den Inhalt seines Briefes. Etwas lag darunter, dassie nicht wissen sollte.
„Bleibt Miß Chateron in Johns Wood?" fragtesie gleichgiltig, um doch etwas zu sagen.
„Vorerst, ja, später beabsichtigt sie zu reisen."
„Kommt sie nicht nach Chateron Royals zurück?"
Schmerzlich zuckte es um Sir Victors Mund.
„Nein. Ihr Leben lang liegt sie unter dem Banndes Mordes."
„Und sie ist unschuldig?"
„Ja", entgegnete er ängstlich, beinahe scheu.
Sie sollte das Geheimniß des Mordes also nichterfahren.
Lady Helena ließ sich an dem Abend nicht sehen.
lieren und folgte ihr wie ihr Schatten. Hatte das Ge-spenst des Irrsinns ihn bereits erfaßt?
Der erste Oktober — täglich mehr trat der Wechselin Sir Victors Wesen hervor, er vermochte nicht zuessen, nicht zu schlafen, und ging, wie von Furien ge-peischt, bis in die Nacht auf und ab.
Edith quälte das Gefühl banger Sorge. Der Ge-danke, daß etwas geschehen müsse, daß die Trauung nieerfolgen würde, bemächtigte sich ihrer immer mehr. Siedurchwandelte die Räume vom Chateron Royals und eswar ihr, als sollte sie nie dessen Herrin sein.
In Carnavan war eine reizende Villa am Meeres-ufcr gemiethet, wo das junge Paar die ersten Wochenverleben sollte; ihr war's, als solle sie dieselbe nie sehen.
Grotzmüllerchens Märchenschatz.
Nach dem Originalgemälde von H. Werner.
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Als sie am folgenden Morgen zum Frühstück kam, er-schrak Edith über ihren Anblick. Die schöne, stattliche,ältliche Dame hatte sich in ein schwaches, altes Weib,mit unsicherem Schritt, bebender Hand und durchfurchtemGesicht verwandelt. Wie gebannt haftete ihr Auge aufdem Neffen, ihre Stimme wurde weicher, wenn sie mitihm sprach, sie liebte ihn sichtlich, mehr denn je.
Des Barons aber hatte sich eine fieberhafte Unruhebemächtigt, die ihn wie einen ruhelosen Geist von PowysPlace nach Chateron Royals und von Chateron Royalsnach Powys Place trieb. Manchmal saß er stundenlangmit gerunzelter Stirn in düstere Gedanken verloren, dannwurde er wieder unnatürlich lustig, lachte und sprachwild, so daß Edith ihn verwundert betrachtete. In keinerGemüthsstimwung aber mochte er sie aus dem Auge oer-
Eine Art Apathie ergriff sie, sie ließ sich von der Zeitfortreißen; was sein sollte würde geschehen. Es war frühgenug, aus dem Traume zu erwachen, wenn sie darausaufgeschreckt würde.
Am Vorabend der Trauung bekam die Braut Hals-und Kopfweh in Folge einer Erkältung. Lady Helenabestand auf feuchtwarmen Umschlägen und sandte sie nachTisch sofort ins Bett.
Der kurze Oktobertag senkte sich, die Gardinen wur-den zugezogen, die Lichter angezündet. Lady Helenablieb lange bei Edith und küßte sie beim Gehen zärtlich.
„Gute Nacht, Kind", sprach sie mit bebender Sümme,„Gott gebe, daß er Dich und Du ihn glücklich machst."
Noch zögerte sie, das Auge thränenumflort, das Herzso voll. Worte schienen auf ihren Lippen zu zittern,