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bylon. Regen drohte und begann während der Fahrtlangsam zu fallen.
Sir Victor kam es unglaublich vor, daß er jetzt denVater sehen sollte, den Vater, der wie aus dem Grabeerstanden war.
Sie bestiegen einen Wagen, und bald kamen dieBäume vom Regents-Park in Sicht. Lady Helena gabdem Kutscher ein Zeichen, und sie hielten vor dem Thoreder einsamen Villa Poplar Lodge.
Es war ein ödes, gefängnißarttges Haus; die esumgebende Mauer war hoch, dichte Bäume verhindertenjeden Einblick durch das Gitter.
Und hier hatte sich Jnez Chateron zweiundzwanzigJahre lang mit einem Irren und zwei alten Dienstleutenbegraben.
Mehrere Minuten vergingen, bis ein schlürfenderTritt sich näherte und die Thüre geöffnet ward.
Ein weißhaariger Mann stand vor den Kommenden.
„Kommen wir recht, Hooper?" fragte ihn LadyHelena athemlos, „ist Dein Herr noch — —"
„Am Leben? Ja, Mylady."
Der alte Diener heftete sein trübes Auge auf Sir Victor.
„Wie sein Vater", flüsterte er, das greise Hauptschüttelnd.
Eine andere Thüre öffnete sich; Jnez erschien aufder Schwelle, ihr bleiches Antlitz schien durch nichts blässerwerden zu können, aber ihr dunkles Auge heftete sich vollunendlichen Mitleids auf den jungen Mann.
„Ist er bei Verstand?" fragte Tante Helena wieder.
„Ja, er ist seit gestern ganz vernünftig und ver-langte sofort, daß nach seinem Sohne gesandt und ihmdie Wahrheit gesagt werde."
Schluchzend bedeckte Lady Helena das Gesicht.
Jnez' Züge behielten die marmorne Ruhe.
„Wartet einen Augenblick, ich muß ihm melden, daßIhr gekommen seid."
Gefaßt erwartete Sir Victor das Ende; er wußte,daß die Tante weinte, bittere Thränen um ihn.
Grabesruhe schien über dem ganzen Hause zu liegen.
„ Kommt I" rief Jnez' weiche Stimme.
Schweigend schreiten sie die Treppe hinauf. Manhörte nichts als das Rauschen der Bäume und das Fallendes Regens. Unzerstörbar heftete sich das Bild in desjungen Mannes Seele. Des Zimmers düstere Beleuch-tung, das große, weiße Lager, das Todtenantlitz desMannes, der in den Kissen lag und ihn mit hohlenBlicken ansah — sein Vater — endlich I Wie bezaubertnahte er sich ihm. Fest heftete sich das gespenstische blaueAuge auf ihn, und die bleichen Lippen flüsterten:
„Wie ich — wie ich war — Meta's Sohn!"
„Mein Vater!"
Er ließ sich entsetzt auf die Knie nieder. Zum erstenMale war er in Gegenwart des Todes, und der Sterbendewar sein Vater, den er noch nie gesehen.
„Wie ich" — sprachen die blauen Lippen wieder,„mein Gesicht, meine Größe, mein Alter. Mein Gott,wird sein Ende dem meinen gleichen?"
Entsetzen durchbebte Alle. Der Sohn suchte desVaters Hand zu fassen, er zog sie zurück.
„Warte!" sprach er schmerzlich, „berühre mich nicht,sprich nicht mit mir. Knie nicht, Du weißt nicht, wasDu hören sollst. Jnez, sag' es ihm jetzt."
Mit unveränderter Miene bedeutete Jnez die Be-sucher sich zu setzen — es war, als könnte nichts «ehr
sie erregen — — küßte den Sterbenden und begannmit fester Stimme die Erzählung.
Eine halbe Stunde mochte verstrichen sein. Die Ge-schichte war erzählt.
Schweigen herrschte im Zimmer. Mit verhülltemAntlitz saß Lady Helena regungslos in ihrem Stuhle,der Sterbende starrte seinen Sohn an, fester und festerumklammerte ihn der Tod. Jnez hielt seine Hand.
Der Sohn hatte sich erhoben und stand bleich mittenim Zimmer. Was hatte er gehört? Wachte oder träumteer? War all' das geisterhafter Spuk — oder o Him-mel. war es wahr?
„Laßt mich hinaus", lauteten seine ersten Worte,„ich ersticke hier oder werde wahnsinnig."
Wie ein Betrunkener wankte er der Thüre zu.
Mit thränenden Augen und ausgestreckten Armenfolgte ihm die Tante.
„Victor, mein Junge, um Himmelswillen, sprich!"
Er machte eine abweisende Bewegung.
„Fort von mir", sprach er heiser, „lass' mich allein,noch kann ich mit Niemand sprechen."
Barhaupt ging er hinaus in den Garten und schrittim Regen auf und ab. Eine Stunde verging, er küm-merte sich um nichts, er war betäubt und unfähig zudenken. Sein Inneres war ein Chaos und lange währtees bis die Fähigkeit des Denkens wiederkehrte.
Plötzlich hörte er einen lauten Schrei.
„Komm', komm!" rief die Tante und eilte den Pfadentlang, „er stirbt!"
Sie zog ihn ins Haus, die Treppe hinauf insZimmer des Sterbenden. Aber der Tod war ihnen zu-vorgekommen. Bleich und starr lag die Leiche vor ihnen.Schluchzend beugte sich Jnez über den geliebten Todtenund benetzte sein Antlitz mit Thränen. Wie ein Stein-bild stand der Sohn daneben und starrte auf dasTodtenantlitz.
21. Kapitel.
Wie der Trauungstag begann.
Sechs Tage später kehrte Sir Victor und LadyHelena zurück.
Für Edith war die Zeit angenehm und ruhig ver-strichen. Auffallend war nur gewesen, daß in der ganzenZeit nur ein Billet von Sir Victor einlief, ein seltsamerunzusammenhängender Brief, der des Vaters Tod unddessen Bestattung auf einem städtischen Friedhof, damitdas Geheimniß seines Lebens und Todes unverletzt bleibe,meldete, und die Kunde brachte, daß das traurige Ereig-niß die Hochzeit nicht verschieben, sondern dieselbe amdritten Oktober stattfinden sollte. Hätte Edith den Ver-lobten geliebt, so hätte sein Schweigen sie verletzen müssen.
Spät am Abend des sechsten Tages kehrten siezurück. Der Baron umarmte seine Braut in stürmischerFreude, kalt entzog sie sich seiner Liebkosung.
„Ich freue mich, Dich wiederzusehen", sprach sieruhig, „aber Du stehst nicht gut aus, der Verlust hatDich sehr angegriffen."
Wirklich schien er um Jahre gealtert, und in seinenZügen lag ein unbeschreibliches Etwas. Um ihn so zuverändern, mußte sich mehr ereignet haben, als der Toddes ihm unbekannten Vaters. Neugierig blickte sie aufihn. Ob er ihr die Erlebnisse wohl mittheilte?
Er that es nicht. Düster schaute er in die rotheGluth und wiederholte, wie eine auswendig gelernte Lektion