen, verwunder-ungsvollen Gesichtchen.

Die Kirche war überfüllt. War es der Mühe werth,sich zu drängen, zu drücken, um sie getraut zu sehen?

Eine Schaar Brautfräulein erwarteten die Braut, am

Altare stand der Rector von Chesholm, bereit das un-lösliche Band zu schlingen.

Ein Gewürme! der Bewunderung durchflog die Menge,als Edith an Lord Westmores Arm durch das Schiff derKirche schritt. Einen Moment später kniete sie an SirVictors Seite und die Ceremonie begann.

Laut und fest sprach die Braut ihrJa", in ge-brochenem Ton flüsterte es der Bräutigam.

Und was Gott zusammenfügt, soll der Mensch nichttrennen.

Es war vorbei, sie war Lady Chateron, und nichtshatte sich ereignet.

In der Sakristei werden sie von den Freunden um-ringt und beglückwünscht. Edith lächelt, Sir Victor aberist bleich und lächelt nicht. Seltsame Idee, aber Edithwar's, als sehe er sie voll Furcht an. An des GattenArm verläßt sie die Kirche.

Beim Frühstücksmahl bemühte er sich umsonst heiterund unbefangen zu erscheinen, versucht in einer Rede denGästen zu danken und es mißlingt. EigenthümlichesSchweigen beschleicht die Gesellschaft. Bereut der Baronso bald die Heirath mit dem bürgerlichen Mädchen?

Nachdem das Frühstück vorüber, kleidete sich dieBraut um und nahm in heiterer Ruhe von Allen Abschied.

Unter festlichem Glockengeläute verließen sie PowysPlace und der Wagen rollte der nächsten Bahnstationentgegen. Kein Wort wurde gewechselt. Wieder tauchtein Edith der Gedanke auf, daß Sir Victor sie fürchte.Wie seltsam er aussieht, wie sonderbar er von ihr Ab-stand nimmt, wie unverwandt er zum Fenster hinaus-starrt und ihren Anblick vermeidet! War er irrsinnig?

Die alte Prophezeihung hallt in ihrer Seele wieder,Geisterstimmen scheinen ihr ins Ohr zu flüstern:

Der Bräutigam am Hochzeitstag verwittwet steht:

Erlischt der Stamm der Name selbst vergeht."

Sollte sich das erfüllen? Sie blickt auf ihrenGatten hatte je ein Mann am Trauungstage solch'steinernes Gesicht? Und doch hatte er sie aus Liebe ge-heiratet, nur aus Liebe. Wie sollte an seiner Seitesich ihr Leben gestalten?

Golden neigte sich die Sonne gen Westen, als sieWales erreichten und die Equipage sie nach der Villa inCarnavan brachte.

Die junge Frau begab sich sofort in ihr Toiletten-zimmer. Sir Victor murmelte, er wolle am Strandeeine Cigarre rauchen, während sie ruhe.

Nachdem Edith Gesicht und Hände gewaschen, tratsie in den kleinen Salon und warf sich in ein Fauteuilam offenen Fenster.

Purpurverbrämt sank die Sonne hinab, die Kämmeder Wogen erblitzten gleich zahllosen Diamanten. Es istwunderbar schön, aber einschläfernd; ihre Lider sinken, sieschlummert.

Etwa eine Viertelstunde entfernt schreitet Sir Victoram Strande auf und ab, zu seinen Füßen murmelt undplätschert die unendliche See; über ihm trillern die Vögel,nirgends ist eine menschliche Seele. Rastlos geht er aufund nieder, die Hände geballt, die Lippen fest geschlossen.Jetzt bleibt er stehen und blickt verzweifelnd hinaus aufdie schimmernde See. Wie beseelt von göttlicher In-spiration fällt er auf die Knie und breitet die Arme demstrahlenden Firmament entgegen. Ein stürmisches Gebetentströmt seinen Lippen. Niemand hört es, als die schla-fende See, die zwischernden Vögel und Er, der sie ge-